Der verschwundene Bauer

Einmal im Jahr, in der Johannisnacht zwischen elf und zwölf, blüht eine seltsame Pflanze. Sie heißt Rainfarren und hat die Kraft, Menschen unsichtbar zu machen. In solch einer Nacht fuhr ein Bauer aus der Gegend um Brodewin in der Mark mit seiner Frau zur Stadt. Da der Weg schlecht und der Wagen schwer beladen war, stieg er ab, um neben dem Fuhrwerk zu gehen. Lustig unterhielt er sich mit seiner Frau, aber plötzlich konnte sie ihn nicht mehr sehen. Sie rief erschrocken seinen Namen, und er antwortete ihr ganz ruhig, denn er selbst wusste ja nicht, dass er unsichtbar war. Die Bauersfrau konnte sich das nicht erklären, denn sie sah die Zügel, die richtig gehalten wurden, aber keine Hände, die sie führten. Ihr Mann sprach weiter mit ihr und verstand nicht, warum sie solch ein bestürztes Gesicht machte. In der Stadt war es das Gleiche. Aber der Gastwirt war ein vielerfahrener Mann und wusste Rat. Er sprach mit dem Bauern, den er nicht sah, und bat ihn schließlich, seine Schuhe auszuziehen. Im Augenblick, als das der Bauer tat, sahen sie ihn wieder. Dafür war der Wirt verschwunden, denn er hatte die Schuhe angezogen. Nach einer Weile erschien er wieder und klärte die ganz verdatterten Bauersleute auf: Der Bauer war, als er vom Wagen stieg, in die Blüten des Rainfarrens getreten; die fielen in seine Schuhe und machten ihn unsichtbar. Die Blüten nahm der Wirt an sich. Er hat sie bis zu seinem Tod noch oft verwendet.

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Info 22.11.2017 17:27
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