Rungholt

Die Bewohner von Rungholt auf Nordstrand waren reiche Leute, aber ihr Reichtum machte sie übermütig. Sie wussten bald nicht mehr, was sie alles anstellen sollten, um das Schicksal herauszufordern, weil ihrem Geld nichts auf der Welt widerstand. Am Weihnachtsabend des Jahres 1300 setzten sie ihrem Übermut die Krone auf. Sie machten ein Schwein so betrunken, dass es wie tot dalag. Dann setzten sie ihm eine Schlafmütze auf und legten es ins Bett. Aber das war ihnen noch nicht genug, sondern sie schickten einen Bauern zum Pfarrer und baten ihn, zu kommen und einem Sterbenden das Abendmahl zu bringen. Als der Pfarrer kam und sah, was da im Bett lag, wandte er sich zornig ab. Doch die Bauern waren damit nicht einverstanden. Sie bedrohten ihn und schworen, ihn umzubringen, wenn er ihnen nicht ihren Willen täte. Als der Geistliche aber fest blieb, ließen sie ihn doch gehen, weil sie sich nicht an ihn heranwagten. Auf seinem Heimweg kam der Pfarrer am Wirtshaus vorbei. Ein paar junge Männer traten gerade aus der Tür und fragten ihn, wo er gewesen sei. Er erzählte ihnen von dem bösen Streich. Die Männer fanden das sehr ulkig, ließen es ihn aber nicht merken. Sie lobten die Standhaftigkeit des Pfarrers und fragten ihn, ob er noch das Allerheiligste bei sich trage. Als er das bejahte, baten sie ihn, ihnen doch die Hostie zu zeigen. Der Geistliche nahm die silberne Dose aus der Innentasche seines Rockes, aber die Männer entrissen sie ihm, holten die Opladen heraus und begossen sie drinnen in der Wirtstube mit Wein. Unter brüllendem Gelächter schrien sie, wenn Gott wirklich in diesem Gebäck sei, dann müsse er auch mit ihnen saufen. Nach einiger Mühe nahm der Pfarrer die durchtränkten Hostien wieder an sich, legte sie in die silberne Dose zurück, eilte zur Kirche und bat den lieben Gott flehend, die Leute zu bestrafen, die ihn verspottet hatten. Nachts im Traum beschwor dann den Pfarrer eine Stimme, schnell den Ort zu verlassen, an dem man keine Ehrfurcht vor Gott mehr hatte. Kaum hatte er sich von Rungholt entfernt, als sich ein großer Sturm erhob. Das Wasser der See drang weit ins Land hinein und überschwemmte alles, ehe die Bewohner Haus und Hof verlassen und sich retten konnten. Kein Mensch kam mit dem Leben davon. In späterer Zeit noch wollen vorüberfahrende Schiffer den versunkenen Ort auf dem Grund des Meeres gesehen haben, und in windstillen Nächten soll man die Glocke des Kirchturms von Rungholt läuten hörren.

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Info 18.12.2017 00:19
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