Die Eselseier

Die Bürger von Wasungen in Thüringen werden noch heute damit aufgezogen, dass bei ihnen einmal Eselseier ausgebrütet wurden. Eines Tages kam nämlich ein Fuhrmann mit Roß und Wagen in die Stadt. Er hatte Kürbisse geladen, und da man die in Wasungen noch nie gesehen hatte, glaubten die Leute, es seien Eier. Der Fuhrmann ließ sie bei ihrem Glauben. Als ihn ein Neugieriger fragte, was für eine Art Eier das sei, antwortete der nichtsnutzige Fuhrmann, es seien Eselseier, die er nach Hamburg zum Ausbrüten bringen wolle. Darüber staunten die Wasunger sehr. Und da sie schon immer gern einen Esel gehabt hätten, baten sie den Fuhrmann, ihnen einige Eier zu verkaufen. Der ließ sie sich teuer bezahlen und fuhr davon. Die Wasunger aber trugen ihre Eier auf den Berg, bereiteten dort ein Nest und legten sie hinein, um sie von ihren Frauen ausbrüten zu lassen. Die waren sehr begeistert von dem Plan, schon aus Neugier und Wichtigtuerei. Eine der Frauen setzte sich gleich aufs Nest, aber sie fing es so ungeschickt an, dass ein Ei dabei herausgedrängt wurde und den Berg hinunterrollte. Die Frau schrie vor Schreck laut auf, und die Männer liefen herbei und sahen gerade noch, wie das Eselsei in eine Hecke hineinsauste und dort in Stücke ging. Im gleichen Augenblick aber sprang ein Hase heraus und verschwand im Zickzack-Lauf im Wald. Als die Wasunger seine langen Ohren sahen, glaubten sie, es sei ein junges Eselchen, das dem Ei entschlüpfte und nun umkommen müsse, weil es nicht mehr zum Nest zurückfand. Das war um so schmerzlicher für sie, weil sich die anderen Eier leider als unfruchtbar erwiesen. So kam es, dass es in Wasungen keine Esel gab – wenigstens keine Vierbeinigen.

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Info 21.02.2018 18:23
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