Friedrich I. – Niederwerfung Mailands

Im Juni 1158 führte Friedrich I. den zweiten Feldzug gegen die widerspenstigem oberitalienischen Städte. In vier Abteilungen überschritt das mächtige kaiserliche Aufgebot die Alpen: über den Großen St. Bernhard, über den Septimer, über den Brenner und durch Friaul. Herzog Heinrich der Löwe stellte diesmal vierzehnhundert Ritter, und unter den Truppen fielen besonders sechshundert ausgesuchte Bogenschützen aus Ungarn auf. Ende Juli begann die Belagerung Mailands, Anfang September ergab sich die Stadt. Sie musste in aller Form auf die angemaßten königlichen Hoheitsrechte (Regalien) verzichten, dreihundert Geiseln stellen und eine hohe Geldbuße zahlen. Sie verpflichtete sich außerdem, die kaisertreuen Städte Lodi und Como, die sie dem Erdboden gleichgemacht hatte, wieder aufzubauen und ihre kaiserlich garantierte städtische Freiheit unangetastet zu lassen. Alle männlichen Bürger von 14 bis 70 Jahren beeideten die Einhaltung der Auflagen. Damit war das Kriegsziel erreicht, und der größte Teil des Heeres konnte entlassen werden. Im November berief der Kaiser einen Reichstag – wiederum auf den Ronkalischen Feldern – ein, zu dem auch die Ratsherren der lombardischen Städte geladen waren. Achtundzwanzig von ihnen sollten zunächst mit vier juristischen Experten – Professoren der Universität Bologna – feststellen, wer überhaupt königliche Hoheitsrechte ausüben durfte. Konnte eine Verleihung dieser Rechte nicht urkundlich belegt werden, mussten die »Regalien« dem Kaiser zurückgegeben werden: öffentliche Ämter, das Münz- und Zollrecht, Gebühren für die Benutzung von Brücken, Wasserwegen und Straßen, Steuer- und Zinseinnahmen. Diesen Akt der Rechtsfindung erkannten die Städte an, doch breitete sich Enttäuschung, ja Erbitterung aus, als der Kaiser die Regalien nicht neu verteilte, wie es nach dem Lehnsrecht üblich war, sondern Beamte einsetzte, die diese Rechte für ihn wahrnehmen sollten. Deutsche Reichsministerialen – unmittelbar dem Kaiser verpflichtete Dienstmannen – entmachteten als »Podestà« die von den Bürgern gewählten Konsuln und verwalteten das »Reichsgut«. Dabei ging Friedrich I. allerdings nicht konsequent vor: Städten, die bisher ihre Kaisertreue bewiesen hatten oder die er aus taktischen Gründen auf seine Seite ziehen wollte, überließ er auch in Zukunft königliche Rechte gegen Zahlung einer stattlichen Summe. Der politisch-wirtschaftlichen Neuordnung des Königreichs Italien wurden drei weitere Statuten hinzugefügt, die der Stärkung der kaiserlichen Position dienen sollten, sie betrafen die Gerichts- und Verwaltungshoheit des Herrschers, sein Recht auf Pfalzbau und die Festlegung von Abgaben. Die Ronkalischen Gesetze brachten dem Kaiser einen unerhörten Machtzuwachs und enorme fiskalische Gewinne, die Einnahmen aus Italien überstiegen bald das Vierfache der Abgaben aller deutschen Städte. Im Augenblick mussten sich die italienischen Kommunen beugen, aber der Kaiser konnte nicht darauf vertrauen, dass er städtische Führungsschichten, die sich ihrer Rechte und Freiheiten bewusst waren, mit unbeugsamer Strenge in Untertanen zurückverwandeln würde. Wie sollten sie sich Gesetzen unterwerfen, die sie als Diktat empfinden mussten? Grimmig nahmen sie zur Kenntnis, dass der Kaiser sich vorbehielt, alle Vertreter der öffentlichen Macht zu ernennen. Sie empfanden es als unzulässigen Eingriff in ihre durch wirtschaftliche Überlegenheit und politische Geschicklichkeit erworbene Position, dass Handel und Wandel in der Stadt nun von kaiserlicher Zustimmung abhängen sollte. Zwei gegensätzliche Auffassungen von Ausübung politischer Macht prallten damals aufeinander: Im streng zentralistisch ausgerichteten monarchischen System bedeutet Herrschaft in erster Linie die unumschränkte Autorität des Königs, der nur so gerechtes und friedliches Zusammenleben seiner Untertanen garantieren kann, in einer kommunalen Ordnung dagegen wird Justiz und Verwaltung in der Stadt von – allerdings immer sehr reichen – städtischen Gruppen selbstständig ausgeübt. Dass es in der Auseinandersetzung zwischen dem Kaiser und den reichen Städten hauptsächlich um Geld ging (denn Wahrnehmung von Rechten bedeutete im Mittelalter zugleich Gewinn) und nicht um ›nationale‹ Fragen zwischen Deutschland und Italien, liegt auf der Hand. Und dass der deutsche Adel auch aus Klassenbewusstsein keinerlei Verständnis für die sozialen Veränderungen in Italien hatte, zeigt Otto von Freising, der Onkel des Kaisers und Verfasser der »Taten Kaiser Friedrichs« nur allzu deutlich. Er äußerte sich abfällig über die Selbstverwaltung der italienischen Städte, die dahin führe, dass sogar »junge Leute aus niederem Stand oder Arbeiter verächtlicher, auch mechanischer Gewerbe, die andere Völker von den edleren und freieren Beschäftigungen wie die Pest fernhielten, den Gürtel der Ritterschaft erhielten«. Der Spross eines mittelitalienischen Adelsgeschlechts, Boncompagno von Siena, wiederum vermerkt rückblickend, »der Hass der Italiener gegen die Deutschen habe wesentlich zur Ausbildung eines italienischen Freiheitsbewusstseins beigetragen«. Er spricht auch davon, dass »die deutschen Eindringlinge ihre Gewalttaten stets als gesetzmäßiges Handeln zu beschönigen suchten, in Wirklichkeit aber weder willens noch fähig gewesen seien, den berechtigten Belangen ihrer Schutzbefohlenen Rechnung zu tragen«. Das nicht nur undiplomatische, sondern oft starre und brutale Vorgehen der in den Städten vom Kaiser eingesetzten Podestà trug wesentlich zur weiteren Verhärtung bei. Während ein Teil der Städte sich zunächst fügte, weigerten sich Genua, Crema und Mailand, den Ronkalischen Beschlüssen Folge zu leisten. Die Seestadt Genua behandelte der Kaiser vorsichtig, weil er auf ihre Hilfe im Kampf gegen die Normannen angewiesen war, doch Crema wurde nach halbjähriger Belagerung im Januar 1160 dem Erdboden gleichgemacht. Um Mailand in die Knie zu zwingen, benötigte er neue Truppen.