Das verwunschene Brautpaar

In einem Dorf am Kyffhäuser lebte einst ein Taglöhner, der sehr arm war. Er hatte eine reizende Tochter, die mit einem tüchtigen, aber ebenso armen Mann verlobt war. Die Hochzeit stand vor der Tür, und dazu hatten sie ein paar Gäste eingeladen. Als aber der Tag der Trauung herankam, stellten sie zu ihrem Schrecken fest, dass nicht genügend Geschirr vorhanden war. Die Tochter bat ihren Vater um Rat. Der sah sie eine Weile nachdenklich an, fuhr sich verlegen mit der Hand durchs Haar und sagte dann: »Geh mit deinem Herzallerliebsten auf den Kyffhäuser und sieh zu, dass euch die verzauberte Prinzessin aus eurer Not hilft.« Da machten sich die jungen Leute auf und stiegen wirklich auf den Berg, obwohl sie das Unternehmen nicht ganz für ernst nahmen. Aber dort wartete bereits die Prinzessin auf sie, begrüßte sie freundlich und bat sie, ihr in den Berg zu folgen. Sie mussten sich niedersetzen, mit der verwunschenen Jungfrau essen und trinken und bekamen dann alles, was sie zu ihrer Hochzeit brauchten. Kaum konnten sie die Last tragen, die ihnen die hilfsbereite Prinzessin aufnötigte. Die jungen Leue bedankten sich sehr höflich für die große Güte und verließen dann den Berg. Sie beeilten sich nun und bemerkten dabei gar nicht, dass sich inzwischen an ihrem Weg manches verändert hatte. Erst als sie in ihr Dorf kamen, erschraken sie, denn sie fanden die Hütte des Taglöhners nicht mehr. Dort, wo sie gestanden hatte, war jetzt ein großer Bauernhof. Auch die Menschen, die ihnen begegneten, waren ihnen fremd. Sie schienen wie aus einer anderen Welt. Bevor sie sich von ihrem Verwundern erholt hatten, kam ein Pfarrer auf sie zu, den sie an seinem Talar erkannten, und fragte sie, woher sie kämen und wie sie hießen. Sie gaben ihm Antwort und erzählten ihm von ihrem Gang zum Kyffhäuser. Der Pfarrer schüttelte den Kopf und bat sie, mit ihm ins Pfarrhaus zu kommen. Dort blätterte er im Kirchenbuch, weil er eine merkwürdige Ahnung hatte und fand darin, dass vor zweihundert Jahren ein Brautpaar zum Kyffhäuser gegangen und nicht mehr zurückgekehrt war. Schweigend verließen die beiden, die sich auf einmal sehr alt und gebrechlich fühlten, das Pfarrhaus und gingen zum Friedhof, wo sie die Gräber ihrer Bekannten und Verwandten fanden. Dort legten sie sich nieder. Als man sie nach einigen Tagen suchte, fand man sie tot neben den Gräbern ihrer Angehörigen.