Friedrichs I. Ostpolitik

Ausgangspunkt aller politischen Überlegungen des Kaisers war die Wiederherstellung des Friedens im gesamten Reich. Solange aber die italienischen Kommunen sich der kaiserlichen Autorität nicht unterordneten, waren nach Meinung Friedrichs I. die Voraussetzungen für eine Friedensherrschaft nicht gegeben, zumal das Ausscheren Mailands ja auch bedeutete, dass erhebliche Abgaben nicht gezahlt wurden. Und der Stauferkaiser brauchte dringend Geld. Die in Italien gesammelten Erfahrungen erforderten die gründliche Planung und Organisation eines zweiten Feldzuges, der zu einer befriedigenden Lösung der lombardischen Frage führen sollte. Gleichzeitig wollte der Kaiser die Reichsgrenzen im Rücken gesichert wissen und ausreichende militärische Kräfte zur Verfügung haben. Zunächst klärte er deshalb das Verhältnis zu Polen. Herzog Boleslaw IV. lag mit seinem Bruder in Streit und weigerte sich auch, die von seinem Vorgänger dem Deutschen Reich zugebilligte Lehnshoheit anzuerkennen und den entsprechenden Tribut zu zahlen. Friedrich I. ›regelte den Fall‹ gemeinsam mit Heinrich dem Löwen militärisch. Als das deutsche Heer bis an die Oder vorgestoßen war, unterwarf sich der polnische Herzog, huldigte dem Kaiser als seinem Lehnsherrn und erstattete die geforderte Geldbuße. Für das italienische Unternehmen versprach er 300 Ritter zu stellen. Später, 1163, greift der Kaiser noch einmal in die polnische Politik ein und beendet aus eigener Machtvollkommenheit den innenpolitischen Machtkampf: Schlesien, das zwar weiterhin zu Polen gehört, sich aber allmählich mehr an das Reich orientiert, wird in die Herzogtümer Breslau und Ratibor aufgeteilt, mit deren Führung die beiden Neffen des Herzogs betraut werden. Eingeschüchtert durch Friedrichs I. energisches Auftreten in Polen muss auch Ungarn die Lehnshoheit des Reiches anerkennen und militärische Hilfe für den Italienfeldzug zusagen. Böhmen wird für seine Treue zum Reich belohnt: Wladislav erhält die Königswürde. Trotz Friedrichs I. Eingreifen im dänischen Thronstreit ll53 war es auch dort zu neuen heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Rivalen gekommen, nach deren Beendigung der neue König, Waldemar I. der Große, Anschluss an das Reich suchte. Streit auf dem Reichstag zu Besançon
Im Herbst 1157 berief der Kaiser einen Reichstag nach Besançon ein, um die Huldigung der Lehnsträger ganz Burgunds entgegenzunehmen und die Verhältnisse im Lande neu zu ordnen. Ein Zwischenfall machte deutlich, wie sehr sich der politische Standort der päpstlichen Kurie verändert und wieviel Zündstoff sich inzwischen angehäuft hatte. Nach dem vorzeitigen Rückzug Friedrichs I. aus Italien hatte der Papst seine Residenz im süditalienischen Benevent aufgeschlagen. Um sich der Normannen zu erwehren, arrangierte er sich mit diesen und belehnte ihren Fürsten Wilhelm I. von Sizilien gegen Tributzahlungen mit Apulien und Capua. Da die Normannen inzwischen die Griechen aus Süditalien vertrieben hatten, war für den Papst der Rücken frei von Bedrohung durch Byzanz, und er hatte eine völlig neue Ausgangsbasis für sein Auftreten gegenüber dem Kaiser. Vor versammelten Reichsfürsten protestierten deshalb zwei vom Papst entsandte Kardinäle scharf dagegen, dass der dänische Erzbischof von Lund auf der Heimreise von Rom auf Reichsgebiet gefangen genommen worden sei: »… eine schändliche Untat von viehischer Wildheit«. Der Kanzler Friedrich Barbarossas, Rainald von Dassel, dem die Gelegenheit willkommen war, eine schärfere Gangart gegenüber Rom vorzulegen, übersetzte das päpstliche Schreiben und brach dabei bewusst einen Eklat vom Zaun, als er die Kernstelle der kurialen Strafpredigt zitierte: »Die römische Kirche hat Dich auf jede Art erhöht und ausgezeichnet, Dir die Fülle der Würden und Ehren übertragen und Dir das hehre ›beneficium‹ der Kaiserkrone verliehen. Und es reut uns auch nicht im Mindesten, in allem Deinen Wunsch und Willen erfüllt zu haben, ja, bei dem Gedanken, was die Kirche Gottes und wir selbst durch Dich an Vorteilen gewinnen könnten, würden wir uns mit Recht freuen, wenn es möglich gewesen wäre, dass Deine Herrlichkeit aus unserer Hand noch größere ›beneficia‹ empfangen hätte.« Hätte Rainald »beneficium« wörtlich mit dem unverbindlicheren Begriff »Wohltat« übersetzt, wären seine Ausführungen ohne politische Folgen gewesen. Der Kanzler verwendete aber gezielt die Wortbedeutung »Lehen« und provozierte damit einen Skandal: die Fürsten sind empört, dass ihr Kaiser als päpstlicher Lehnsmann apostrophiert wird, worauf einer der päpstlichen Legaten kalt erwidert: »Von wem hat denn der Kaiser sein Kaisertum, wenn nicht vom Herrn Papst!« Der hitzige Pfalzgraf von Baiern wollte mit dem Schwert zuschlagen, doch der Kaiser schützte die Gesandten vor dem Angriff. In einem Schreiben an die Reichsfürsten betonte er aber: »Ich selbst werde ohne Wanken eher in den Tod gehen, als unter unserer Regierung solch einen schmachvollen Umsturz dulden.« Die Kaiserkrone sei einzig und allein Gottes »beneficium«. Eher werde er die Krone niederlegen, als sich und das Reich so demütigen zu lassen. Hadrian IV. wich vor der heftigen Reaktion zurück und beschwichtigte in einem persönlichen Schreiben den Kaiser mit der offiziellen Erklärung, er habe den Begriff »beneficium« nie anders als im Sinne von »Wohltat« gebraucht. Das Ergebnis der Auseinandersetzung zeigte aller Welt, dass sich diesmal die staufische Staatstheorie von der Gleichberechtigung der geistlichen und weltlichen Gewalt, die ihren Ausdruck in friedlicher, partnerschaftlicher Zusammenarbeit findet, gegen den Führungsanspruch der Kurie durchgesetzt hatte.

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Info 23.11.2017 19:31
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