Das Verhalten der Primaten

Das Verhalten der Primaten, der dem Menschen stammesgeschichtlich am nächsten stehenden Tiere, bildet für ihn eine stete Quelle der Faszination. Dies gilt vor allem für die Menschenaffen. Die Verhaltensweisen vieler Arten der Herrentiere unterscheiden sich wesentlich von denen des Menschen. Die meisten Arten leben gesellig, einige nachtaktive Halbaffen sind jedoch Einzelgänger. Neben der Frage nach den geistigen Fähigkeiten der Menschenaffen bietet auch die soziale Organisation dieser Säugetiere aufschlussreichen Forschungsstoff. Die Deutung sozialer Signale
Die meisten höher entwickelten Primatenarten leben in Gruppen mit einer deutlichen Rollenverteilung: Die dominierenden Männchen (gewöhnlich die älteren und größeren) dürfen bei Weibchen und Nahrung zuerst wählen. Im Vergleich zu anderen Gruppen zeigen die Primaten eine ausgeprägte Mimik und drücken dadurch, zusammen mit ihrer Körperhaltung, Überlegenheit oder Unterwerfung aus. Aggression z. B. erkennt man meist an den entblößten Zähnen und anderen Zeichen, die auch der Mensch als Drohung empfindet. Eine Deutung dieser Signale aus menschlicher Sicht erweist sich jedoch nicht immer als zutreffend: So bedeutet Lippenkräuseln beim Gorillavergnügen, beim Menschen Ärger. Brüllen und Sich auf die Brust Schlagen sind als feindliche Haltung zu verstehen, können aber ebenso wie Imponiergehaben auch Furcht ausdrücken. Die korrekte unterwürfige Reaktion ist ein langsames Kopfschütteln, wobei der direkte Blick in die Augen vermieden wird. Innerhalb einer Horde herrscht bei den Primaten, beschränkt durch die Rangordnung, gewöhnlich sexuelle Freizügigkeit. An einer Schimpansin beobachtete man, dass sie nacheinander sieben Männchen kopulieren ließ. Die sexuelle Aktivität ist nicht nur auf die Östrusperiode (fruchtbare Zeit) des Weibchens beschränkt. Beim Rhesusaffen scheint die Paarung durch ein Pheromon angeregt zu werden, das vom Weibchen nur in der Östrusphase erzeugt wird. Der Schimpanse dagegen paart sich in jedem Stadium des Östruszyklus. Das Sexualverhalten dient vielleicht schon bei den Menschenaffen außer der Fortpflanzung auch einer gewissen Paarbindung. Doch spricht die geschlechtliche Promiskuität dieser Affen gegen eine solche Deutung. Ihr Spiel, das ihnen viele Erfahrungen vermittelt, ist weit fantasievoller als das anderer hoch entwickelter Tiere. Ansätze zu logischem Denken sind bei den Primaten gut ausgebildet. Aber erst vor kurzem konnten Freilandbeobachtungen an Schimpansen diesbezügliche Laborergebnisse bestätigen. Werkzeuggebrauch und Fertigkeiten
In freier Wildbahn durchgeführte Versuche haben gezeigt, dass Schimpansen regelmäßig Stöcke oder Steine als Werkzeuge oder Waffen benützen. Eine Horde Savannenschimpansen, der man einen ausgestopften Leoparden zeigte, zog sich zu einer nahen Baumgruppe zurück. Die erwachsenen Tiere lärmten, wagten sich dann vorsichtig vor und begannen, Stöcke in Richtung des Leoparden zu werfen. Als er sich nicht bewegte, kamen die Mutigsten näher und schlugen mit Stöcken auf ihn, bis sich sein Kopf vom Rumpf löste. Nun gingen sie vorsichtig auf den Leoparden zu und beschnupperten ihn. Schließlich kümmerten sie sich nicht mehr um ihn und zogen weiter. Paviane zeigen in freier Wildbahn ähnliches Verhalten, sie wurden dabei beobachtet, wie sie versuchten, ein Forscherteam zu vertreiben, indem sie es aus sicherer Entfernung von ihrem Felsen mit Steinen bewarfen. Einige aufschlussreiche Entdeckungen an Primaten wurden im Labor gemacht, trotz der dort herrschenden künstlichen Bedingungen. So haben beispielsweise Studien an Schimpansenmüttern gezeigt, wie diese ihre Kinder zu selbstständigen Kletterkunststücken ermutigen. Eine berühmte Versuchsreihe an Rhesusaffen führte zu der Erkenntnis, dass die soziale Entwicklung dieser Tiere anfänglich stark von der Bindung zwischen Mutter und Kind, später von den Beziehungen der Jungen untereinander bestimmt wird. In Labortests konnten Rhesusaffen abstrakte Begriffe erfassen. Sprachversuche
Die Frage nach der Sprechfähigkeit, einer entscheidenden Errungenschaft des Menschen, bietet stets neuen Stoff für Diskussionen über das Verhalten der Primaten. Da Menschenaffen unfähig sind, menschliche Laute hervorzubringen, haben sich amerikanische Forscher bemüht, den Affen eine Zeichensprache beizubringen, die der Taubstummensprache der Menschen entspricht. Wenn die Lehrer diese Sprache fließend beherrschten und die Affen von klein auf täglich pflegten, lernten diese die einzelnen Wörter schnell und konnten sie bei richtiger Gelegenheit anwenden. Die Affen waren jedoch nicht in der Lage, ihre Wörter zu Sätzen zu verflechten. Ihrer Verständigung fehlt, was die menschliche Sprache von anderen sozialen Signalen unterscheidet. Ethologen (Erforscher tierischen Verhaltens) weisen darauf hin, dass Sprechversuche nur im Zusammenhang mit der Ökologie der Menschenaffen und ihrem hoch entwickelten Kommunikationssystem betrachtet werden dürfen. Bei manchen Affenarten zählte man bis zu 36 verschiedene Laute, die auch in komplexen Kombinationen gebraucht werden. Bisher hat noch niemand eine Übersetzung in menschliche Ausdrücke gewagt, man verfügt jedoch über genügend Hinweise, welche die Auffassung bestätigen, dass die Lautsignale dieser Tiere zwar zum Übermitteln sozialer Informationen (z. B. Aufforderung zur Flucht), nicht aber abstrakter Begriffe dienen.

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Info 22.11.2017 17:30
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