Der Schwan auf dem See

In alten Zeiten war der Warndtweiher ein großer See, von riesigen Bäumen umstanden, die ihre dunklen Schatten auf ihn warfen. Auf diesem See lebte ein weißer Schwan, den aber nur wenige Menschen sahen, weil sich niemand in die Dunkelheit der Wälder auf dem Warndt wagte. Ein Jägersmann aber, der einen Hirsch verfolgte, stand eines Tages plötzlich vor dem düsteren Gewässer und sah den schönen Schwan in ruhiger Gelassenheit über den Wasserspiegel dahingleiten. Da gab er die Verfolgung des Hirsches auf, denn der Schwan schien ihm eine verlockendere Beute zu sein. Er legte seine Kleider ab, um dem herrlichen Tier nachzuschwimmen. Aber noch ehe er ins Wasser springen konnte, trat ein Zwerg auf ihn zu und riet ihm, seinen Plan aufzugeben, denn der Tod warte auf ihn im See. Wenn er aber Geduld habe, auf den rechten Tag zu warten, dann könne er den Schwan erlösen und werde wunderbar belohnt. Wann das sei, könne er ihm nicht sagen. Doch es werde nicht länger als sieben Jahre dauern. Nach diesen Worten verschwand der Zwerg. Der Jäger wusste nicht, was er tun sollte und überlegte lange. Dann aber entschloss er sich, sein Glück zu versuchen. So wartete er Tag und Nacht, bis er im Dämmergrau des siebenten Morgens einen zarten Gesang vom See her hörte. Er lief ans Ufer und beugte sich, um besser hören zu können, so weit über das Wasser, dass dabei seine linke Hand hineintauchte. Da verstand er auf einmal die Worte der Sängerin: »In der Walpurgisnacht werde ich von niemandem bewacht. Dann kannst du mir die Hände reichen. Nimm den Kahn, der am Ufer liegen wird und hole mich ab, wenn die Sonnwendfeuer auf den Bergen brennen.« So sehr der Jäger auch Ausschau hielt, er konnte weder den Schwan noch die Sängerin sehen. Da ging er gedankenverloren nach Hause und weiter seiner Arbeit nach. Er konnte den Walpurgistag kaum erwarten. Aber als er dann, wie die Stimme ihn gebeten hatte, an den See kam, war es vergebens. Auch im nächsten Jahr ereignete sich nichts. So kam er sieben Jahr lang, aber beim letzten Mal fand er einen roten Kahn unter einer großen Erle versteckt. Unruhig wartete er, bis die Sonnwendfeuer auf den Bergen emporloderten. Als er endlich ihren Schein am nächtlichen Himmel sah, stieg er in den Kahn und ruderte über den See. Da hörte er eine Stimme, er dürfe sich nicht umsehen, sondern solle immer dahin rudern, wo am Morgen die Sonne aufgehe. Erst, wenn er wieder auf festem Boden sei, dürfe er zurückblicken. Der Jäger tat, wie ihm gesagt worden war. Als er festen Grund unter dem Kahn spürte, sprang er an Land und sah sich um. Da stand eine wunderschöne Jungfrau, die ihn glücklich anlächelte und sagte, dass er sie erlöst habe. Ihr Federkleid schwamm auf dem See davon, als er sie in seine Arme nahm.