Politische Perspektiven in der Schweiz in der späten Staufer- und frühen Habsburgerzeit

Als 1250 mit dem Tode Friedrichs II. das Königtum praktisch zusammenbrach, geriet auch die Zentralschweiz in eine schwierige Situation, die auch in der zum Teil kontroversen Interpretation der modernen historischen Forschung ihren Niederschlag fand und noch findet. Sicher ist, dass man in Uri, Schwyz und Unterwaiden an der Aufrechterhaltung rechtlich geordneter und friedlicher Zustände sehr interessiert war, man fürchtete die heraufziehende Ungewissheit, kannte aber auch die einheimische Rauf- und Händelsucht nur zu gut! Man wünschte ein starkes, funktionsfähiges und präsentes Königtum, in dem der König persönlich den Frieden wahren und die Machtgelüste der Fürsten wie die der benachbarten Habsburger im Zaum halten konnte. Für diese Haltung gibt es klare Beweise: So hatte sich die Innerschweiz schon vor 1250 von Kirchenstrafen und päpstlichen Bannbullen kaum beeindrucken lassen und war Friedrich II. treu geblieben. Erst als die Staufer als Dynastie verschwunden waren, neigten die Kantone der päpstlichen Seite und deren ›Kreaturen‹ auf dem deutschen Thron zu – allerdings ohne besondere Begeisterung, da man am Vierwaldstätter See sehr wohl erkannte, dass all diese Könige nicht viel Gutes und Nützliches würden bewirken können. Hinsichtlich der Friedenswahrung war die Lage noch schwieriger geworden, weil führende süddeutsche Geschlechter wie die Zähringer 1214 oder die Kiburger 1264 entweder ausgestorben oder wie die Habsburger durch einen Familienzwist blockiert waren. Was also tun? Die Kantone taten, was andere in dieser Situation auch machten, und nahmen die Wahrung des Landfriedens immer mehr in ihre eigene Regie, ohne sich dabei aber mit den Habsburgern anzulegen, vielmehr bestand zwischen ihnen und dem Grafengeschlecht, das, nachdem Graf Rudolf, der spätere König, die Familie wieder geeinigt hatte, einen weiteren kontinuierlichen Aufschwung erlebte, keine schlechten Beziehungen. Die drei Waldstätte (Urkantone) trieben dabei keine revolutionäre Politik, sondern blieben im Rahmen der damals üblichen lokalen Landfriedenspolitik durch Bündnisse, wie dies vielfach anderswo im Reich und in den Schwurverbänden in Oberitalien auch versucht wurde, von einer gezielt und bewusst antihabsburgischen Haltung konnte in dieser Zeit keine Rede sein, wie das die ältere Forschung, von nationalen Gefühlen befeuert, gerne wahr haben wollte. Man kann freilich auch heute nicht leugnen, dass seit den 60er Jahren des 13. Jahrhunderts die Waldstätte sich in der Anfangsphase des Weges zu Autonomie und Eigenstaatlichkeit befanden – ob dies der Bevölkerung bewusst oder doch vielleicht zu diesem Zeitpunkt eher noch unbewusst war, ist noch heute unsicher und umstritten. Als dann Rudolf I. von Habsburg 1273 deutscher König wurde, änderte sich an den Verhältnissen zunächst grundsätzlich einmal recht wenig, da Rudolf I. mit den Urkantonen sich eines sehr pfleglichen und vorsichtigen Umgangs befleißigte und diese ihn, da er sie so behandelte, als seien sie selbstständig, sogar militärisch unterstützten, die Freiheitsbriefe der Staufer freilich erkannte der Habsburger nie offiziell an. Als Rudolf I. dann aber begann, auch in der Zentralschweiz mit der eigentlich auch dort erwünschten königlichen Landfriedenspolitik Ernst zu machen, was unter den besonderen lokalen Verhältnissen der Nachbarschaft freilich von Hausmachtpolitik nicht immer sauber zu trennen war, da wurde das Klima frostiger und gespannter: Mit Schwyz an der Spitze – nicht umsonst gab dieser Kanton dem späteren Gesamtstaat seinen Namen – wehrten sich die Gemeinden energisch gegen die Einsetzung landfremder Richter und königlicher Beamter. Auf der überkommenen genossenschaftlichen Tradition fußend und inzwischen weitgehend an eigene bzw. angeeignete Gerichtsbarkeit gewöhnt, entstand nun am Vierwaldstätter See etwas ganz anderes als der fürstliche Territorialstaat der habsburgischen Nachbarn mit seinem königlichen Dekor – nämlich das Beschlussorgan der typisch schweizerischen Landsgemeinde, der Adelige, freie Bauern und auch zinspflichtige Hörige zusammen angehörten und das eine für die damalige Zeit unerhörte Integrationskraft entwickelte. In den drei Urkantonen existiert diese Institution nach 1291.

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Info 22.11.2017 17:32
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