Philosophie und Theologie im Spätmittelalter

Bis tief ins 12. Jahrhundert hinein waren vor allem die Klöster und die ihnen angeschlossenen Schulen Zentren und Träger des Geisteslebens, das deshalb selbstverständlich von Christen geprägt war. Die Gründung von Universitäten in bedeutenden Städten Europas, in Paris, Bologna, Salerno und Oxford, veränderte diese Lage mit einem Schlag. Die Klöster behielten zwar weiterhin ihren großen Einfluss auf Bildung und Erziehung, die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen aber wurden in den Universitäten geführt, wo in zunehmendem Maß das aufstrebende Bürgertum das geistige Klima bestimmte. Die berühmteste Universität des Mittelalters war die Sorbonne in Paris. Sie hatte sich seit dem 12. Jahrhundert aus der Kathedralschule von Notre Dame entwickelt und den Namen ihres Begründers, des Domherrn Robert von Sorbon, angenommen. Paris erlangte auf dem Gebiet der Theologie eine kaum je angefochtene Autorität, die Gelehrten der Sorbonne gehörten zu den berühmtesten Europas. Die Universität von Paris wurde auch zu einer Hochburg der »Scholastik« (eigentlich »Schullehre«), jener philosophischen Theologie, die das religiöse Denken des hohen und späten Mittelalters so nachhaltig beeinflusste. Die Scholastik sah es als ihre Hauptaufgabe an, die christliche Lehre dem denkenden, seine Vernunft anwendenden Menschen einsehbar zu machen, also Glauben und Wissen miteinander zu versöhnen. Es handelte sich also nicht etwa darum, den überlieferten christlichen Glauben und seine Dogmen infrage zu stellen. Vielmehr konnte nach der gemeinsamen Überzeugung vieler gelehrter Theologen eine das Wissen richtig anwendende Vernunft die unveränderlichen Wahrheiten des Christentums nur bestätigen und ihre absolute Gültigkeit rechtfertigen! Verstand und Glaube in neuer Verbindung
Der ›Vater‹ der Scholastik, der 1033 in Aosta (Piemont) geborene und seit 1093 als Erzbischof von Canterbury wirkende Anselm drückte das Problem einer rationalen Begründung von Glaubenswahrheiten so aus: »Neque enim quaero intellegere, ut credam, sed credo, ut intelligam« (lat., »Ich bemühe mich nicht um Einsicht, um zum Glauben zu kommen, sondern ich glaube, um dadurch Einsicht zu gewinnen«). Wahrheit kann also nur erkennen, wer in der Wahrheit steht, die in sich selbst ruhende Wahrheit, die mit Gott identisch (wesensgleich) ist, bewirkt erst die Erkenntnis des Wahren. Umgekehrt aber gilt für Anselm auch der Satz: »Fides quaerit intellectum« (lat., »Der Glaube drängt zur Einsicht«), d. h. es gehört zu den wichtigen Aufgaben des Menschen, das Geglaubte auch mit seinem Denken zu erfassen und mit seiner Vernunft, seinem Verstand zu durchdringen. Der 1079 in Palet bei Nantes (Frankreich) geborene, durch seine unglückliche Liebesverbindung mit Heloïse, der Nichte eines Pariser Kanonikus, berühmt gewordene Petrus Abälard(us) ging in dieser Denkmethode einen Schritt weiter. Er hatte in vielen Aussagen der Kirchenväter, die ja für den Gläubigen als Teil der Tradition neben der Heiligen Schrift verpflichtendes Glaubensgut waren, unüberbrückbare Widersprüche festgestellt. So stellte er in seinem Werk »Sic et non« (lat., »Ja und nein«) 158 scharf gegensätzliche Behauptungen der Kirchenväter einander gegenüber. Doch auch er wollte damit nicht die Autorität der Kirche infrage stellen und bezweifeln. Sein Ziel war es, einen methodisch sauberen Weg zur Aufhebung bzw. Klärung dieser vorgefundenen Gegensätze und Widersprüchlichkeiten zu finden. Immerhin geht Abälard dabei so weit, dass er die »ratio« (lat., Verstand) entscheiden lassen will, wenn eine in die Texte tief eindringende Exegese (griech., Auslegung) zu