Vineta

Der Sage nach lag einst auf der Ostseeinsel Usedom eine wohlhabende und mächtige Handelsstadt namens Vineta. Es war eine schöne Stadt. Prunkvolle Paläste säumten die Straßen, breitausladende Marmortreppen führten zu ihnen empor, und die Dächer leuchteten in der Sonne wie pures Gold. Im Hafen drängten sich die Schiffe aus aller Welt und brachten nicht nur Reichtum in die Stadt, sondern auch fremde Menschen aus vielen Ländern. Aber der Reichtum machte die Bewohner Vinetas stolz und herzlos. Sie tranken Wein aus silbernen Pokalen und aßen aus goldenen Schüsseln. Auch ihre Pferde ließen sie mit Gold und Silber beschlagen. Brot war ihnen zu ärmlich, sie säuberten ihre Kinder damit und gaben ihnen den kostbarsten Schmuck zum Spielen. Doch Gott bestrafte die Bürger von Vineta für ihr schlimmes Leben. In einer wilden Winternacht wälzte sich eine Sturmflut über die Stadt und riss sie mit allen ihren Menschen und Schätzen in die Tiefe. In wenigen Stunden war vernichtet, was für die Ewigkeit geschaffen schien. Bei klarem Wetter kann der Schiffer, der heute über die Ostseefährt, noch die Trümmer Vinetas auf dem Meeresgrund sehen, die Straßenzüge und das Mauerwerk der zerfallenen Häuser. Und einmal im Jahr – manche sagen am Johannistag, andere glauben, dass es der Jahrestag der Zerstörung sei – erscheint Vineta an der Meeresoberfläche, und in der Mittagsstunde sollen die Glocken seiner Kirchen zu hören sein. Die Schiffer fürchten sich davor, denn es heißt, wer die Glocken von Vineta läuten hört, werde ein Opfer der See.

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Info 18.11.2017 12:55
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