Die Urkantone – Ewiges Bündnis

Zunächst einmal verlief die deutsche Geschichte für die Urkantone nicht ungünstig. Statt des Habsburgers Albrecht wurde Graf Adolf I. von Nassau zum deutschen König gewählt, der den Kantonen liebend gern ihre von Rudolf I. nie bestätigten Freiheitsbriefe bestätigte -schon um seinem übermächtigen Konkurrenten einen Klotz ans Bein zu hängen! Albrecht selbst taktierte gegenüber den Seegemeinden vorsichtig und zurückhaltend, sodass die Dinge beim alten, d. h. in der Schwebe und das Verhältnis zu Habsburg ein leidlich gutes blieb. (Die Schweizer Nationalsage von Wilhelm Tell ist in diesem Zusammenhang in ihrem Kern historisch nicht eindeutig zu belegen, vielmehr liegt hier eine Kontamination (lat., hier: Verschmelzung) verschiedener, erheblich älterer europäischer Sagenmotive vor: Schiller z. B. schöpfte den Stoff für sein Drama aus der Chronik eines Ägidius Tschudi, der Mitte des 16. Jahrhunderts die verschiedenen Versionen dieser Sage zusammengefasst hatte.) Als dann aber Albrecht von Österreich, inzwischen deutscher König, 1308 ermordet wurde und der Graf von Luxemburg als Heinrich VII. den Thron bestieg, den Urkantonen in aller Form ihre Reichsfreiheit bestätigte und somit alle habsburgisch-landesherrlichen Ansprüche mit einem Schlag erledigte, da spitzt sich die Situation in diesem Alpenwinkel mit einem Schlag zu: Schwyz, Uri und Unterwaiden wussten nun genau, dass ein Generalangriff der Habsburger jetzt früher oder später kommen musste, und sie handelten nach dem bekannten, frei übersetzten Motto: »Lieber selbst losschlagen, ehe die andern losschlagen.« Die Initiative ging wiederum von Schwyz aus, das seinen Dauerkonflikt mit dem habsburgischen Schützling Einsiedeln sofort neu anheizte. Die geplagte Abtei wurde nun methodisch und kontinuierlich drangsaliert und auf den Kopf des Abtes ein Preis ausgesetzt, der Höhepunkt dieser bösen Kampagne fiel in den Januar 1314, als die Schwyzer nächtens das Kloster kurzerhand kassierten, ausplünderten und sich des Archivs mit den Besitzurkunden bemächtigten, die sofort verbrannt wurden. Diesen Fehdehandschuh mitten ins Gesicht konnten die Habsburger Herzöge nicht mehr übersehen. Sie entschlossen sich zum Gegenschlag, auch wenn ihre Dynastie durch die im Herbst 1314 erfolgte Doppelwahl Ludwigs des Baiern und Friedrichs des Schönen von Österreich auch noch anderwärts engagiert wurde. In klarer Voraussicht des Kommenden rüstete man auch am Vierwaldstätter See auf. Im November 1315 war es dann soweit. Herzog Leopold von Österreich marschierte mit einem starken Ritterheer in die Zentralschweiz ein, wo er bereits erwartet wurde. Als die Hauptmacht des österreichischen Ritterheeres am 15. November 1315 recht selbstsicher und vor allem weit auseinandergezogen den engen Sattelpass hinaufzog, setzten die Schwyzer und ihre Verbündeten bei Morgarten genau im richtigen Augenblick von der Flanke aus einer überhöhten Stellung ihren Überraschungsangriff an, zersprengten das feindliche Heer und machten es nieder. Die österreichischen Herren waren hier auf keinen tumben Bauernhaufen gestoßen, sondern auf Leute, die ihr Handwerk als Infantristen auf den europäischen Schlachtfeldern gelernt hatten, wussten, wofür sie kämpften, und dazu noch sehr gut geführt wurden. Die Schweizer Hellebarde siegte hier über den gepanzerten Ritter, es sollte nicht das letzte Mal sein! Gemeinsame Außenpolitik und Erweiterung des Bundes
Die Sieger von Morgarten wussten aber, dass der Konflikt mit Österreich noch lange nicht ausgestanden war: Am 9. Dezember 1315 reagierten sie im »Bund von Brunnen« auf ihre Weise, indem sie als »eitgenozen« vereinbarten, von nun an auch nach außen als Einheit aufzutreten, d. h. eine Außenpolitik einzelner Mitglieder auf eigene Faust gab es nicht mehr! Auf den Bruch dieser Abmachung wurden strengste Sanktionen gelegt und eingehalten. Dies alles ging weit über das »Ewige Bündnis« von 1291 hinaus, und so wird das Jahr 1315 zur eigentlichen Geburtsstunde des eidgenössischen Staates, die Urkunde von Brunnen zu seiner wichtigsten Verfassungsurkunde. 1315 war in erster Linie die Unabhängigkeit von den Habsburger Landesherren erstritten. Dem Deutschen Reich hingegen wollte man noch unmittelbar angehören. Bis zum Jahr 1353 schließen sich folgende Landschaften und Städte diesem »Dreibund« an: 1332 Luzern, 1351 Zürich, 1352 Glarus und Zug sowie 1353 schließlich Bern. Nach und nach erweitert sich dieser Bund, wobei die Beziehungen der Bundesmitglieder zum Kern der Eidgenossenschaft in ihrer Intensität und Beständigkeit durchaus noch lange Schwankungen unterworfen sind. Auch die kriegerischen Zusammenstöße mit Habsburg schleppten sich noch bis 1477 fort. Als in diesem Jahr in der sogenannten »Ewigen Richtung« endlich Frieden zwischen den beiden Kontrahenten eintrat, hatte Habsburg allen Besitz westlich des Rheins und südlich des Bodensees an die Eidgenossenschaft verloren. Es ist wenig sinnvoll, hier eine ›Kriegsschuldfrage‹ zu stellen, auch wenn die ersten Angriffe von Schweizer Seite her erfolgten. Denn ein Staat, der sich in seiner ganzen Struktur von der damals schlechthin vorherrschenden ›Staatsform‹, nämlich dem Territorialfürstentum, derartig unterscheidet, musste sich so mächtige Fürsten wie die Habsburger einfach vom Leibe halten.

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Info 22.11.2017 14:03
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