Das Verhalten der Säugetiere

Das Verhalten der Tiere kommt durch das Zusammenspiel von automatisch ablaufenden Reflexen, ererbten Instinkten, individuell erlernten Handlungsweisen und – in beschränktem Umfang – durch Einsicht zustande. Bei den Säugetieren haben die Komponenten des Lernens und der Einsicht einen bedeutenden Anteil. Doch sind auch Säugetiere in ihrem Verhalten weniger frei, als man gewöhnlich meint. Einerseits wird das Verhalten weitgehend durch Hunger, Durst und Geschlechtstrieb, die stärksten lebenserhaltenden Triebe, bestimmt. Andererseits ist der Ablauf der Handlungen oft bis in Einzelheiten festgelegt. Verhaltensweisen, die immer in typischer, gleicher Form ablaufen, wirken für andere Tiere (vor allem Artgenossen) als wichtige Signale. Diese »Rituale« spielen z. B. bei der Begrüßung, beim Drohen, Imponieren und bei der Balz eine Rolle und sind angeboren wie Körpermerkmale, so dass Artgenossen einander daran erkennen. Arterhaltende Verhaltensmuster
Viele soziale Verhaltensweisen der Säugetiere sind auf das Überleben der Art gerichtet. So jagen Wölfe in Rudeln, wodurch sie ihre Beute sicherer fangen können. Die Beutetiere haben spezielle Verhaltensweisen entwickelt, um sich vor Angreifern besser zu schützen. Moschusochsen bilden eine Phalanx gegen ihre Feinde. Solche Zusammenarbeit von Artgenossen erfordert gegenseitige Verständigung. Bei Säugetieren ist diese weit verbreitet und erreicht bei Walen, Delfinen und Primaten eine besonders differenzierte Ausprägung. Verständigung
Bekannt ist die Verständigung zwischen Kaninchen, die beim Rückzug vor einer Gefahr warnend mit ihren Hinterbeinen trommeln und ihre weißen Schwänze zeigen. Die Signale unter Säugetieren können sich an den Gesichts-, Gehör-, Geruchs- oder Tastsinn richten. Für das Verhalten vieler Säugetiere spielt der Geruchssinn eine ganz wesentliche Rolle. Viele Männchen locken die Weibchen durch den spezifischen Geruch ihrer Duftdrüsen an und erkennen am Duft des Weibchens, ob es fortpflanzungsbereit ist. Die Reaktion auf diese Substanzen (Pheromone) kann außerordentlich empfindlich sein. So haben trächtige weibliche Mäuse Fehlgeburten, wenn sie mit einem Männchen einer anderen Population in einen Käfig zusammengesperrt werden. Da dies ohne ein solches Männchen nicht passiert, schreibt man die Erscheinung einem Pheromon zu. Ähnliche Ursachen liegen wahrscheinlich der natürlichen Regulierung der Populationsdichte zugrunde, die man bei vielen in Kolonien lebenden Säugetieren beobachtet. Am typischen Geruch erkennen einander auch die Mütter und Kinder vieler Arten. Einige Huftiere, die nur ein einziges Junges haben, markieren es geruchlich und können es so in der ziehenden Herde wiederfinden. Dies geschieht gleich bei der Geburt, so dass die Mutter das Junge von Anfang an von anderen Jungen unterscheiden kann. Eine Bindung ausschließlich an die eigenen Jungen ist bei Säugetiermüttern aber nicht immer die Regel. Präriehunde, große Nager, leben z. B. in individuenreichen Kolonien, die sich für einen Teil des Jahres in kleinere Gruppen von einem oder zwei erwachsenen Männchen mit ihren Weibchen und Jungen aufspalten. Die Jungen werden ohne Unterschied von jedem Weibchen gesäugt und von jedem Männchen liebkost. Das gleiche Verhaltensmuster findet man bei kleinen Gruppen afrikanischer Wildhunde. Dort können sich jedoch durch die Rivalität der säugenden Weibchen Konflikte ergeben. Am häufigsten entstehen Konflikte zwischen den Männchen bei der Werbung (z. B. rituelle Kämpfe der Hirsche). Durch Rivalenkämpfe wird oft die Rangordnung der Angehörigen einer Tiergruppe entschieden. So herrschen die ranghohen Männchen vieler Tiergruppen über einen größeren Harem als die rangniedrigen. Der Starke und der Schwache
Viele ritualisierte Verhaltensweisen zielen darauf ab, gefährliche Verletzungen bei innerartlichen Auseinandersetzungen zu verhindern. Beispielsweise haben sich bei Hunden und Wölfen bestimmte Signale für Drohung und Unterwerfung entwickelt. Ein dominierender Wolf steht unbeweglich, die Haare aufgestellt, und knurrt durch die gefletschten Zähne. Der unterlegene wehrt den Angriff ab, indem er durch angelegte Ohren und geduckte Stellung seine Unterwerfung anzeigt. Überlegenheits- und Unterwerfungssignale findet man auch bei Ratten, sowohl zwischen den Mitgliedern derselben Kolonie als auch zwischen Kolonieangehörigen und Eindringlingen. Man glaubt, dass sich die Ratten einer Kolonie am Geruch erkennen und Eindringlinge sofort angreifen, weil diese anders riechen. Dabei macht der Angreifer einen Buckel, trippelt vor dem Eindringling hin und her, wendet ihm die Seite zu und knirscht mit den Zähnen. Nimmt dieser eine unterwürfige Stellung ein und legt sich nieder, so verhindert er den tatsächlichen Angriff. Wenn er sich nicht unterwirft, springt ihn der andere an und beißt zu. Das merkwürdigste Phänomen in Rattenkolonien ist die tödliche Wirkung von sozialem »Stress«. Ein Eindringling oder ein rangniedrigeres Tier kann sich durch Artgenossen so stark bedroht fühlen, dass es stirbt, ohne verwundet zu sein. Das Verhalten der Säugetiere wird nicht nur durch die Triebe der Fortpflanzung und der Nahrungssuche, sondern auch durch Wechselbeziehungen mit der Umwelt bestimmt. Dies kann man im Zusammenleben mit Hunden oder Katzen beobachten, wenn sie z. B. miteinander oder mit dem Menschen spielen bzw. wenn sie Dressuren erlernen.

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Info 22.11.2017 17:37
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