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Der Ring der Fastrada

Karl der Große, der mächtige Frankenkaiser, liebte seine Frau Fastrada über alles. Auch sie hing zärtlich an ihrem Mann. Deshalb war sie bekümmert darüber, dass er so oft nicht bei ihr war, denn er hatte ein großes Reich zu verwalten und viele Kriege zu führen. Als sich der Kaiser einmal in seiner Pfalz an den Ufern des Züricher Sees aufhielt, sah er vom Söller auf den Gedenkstein hinunter, den er zum Gedächtnis der christlichen Märtyrer Regula und Felix hatte errichten lassen. Es war ein Glöckchen darin angebracht, das jeder läuten durfte, der an den Kaiser eine Bitte hatte. In diesem Augenblick hörte er den leisen Klang der Bittglocke, aber niemand war da, der das Glockenseil gezogen hatte. Kopfschüttelnd ging er in sein Gemach zurück. Am nächsten Tag erklang das Glöckchen abermals, und wieder trat der Kaiser auf den Söller, konnte aber niemand entdecken. Da befahl der Kaiser einem Edelknappen, sich im Gebüsch zu verstecken und aufzupassen. Am nächsten Mittag beobachtete der Knabe eine Schlange, die vom See her zur Säule kroch, sich an ihr emporwand und das Glockenseil auf und ab zog. Er eilte zum Kaiser und berichtete, was er gesehen hatte. Der erhob sich und begab sich zum Gedenkstein. Dort verneigte sich die Schlange ehrfürchtig vor ihm und kroch dann in ihre Höhle am See. Als der Kaiser ihr folgte, sah er, dass sich auf den Schlangeneiern eine riesige, hässliche Kröte breitgemacht hatte. Nun verstand er die Bitte der Schlange. Er ließ von seinen Begleitern die Kröte töten, und die Schlange dankte ihm mit einer neuen Verneigung. Nach einigen Tagen aber kam sie in das kaiserliche Gemach, schlang sich am Tischbein empor und ließ in den Pokal des Kaisers einen großen, funkelnden Edelstein fallen. Dann verschwand sie so schnell, wie sie gekommen war. Erstaunt nahm Kaiser Karl das Geschenk aus dem Kelch. Weder er noch seine Edlen hatten je einen so kostbaren Stein gesehen. Deshalb ließ er ihn von seinem besten Goldschmied zu einem Ring verarbeiten und schenkte ihn seiner Gemahlin, die ihn Tag und Nacht an ihrem Finger trug. Der Ring aber besaß eine wunderbare Zauberkraft: Noch liebevoller verband er den Kaiser mit seiner Frau. Eines Tages aber erkrankte Fastrada schwer und starb. Dem Kaiser brach die Trauer um die geliebte Frau fast das Herz. Tag und Nacht saß er neben ihr im Sterbezimmer, und niemand konnte ihn dazu bewegen, die Kaiserin, die einbalsamiert worden war, zu Grabe tragen zu lassen. Das erfuhr auch Turpin, der Erzbischof von Reims. In seiner Sorge um den geliebten Herrn bat er Gott um Hilfe. In der gleichen Nacht hatte er einen seltsamen Traum: Er sah den Kaiser vor dem Bett seiner toten Frau knien und auf den Ring starren, der in überirdischer Schönheit leuchtete. Als der Bischof erwachte, wusste er, was er tun musste. Er machte sich auf den Weg zum Kaiser, trat ins Sterbezimmer, segnete die Tote und zog ihr dann den Ring vom Finger. Im gleichen Augenblick erhob sich der Kaiser, als ob ein Bann von ihm gewichen sei, erkannte den Bischof, fiel vor ihm aufs Knie und küsste ehrfürchtig die Hand. Er wandte auch nichts mehr dagegen ein, dass man die Tote zu ihrer letzten Ruhestätte nach St. Alban zu Mainz brachte und sie dort mit großer Feierlichkeit bestattete. Der Ring aber, den der Erzbischof an sich genommen hatte, verlor seine Kraft noch immer nicht. Er band den Kaiser an den greisen Kirchenfürsten, dass er ihn immer um sich haben wollte. In allen Fragen, die das Reich oder ihn selbst betrafen, erbat er seinen Rat. Und da der Erzbischof ein kluger und frommer Mann war, war es zum Besten des ganzen großen Reiches. Nach Jahren, als Herr Turpin den Kaiser wie immer auf einer Reise begleitete, warf der Bischof heimlich den Ring in ein Gewässer. Seit diesem Tag zog es den Kaiser immer wieder dorthin. Er ließ sich an diesem Ort eine Pfalz errichten, um die im Laufe der Zeit die Stadt Aachen entstand. In Aachen fand der große Frankenherrscher auch seine letzte Ruhestätte – dort, wo der Ring der Fastrada noch heute auf dem Grund des Wassers liegt.

emu