Der Kampf um den Engpass bei Verona 1155

Nach alter Gewohnheit und unter Berufung auf einen angeblichen kaiserlichen Freibrieffordern die Bürger von Verona, dass die deutschen Könige bei ihrem Zug nach Rom und bei der Rückkehr eine Schiffsbrücke über die Etsch benutzen, damit die Stadt selbst keinen Plünderungen ausgesetzt wird. Die Veroneser hatten auch diesmal die Brücke hergerichtet, hielten sie aber nur mit so schwachen Bändern zusammen, dass man eher von einer Mausefalle als von einer Brücke sprechen konnte. Außerdem häuften sie flussaufwärts mächtige Holzstöße auf und wollten diese gegen die Brücke treiben lassen, sobald ein Teil des Heeres sie überschritten haben würde. Die restlichen Truppen sollten dann am rechten Ufer vernichtet werden. Aber mit Gottes Hilfe kam das ganze Heer unbehindert über die Brücke, und die Holzstöße zerstörten sie erst, als die Feinde selbst sie überqueren wollten. In der Nähe gab es einen Engpass [die Veroneser Klause], und eine mächtige Felsenburg hütete unmittelbar am Rande des Absturzes den unzugänglichen Weg. Dort musste das Heer vorbeiziehen. Auf der einen Seite strömt die reißende, unpassierbare Etsch, auf der anderen verengen Felsabstürze den Weg und lassen kaum einen schmalen Pfad. Auf dieser Burg hatten sich auf Anstiften des Alberich, eines vornehmen Ritters aus Verona, zahlreiche Straßenräuber verschanzt, um Beute zu machen. Als nun das Heer herankam, ließen die Räuber hinterlistig einen Teil weiterziehen. Als dann aber am folgenden Tage die übrigen kamen, sperrten die Räuber von ihrem Felsen aus den Weg. Nun befanden sich im Gefolge des Kaisers zwei vornehme Ritter aus Verona, die sandte er zu den Räubern, um sie von ihrem bösen Vorhaben abzubringen. Jene aber warfen wieder mit Steinen und erklärten, der Kaiser dürfe nie vorbeiziehen, wenn ihnen nicht jeder Panzer und Pferd überlasse und er selbst nicht eine bedeutende Summe zahle. Als das Barbarossa hörte, sagte er: »Das ist eine harte Bedingung, dass ein Fürst Räubern Tribut zahlen soll.« Der Kaiser wusste keinen Rat. Sollte er gegen die Stadt ziehen? Aber auch flussabwärts bildeten die Felsen noch einen Engpass, den die Posten der Veroneser bewachten. So gab er schließlich Befehl, das Gepäck abzulegen und zum Schein ein Lager zu errichten, doch befahl er allen, sich zu rüsten. Dann befragte er noch einmal die beiden Veroneser Ritter, die ihn begleiteten. Diese aber erklärten ihm: »Siehst du den Fels über der Burg? Er ist erschreckend hoch und mit seinen steilen Zacken scheinbar unbezwingbar. Wenn dort keine Wache aufgestellt ist und es dir gelingt, ihn zu nehmen, bist du am Ziel deiner Wünsche!« Sogleich wurden zweihundert junge bewaffnete Krieger unter Führung des Bannerträgers Otto von Wittelsbach ausgesandt. Auf abgelegenen Wegen gelangten jene durch Wälder und Berge, durch Schluchten und über Alpenfelsen irrend, schließlich zu dem erwähnten Felsen. Da er aber wie mit einem Schwert glatt abgeschnitten war und keine Möglichkeit des Erklimmens darbot, bückte sich der erste, um einen Kameraden auf seinen Rücken steigen zu lassen, der wiederum suchte den Gefährten auf der Schulter emporzuheben, dann machten sie aus den Lanzen eine Leiter, und so gelangten alle auf die Höhe des Felsens. Nun entrollte Otto des Kaisers Banner. Da dieses Zeichen den Sieg kündete, erhob sich Geschrei und Gesang, und die Truppen, die im Tal zurückgeblieben waren, eilten zum Sturm. Die Straßenräuber, die geglaubt hatten, nur Vögel könnten jenen Felsen erreichen, waren völlig überrascht, als sie von unten und oben gleichzeitig angegriffen wurden. Verzweifelt sannen sie auf Flucht, fanden aber keinen Ausweg mehr, denn wer sich durch kühnen Sprung zu retten suchte, schlug bald hier, bald dort auf die Felsen, wurde zerrissen und hatte seine Seele schon ausgehaucht, bevor er noch den Erdboden erreichte. Mit Ausnahme eines einzigen, der, wie man sagt, sich in einer Höhle verbergen konnte und so dem Tode entging, wurden die übrigen niedergehauen, zwölf aber zusammen mit Alberich gefangen genommen und für die Hinrichtung am Leben gelassen. Fast alle diese Gefangenen waren Ritter. Als die Männer dem Kaiser vorgeführt und zum Tode verurteilt worden waren, erklärte einer, er sei kein Lombarde, sondern ein Franzose, ein armer Ritter und durch falsche Versprechungen verleitet. Ihn allein beschloss der ruhmreiche Kaiser zu begnadigen, doch musste er zur Strafe seinen Kameraden den Strick um den Hals legen und sie aufhängen. Alle anderen, die an den Abhängen des Gebirges tot herumlagen, wurden gesammelt und am Wegrand aufgetürmt, damit sie den Vorüberziehenden als warnendes Denkmal ihrer Verwegenheit dienen sollten.
Aus: Ottonis Gesta Friderici (Die Taten Friedrichs von Otto von Freising, dem Onkel Barbarossas, um 1114, † 1158) II, 19 ff.

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Info 26.09.2017 - 21:57
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