Der Schlangenbändiger

Am Silberbrunnen beim Wartberg weidete einmal ein Hirte sein Vieh. Es war ein Sonntag im Mai, wie er nicht hätte schöner sein können. Als der Hirt gerade seine Mittagsruhe hielt, schreckte ihn ein Geräusch aus dem Schlummer. Ein seltsam gekleideter Mann kroch aus dem Strauchwerk. Er trug auf dem Rücken einen kleinen Kessel und auch sonst allerlei Gerät, von dem der Hirt nicht wusste, wozu es gebraucht werden könnte. Der Fremde nickte dem jungen Hirten freundlich zu, beachtete ihn aber nicht weiter, sondern sammelte dürres Reisig und entfachte ein Feuer. Darüber hing er einen Kessel mit Wasser und legte ein Säckchen, einige Büchsen und Tücher auf dem Boden zurecht. Dann winkte er dem Hirten heran, zog mit einem weißen Stab drei Kreise um sich, nahm eine Pfeife aus der Tasche und flötete eine zauberhafte Melodie. Sobald der erste Ton erklungen war, kamen Schlangen und anderes Gewürm gekrochen, zuletzt sogar ein riesiger Lindwurm, der fauchend seinen Rachen aufriss. Von einer hohen Ulme aber wand sich eine schneeweiße Schlange mit einer goldenen Krone auf dem Kopf den Baumstamm herunter und kroch auf das Tuch, das der Zauberer ausgebreitet hatte. Der sprang schnell hinzu, schlug das Tuch über dem Tier zusammen und steckte die Krone in seine Tasche. Nun schien auch die Angst vor dem Lindwurm von ihm gewichen, denn er trat dem Drachen mutig entgegen, spießte ihn mit einem Stock auf den Boden und pfiff dann auf seiner Flöte so misstönend, dass die Schlangen und alles andere Getier sich schleunigst wieder in Spalten und Rissen verkrochen. Der Hirt konnte sich nicht erklären, was da vorging und stand wie erstarrt, als der Fremde das Tuch, in dem die weiße Schlange gefangen war, löste, die Schlangenkönigin, denn das war sie, herausnahm und sie tötete. Er schnitt sie in Stücke, die er im Kessel über dem Feuer kochte. Es duftete köstlich. Trotzdem konnte sich der Hirt nicht überwinden, von der Speise mitzuessen, als ihn der Zauberer dazu aufforderte. Endlich ließ er sich doch überreden, einen kleinen Schluck von der Schlangensuppe zu kosten. Aber da wurde ihm ganz seltsam zumute. Vor seinen Augen öffnete sich der Berg zu einer riesigen Höhle, die voller Gold und Silber war. Als der Zauberer ihn einlud, sich die Tasche mit den Kostbarkeiten zu füllen, griff er mit Freuden zu. Der Fremde sagte ihm, wenn er von dem Schlangenfleisch gegessen hätte, wären die Höhle und ihre Schätze immer für ihn offen gewesen. So aber habe er nur dieses eine Mal Zutritt. Dann nahm der Zauberer Abschied von ihm, schenkte ihm aber noch ein Wunschtüchlein und lud ihn zu einem Besuch in Venedig ein, denn das sei seine Heimat. Monate und Jahre vergingen. Eines Tages beschloss der Hirt, die Kraft des Zaubertüchleins zu erproben und wünschte sich nach Venedig zu dem Fremden. Im Handumdrehen war er in der Stadt am Meer, wo ihn der Zauberer herzlich begrüßte. Er führte ihn durch seine prächtigen Zimmer, beschenkte ihn reich und gab ihm zuletzt eine kleine goldene Kutsche mit sechs goldenen Pferden davor. Das alles nahm der Hirt mit nach Hause und lange wurden die Kostbarkeiten in seiner Familie aufbewahrt, bis sie ins Museum nach Gotha kamen.

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Info 26.09.2017 - 22:03
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