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Der Rattenfänger von Hameln

Kein Mensch kann sich erklären, woher die Scharen von Ratten und Mäusen kamen, die Ende des 13. Jahrhunderts die Stadt Hameln überfielen und ihre Bürger so plagten, dass sie nicht mehr aus noch ein wussten. Drum waren sie froh, als ein fremder, wunderlich gekleideter Mann in der Stadt auftauchte und sich erbot, die Ratten gegen einen angemessenen Lohn zu vertreiben. Seine Forderung war nicht gerade bescheiden, aber die Stadträte sagten gern ja. Schwindelte er, dann brauchte man ihn ja nicht zu bezahlen, befreite er sie jedoch von der Plage, so sollte er sein Geld gern haben. Der Fremde aber schien seiner Sache sicher zu sein. Er zog eine Flöte hervor, spielte darauf eine eigenartige Melodie und ging langsam durch die Stadt. Da kamen aus allen Löchern und Winkeln die Mäuse und Ratten heraus und folgten ihm zu Hunderten, zu Tausenden, zu Zehntausenden. Kein einziges Tier blieb mehr in seinem Nest. So zogen sie in hellen Scharen hinter dem merkwürdigen Gesellen her. Als der Fremde zur Weser kam, zog er die Schuhe aus, krempelte die Hosen hoch und ging munter in den Fluss hinein, unentwegt auf seinem Instrument blasend. Wie gebannt folgten ihm die Tiere und kamen elend im Wasser um. Mit großer Verwunderung beobachteten die Hamelner dieses Schauspiel. Da es dem Fremden aber offensichtlich sehr leicht gefallen war, die Plagegeister zu ertränken, bereuten sie ihre Zusage und weigerten sich, ihm den versprochenen Lohn zu zahlen. Da schwor der Rattenfänger der geizigen Stadt Rache. Bald darauf war Johannistag und alle Hamelner waren in der Kirche. Das schien dem Rattenfänger der richtige Zeitpunkt, um seinen Plan durchzuführen. Als Jäger verkleidet, mit einem feuerroten Hut und einer Hahnenfeder darauf, schritt er durch die menschenleeren Gassen. Und wieder nahm er seine Pfeife aus dem Sack und pfiff munter vor sich hin. Anstatt der Ratten aber kamen jetzt die Kinder aus den Häusern und folgten ihm. Auch die Tochter des Bürgermeisters war dabei. Bevor die Eltern aus der Kirche kamen, waren alle verschwunden. Ein Kindermädchen aber hatte alles beobachtet und erzählte den aufgeregten Leuten, was geschehen war. Schreiend und weinend rannten sie davon und suchten ihre Kinder. Aber sie fanden keine Spur mehr von ihnen. Da erfüllten großes Wehklagen und Trauer die Stadt. 130 Kinder waren ihren Eltern entführt worden. Niemand hat sie wiedergesehen.

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