keinem befriedigenden, den Widerspruch aufhebenden Ergebnis führt. Die von Gott dem Menschen verliehene Vernunft muss also sorgfältig vergleichen und darf nach gewissenhafter Abwägung des Für und Wider eine Entscheidung treffen. Die später von den ›Hochscholastikern‹ angewendete und noch verfeinerte wissenschaftliche Methode, d. h. der Weg des gedanklichen Vorgehens, ist wahrscheinlich ohne Abälard ganz undenkbar. So soll am Anfang einer Untersuchung oder Abhandlung die zur Diskussion stehende Sache in Form einer Frage stehen. Dann werden die Gegengründe (contra) vorgebracht, die ihrerseits durch entkräftigende Argumente (pro) infrage gestellt bzw. widerlegt werden. Dem folgt dann die abschließende Meinung des Verfassers, natürlich nicht, ohne das Für und Wider noch einmal genau durchleuchtet zu haben. – Obwohl Abälard dem allzu radikal angewandten Verstand durchaus kritisch gegenüberstand, haben viele Zeitgenossen sein Buch »Sic et non« als kaum tragbare Zumutung an den Gläubigen empfunden und sein Vorgehen leidenschaftlich abgelehnt. Seine Lehre wurde bereits 1121 auf einer Synode in Soissons (Frankreich) verurteilt. Bernhard von Clairvaux hielt Abälard für einen Ketzer, und Papst Innozenz II. (1130-1143) verbot ihm jede weitere Lehrtätigkeit. Lehrverbot und Verurteilung
Ihren Höhepunkt erreicht die Scholastik in den Werken von zwei Dominikanermönchen: dem um 1200 in Lauingen an der Donau geborenen Albertus Magnus (Albert der Große), eigentlich Graf Albrecht von Bollstädt, der als gefeierter Lehrer in Paris und Köln wirkte, und dem um 1225 auf dem Schloss Roccasecca im Neapolitanischen geborenen Thomas von Aquin, der als der bedeutendste Philosoph und Theologe des Hochmittelalters gilt. Albertus war ein gründlicher Kenner des Aristoteles, jenes griechischen Philosophen aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert, dessen Werke durch arabische Vermittlung im 12. Jahrhundert in Europa genauer bekannt wurden und die Hochscholastik stark beeinflussten. Die Schriften dieses Griechen galten bald als kaum überbietbare Zusammenfassung weltlicher Weisheit, und man hat nicht zu Unrecht von einer bis ins 16. Jahrhundert reichenden »Weltherrschaft der aristotelischen Philosophie« (Hans Joachim Störig) gesprochen. In seiner »Summa theologiae« (lat., »Summe der Theologie«) bewies Albertus Magnus nicht nur seine intime Kenntnis des Aristoteles, sondern breitete auch ein gewaltiges naturwissenschaftliches Wissen aus, das den durch die Kreuzzüge und den geistigen Austausch mit den Arabern stark erweiterten Wissensstand der Zeit getreu widerspiegelte. Albertus’ Schüler Thomas von Aquin gelang es dann, das Hauptanliegen der Scholastik, die Versöhnung von Vernunft und christlicher Offenbarung nämlich, in einem harmonischen System von bewundernswerter Klarheit darzustellen und zu lösen. Sein wichtigstes Werk ist wie bei Albertus Magnus seine »Summa theologiae«, daneben steht aber eine große Zahl von anderen Arbeiten, so allein zwölf Kommentare zu Schriften des Aristoteles, aber auch apologetische (d. h. den Glauben verteidigende) Bücher und Auslegungen zu Teilen der Heiligen Schrift. Objektives Erkennen und Geheimnisse des Glaubens bei Thomas Aquin
