Die Entenjagd

In Niedersachsen, dort, wo die Hunte den Dümmer durchfließt, weidete einst ein Hirtenknabe seine Herde. Er war müde von der Sommerhitze und döste so vor sich hin. Plötzlich aber war er hellwach, denn auf dem See schwammen drei prächtige weiße Enten, wie er noch keine gesehen hatte. Schnell lief er ans Ufer und warf Brotkrumen zu den Tieren, um sie zu locken und fangen zu können. Aber das gelang ihm nicht, denn wenn die Enten auch herankamen, immer entschlüpften sie ihm, sobald er nach ihnen griff. Da verfiel er auf eine List. Er holte ein großes Brett, warf es ins Wasser, sprang darauf und stieß sich mit seinem Hirtenstab vom Ufer ab. Die Enten schwammen schnatternd vor ihm her, und er merkte gar nicht, dass er sich immer weiter vom Ufer entfernte. Erst in der Mitte des Sees drehte er sich um. Aber dabei geriet sein Floß ins Schwanken, er stürzte ins Wasser und sank immer tiefer. Schließlich verlor er die Besinnung. Als er wieder zu sich kam, lag er auf einem Bett in einem großen Saal und bei ihm standen drei wunderschöne Mädchen. Die lächelten ihm lieblich zu und fragten ihn, ob er bei ihnen bleiben wolle. Allerdings verrieten sie ihm nicht, dass er nie mehr in sein Dorf zurückkonnte, wenn er länger als drei Tage blieb. Der arme Hirtenbub, der bisher nur Not und Entsagung kannte, fand das Leben wunderbar, das ihm hier winkte. Also blieb er und die Mädchen taten alles, damit er sich wohlfühle. Aber so gut es ihm auch ging, mit der Zeit bekam er doch Heimweh nach seinem Dorf und nach seiner Herde. Er wurde immer bedrückter, und als er den Mädchen den Grund seines Kummers sagte, ließen sie betrübt die Köpfe hängen. Sie waren sehr traurig, dass der Hirtenjunge sie verlassen wollte, mochten ihm aber seinen Wunsch auch nicht abschlagen. Als er am nächsten Morgen erwachte, sah er, dass er wieder auf der Wiese am Dümmer lag. Aber er war inzwischen ein stattlicher junger Mann geworden, und seine Pflegeeltern erkannten ihn kaum wieder, als er nach Hause zurückkam. Auch seine ehemaligen Freunde staunten sehr über ihn, und er musste ihnen immer wieder von seinen Erlebnissen erzählen. Je länger er zu Hause war, desto unruhiger wurde er. Er dachte an die herrliche Zeit mit den Wasserjungfrauen, und immer wieder ging er an den See, um vielleicht die Mädchen wiederzusehen. Aber sie kamen niemals mehr. Eines Tages legte er sich ans Ufer, kehrte nicht mehr ins Dorf zurück und starb einsam vor lauter Sehnsucht. Da glitt von der Mitte des Sees ein großes Boot heran, in dem die drei Mädchen in Trauergewändern saßen. Sie trugen den toten Freund in ihr Fahrzeug. Dann glitt das Schiff wieder zur Seemitte zurück und verschwand, als ob es sich in Nebel auflöse. Drei weiße Enten schwammen noch eine Weile an der Stelle und tauchten dann ins Wasser. Weder sie, noch das Schiff, das den toten Jüngling davontrug, hat man jemals wiedergesehen.

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Info 23.11.2017 19:26
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