Inhalt, Ziele und Folgen des »Ewigen Bundes«

Als Rudolf I. von Habsburg 1291 die Augen schloss, erfolgte seitens der Urkantone eine sehr prompte Reaktion: Am 1. August 1291 schlossen sie jenes berühmte »Ewige Bündnis«, über dessen Eigenartigkeit und Ziele sich die Forschung, so seltsam dies klingt, bis heute noch nicht völlig einig ist. Fest steht, dass es sich um einen Vertrag in zwei Teilen handelte. Der erste beinhaltet ein festes Schutz- und Trutzbündnis: Wer ein Bundesmitglied angreift, hat mit vereinten Abwehrversuchen aller Bundesmitglieder zu rechnen. Der zweite, äußerlich juristische Teil spricht den »Bündlern« jetzt in aller Form die volle Gerichtsbarkeit zu und schließt hier jeden Einfluss von Fürst, Bischof oder König aus – eine »Unabhängigkeitserklärung« zumindest auf rechtlichem Gebiet und nach damaliger Auffassung ein Politikum ersten Ranges! Trotzdem wird dieser Bündnisakt recht verschieden interpretiert: Für den Historiker la Roche z. B. ist er »eines der vielen Landfriedensbündnisse des 13. Jahrhunderts, eine Notlösung, aus schierer Verzweiflung geboren«, da man gerade in der »archaischen Innerschweiz einen mächtigen, ja gefürchteten Herrscher« zur Friedenswahrung für unbedingt notwendig erachtete – die Urkantone reagieren also nur auf eine eventuell wiederum drohende Notlage, der »Staat« Schweiz wird demnach 1291 noch nicht aus der Taufe gehoben! Die Forscher Abegg und Nabholz argumentierten in den 30er Jahren ähnlich: Die Furcht vor einem neuen, unsicheren, friedlosen Interregnum habe die Gemeinden der Zentralschweiz wieder enger zueinander getrieben. Mit, wie es scheint, guten Gründen kann man den Schwurbund von 1291 jedoch auch in einem anderen Licht sehen, so enthalten sowohl das Schutz- und Trutzbündnis als auch die juristischen Vereinbarungen gewisse Wendungen und Nuancen, die sehr wohl als antihabsburgisch gedeutet werden können. So siedelt der Historiker Bohnenblust das »Ewige Bündnis« zwar in der Nähe der üblichen Landfriedensbündnisse an, attestiert ihm aber auch eine deutliche Tendenz in Richtung »Unabhängigkeitserklärung«, dem würde die Haltung des Kantons Schwyz entsprechen, der bereits vor 1291 in einer recht rau geführten Dauerfehde mit dem Kloster Einsiedeln lag, dessen Schutzherren aber die Habsburger waren. Man kann dies sehr wohl als einen antihabsburgischen Stellvertreterkonflikt ansehen, in dem, wie Bohnenblust oder auch Abegg einräumen, die Schwyzer eindeutig die Rolle des Aggressors spielten! Noch einen Schritt weiter geht Steinacker in einer neueren Untersuchung. Für ihn ist der Bund von 1291 viel mehr als die von Städten, Fürsten oder Bischöfen betriebene, damals übliche Landfriedenspolitik. Steinacker sieht hier eine im Kern revolutionäre Tat, von weitsichtig, klug und hart kalkulierenden Politikern bewusst ins Werk gesetzt, deren langfristig verfolgtes Ziel »Selbstständigkeit und Eigenstaatlichkeit« hieß. Wie immer die Motive der politischen Akteure im Einzelnen gewesen sein mögen, eines steht fest: Im Jahr 1291 betraten bewusst oder vielleicht doch mehr unbewusst die Gemeinden der Zentralschweiz einen Weg, dessen Endpunkt der Westfälische Friede von 1648 war, in dem die Eidgenossenschaft auch offiziell ein selbstständiger Staat wurde. Doch bis hierhin war es noch weit, und von einer Loslösung vom Reich als solchem stand im »Ewigen Bündnis« nun tatsächlich kein Wort! Text der Zeit
Die Grundsätze des »Ewigen Bundes« der drei Waldstätte von 1291
Im Namen Gottes! Amen. Es ist ein ehrbar Werk und gereicht der Öffentlichkeit zum Wohl, wenn Verträge, die der Ruhe und dem Frieden dienen, in richtiger Form gesichert werden. Daher vernehme jedermann, dass die Männer des Tales Uri, die Gemeinde des Tales Schwyz und die Gesamtheit der Leute von Unterwaiden in Nidwaiden in Anbetracht der Arglist der Zeit und um sich und ihre Habe leichter verteidigen und im richtigen Zustande besser erhalten zu können, sich in guten Treuen versprochen haben, sich gegenseitig mit Hilfe, mit jeglichem Rat und jeglicher Förderung und mit Leib und Gut beizustehen, und zwar innerhalb und außerhalb der Täler, mit aller Macht und Kraft, gegen eine Gesamtheit oder gegen Einzelne, die ihnen oder einem von ihnen Gewalt antun, sie belästigen oder ihnen Unrecht zufügen und gegen ihren Leib und ihr Gut Böses im Schilde führen sollten. Und jede Gemeinde hat versprochen, der anderen zu Hilfe zu eilen. Dabei hat es jedoch die Meinung, dass jeder gemäß seinem Stande seinem Herrn nach Gebühr Untertan sein und ihm dienen soll. Mit gemeinsamem Rate und einhelliger Zustimmung haben wir uns zugesichert, beschlossen und festgesetzt, dass wir in den vorgenannten Tälern keinen als Richter je annehmen oder entgegennehmen wollen, der sein Amt durch irgendwelche Dienstleistung oder durch Bezahlung einer Geldsumme irgendwie erworben haben oder der nicht unser Landsmann sein sollte. Wenn jedoch unter einzelnen Eidgenossen Zwietracht entstehen sollte, so sollen die Einsichtigsten der Eidgenossen den Streit schlichten, und wenn eine der Parteien diese Beilegung des Streites zurückweisen sollte, so sollen die übrigen Eidgenossen gegen sie Partei nehmen. Überdies besteht zwischen ihnen eine Übereinkunft folgenden Inhalts: Wer einen anderen hinterlistig und ohne dessen Verschulden umbringt, soll, wenn er ergriffen wird, sein Leben verlieren, falls es ihm nicht gelingt, seine Unschuld an dem genannten Verbrechen nachzuweisen, so wie es seine schwere Schuld verlangt. Und falls er etwa entweichen sollte, so darf er nie mehr zurückkehren. Wer den vorgenannten Verbrecher aufnimmt und beschützt, soll so lange aus den Tälern verbannt sein, bis er von den Bundesgenossen ausdrücklich zurückgerufen wird. Wer einen von den Eidgenossen am Tage oder in der Stille der Nacht in heimtückischer Weise durch Brandstiftung schädigt, soll nimmermehr als Landsmann gelten. Und wer ihn innerhalb der Täler begünstigt und beschützt, der soll dem Geschädigten den Schaden wiedergutmachen. Die obenstehenden, in heilsamer Absicht zum allgemeinen Nutzen aufgestellten Abmachungen sollen, so Gott will, ewig dauern.
Aus: Gottfried Guggenbühl »Quellen zur Geschichte des Mittelalters«.

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Info 26.09.2017 - 00:16
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