Thomas von Aquin ist tief davon überzeugt, dass die Wirklichkeit ein gesetzmäßig geordnetes Reich darstellt, das unserer Erkenntnis zugänglich ist. Er hält also im Gegensatz zu dem Kirchenvater Augustinus an der Möglichkeit wahrer objektiver Erkenntnis durch den Menschen fest. Doch genauso ist er davon überzeugt, dass unser Erkennen an Grenzen stößt. Über ihm steht, der Erfassung durch unsere natürliche Denkkraft entzogen, das Reich der übernatürlichen Wahrheit. Sein Zentrum bilden die Mysterien, die Geheimnisse des christlichen Glaubens: die Dreieinigkeit, Gottes Menschwerdung in Jesus Christus und die Auferstehung – alles Wahrheiten, die wir nur gläubig hinnehmen können. Diese Mysterien werden von Thomas von Aquin als übervernünftig, doch keineswegs als widervernünftig begriffen. Andererseits kann nach Thomas’ Überzeugung das Dasein Gottes durch logisch einleuchtende Gründe bewiesen werden. In seiner »Summa theologiae« stellt Thomas von Aquin fünf Gottesbeweise auf. Beim zweiten geht er beispielsweise methodisch so vor: Durch unsere Sinne und unser Erkenntnisvermögen können wir zweifelsfrei eine Ordnung wirkender Ursachen für die mögliche Existenz eines Gottes feststellen. Unmöglich ist es aber, dass etwas sich selbst bewirkt, weil es dann vor seiner Existenz dasein müsste. Da es weiterhin nicht möglich ist, in der Reihe wirkender Ursachen ins Unendliche fortzuschreiten, »ist es notwendig, eine erste wirkende Ursache anzunehmen, die wir alle Gott nennen«. In seiner Ethik (griech., Sittenlehre) geht Thomas von Aquin davon aus, dass böses Handeln widervernünftiges Handeln ist, da sich die Vernunft in der Erkenntnis der Wahrheit vollende. Als überzeugter Anhänger des Aristoteles entwirft Thomas von Aquin auch eine Staatslehre (Politik). In ihr geht er davon aus, dass der Mensch nur dann gut sein kann, wenn die Richtschnur seines Handelns das Gemeinwohl ist. So erklärt Thomas von Aquin: »Je mehr eine Tugend auf das Gemeinwohl bezogen ist, desto höheren Rang besitzt sie.« Der Thomismus, d. h. die auf Thomas von Aquin fußende theologische Lehre, hat im Laufe der Jahrhunderte innerhalb der katholischen Kirche an Bedeutung eher zugenommen. Im Jahre 1879 wurde er zur offiziellen Philosophie der katholischen Kirche erhoben. Die Scholastik, eine Philosophie innerhalb der vom christlichen Glauben abgesteckten Denkgrenzen, stellt gewiss eine beeindruckende denkerische Leistung dar. Wie ernst dabei die führenden Geister der Kirche miteinander gerungen hatten, beweist der sogenannte »Universalienstreit«. Er kam jahrhundertelang nicht zur Ruhe und zwang fast jeden bedeutenden Theologen zu neuer Denkanstrengung. Es ging dabei um die Frage nach dem Verhältnis zwischen den Allgemeinbegriffen und den Dingen; besonders im 14. und 15. Jahrhundert wurde heftig diskutiert, ob nur das Individuelle reale Existenz hat oder ob die Allgemeinbegriffe, die vor dem Denken bereits vorhanden sind, als Urbilder im Geiste Gottes die eigentliche Wirklichkeit darstellen. Hier können nur schlaglichtartig die in dieser Diskussion vertretenen Positionen mit den Begriffen Realismus, Konzeptualismus und Nominalismus benannt, aber nicht erklärt werden. Abwendung von der Vernunft Meister Eckhart und die Mystik
Der Universalienstreit hatte jedoch auch eine ›negative‹ Seite. Er zeigt, wie die Frage nach dem Charakter des Wirklichen das Denken auch auf unfruchtbare spekulative Irrwege führen konnte, die durch das dem Christen aufgegebene Streben nach Wahrheit kaum mehr zu rechtfertigen sind. So hat es in der Geschichte der Christenheit schon immer Bewegungen gegeben, die jenseits der komplizierten Gedankengänge der theologischen Wissenschaft einen unmittelbaren Zugang zu Gott suchten. Außerdem boten Kirche und Klerus durch ihr oft wenig christliches Verhalten Anlass zur Kritik. Kein Wunder, dass sich besonders in Laienkreisen Gruppen bildeten, die an der Institution Kirche vorbei ihre eigenen religiösen Wege gingen. Die Mystik (von griech. mystikos = geheimnisvoll) des späten Mittelalters, deren Hauptvertreter durchaus innerhalb der etablierten Kirche wirken wollten, stellt einen solchen Weg dar. Ihre Formen sind mannigfaltig. So kann sich das erregte Gefühl des Gläubigen besonders dem Menschen Jesus zuwenden und ihn zum Gegenstand seiner Sehnsucht machen. Im Ton leidenschaftlicher Liebe wendet sich zum Beispiel Bernhard von Clairvaux an Jesus, um eine mystische Vereinigung (lat., unio mystica) mit Gott zu erleben. Dem Ziel einer Vereinigung mit Gott kann man aber auch dadurch näherkommen, dass man sich völlig von aller Tätigkeit zurückzieht, die eigene Seele gewissermaßen leer werden lässt, damit Gott in sie einströmen kann. Der größte Mystiker des deutschen Mittelalters, der um 1260 in Hochheim bei Gotha geborene Johann Eckhart, genannt »Meister Eckhart«, konnte sagen: »Wer leer ist aller Kreatur, wird Gottes voll.« Wer die Vereinigung mit Gott sucht, muss einen Zustand absoluter Freiheit und innerer Gelassenheit erreichen. Alles hängt daran, dass der Mensch seinen Zustand, sei er nun durch Armut und Unterdrückung oder durch Reichtum und Ehre gekennzeichnet, gelassen erträgt, ohne zu fragen, warum. Denn eben diese Frage wäre schon ein Ausdruck des Eigenwillens, der der geforderten und notwendigen inneren Freiheit und Gelassenheit entgegensteht. Letzten Endes geht es also darum, sich von allen irdischen Dingen innerlich zu trennen, ja das eigene Selbst, den eigenen Willen aufzugeben. Nur auf diesem Wege wird die Seele einen Zustand erreichen, in dem sie Gott gleich wird. Auch der in Straßburg um 1300 geborene Johann Tauler, wie Meister Eckhart ein Dominikanermönch, der wahrscheinlich in Köln als Schüler zu Meister Eckharts Füßen saß und Mittelpunkt eines Kreises mystischer »Gottesfreunde« war, sagt in einer der Predigten, die er in Straßburg und Köln gehalten hat, folgendes: »Aber das ist Liebe, wenn man ein Brennen verspürt in Entbehrung und Beraubung, in einem Verlassensein. Wenn da eine stete, unbewegliche Qual ist und man darin verharrt in echter Gelassenheit, und wenn in der Qual ein Hinschmelzen geschieht und ein Verdorren in dem Brande dieser Entbehrung, und das in gleichmütiger Gelassenheit: das ist Minne (Liebe).« Und Tauler unterscheidet dann in dieser Predigt ein äußeres Suchen nach Gott, das sich zeigt »in äußerlichen Übungen guter Werke«. Diesem Suchen stellt er »das andere Suchen« gegenüber, bei dem der »Mensch hineingeht in seinen eigenen Grund«. Er ist überzeugt, dass alles daran liegt, diesen innersten Grund, »wo Gott der Seele weit näher und inwendiger ist, als sie sich selbst ist«, zu suchen und zu finden. Der dritte bedeutende Vertreter der deutschen Mystik des späten Mittelalters, der um 1300 in Konstanz am Bodensee geborene Heinrich Seuse, der einer ritterlichen Familie entstammte und in Köln Schüler Meister Eckharts gewesen ist, äußert ähnliche Gedanken. Allen drei Denkern aber gemeinsam ist, durch ruhige Versenkung in sich selbst die Vereinigung mit Gott zu suchen. Die Scholastik (von lat. »schola«, Schule) war in allen ihren Entwicklungsphasen stark auf wissenschaftlich ausgebildete Männer bezogen. Sie bildeten die scholastische Methode im 9. bis 12. Jahrhundert aus, zunächst in einem noch wenig gegliederten Ineinander von Wissenschaft, Geologie und Philosophie. Im 13. Jahrhundert werden diese Bereiche geschieden und die Erkenntnisse Aristoteles’ fruchtbar gemacht. Große philosophisch-theologische Enzyklopädien (Summen) entstehen. Erst im 14. und 15. Jahrhundert trägt die Scholastik auch dem Irrationalen Rechnung, die Mystik wird abgespalten und der Weg frei zu einer breiteren Massenwirkung. Mystische Versenkung und Hingabe an Gott wird Ziel auch nichtakademisch gebildeter Schichten und damit Motor spätmittelalterlicher Volksfrömmigkeit.