Heinrich der Löwe ein ungekrönter König

Nachdem der Kaiser Friedrich I. mit seinem Rachefeldzug gegen Mailand geendet hatte, kehrte er im Jahre 1162 nach Deutschland ein, auch da erwarteten den Kaiser Schwierigkeiten. Die Lage in Sachsen war explosiv. Heinrich der Löwe hatte in seinem Herzogtum eine so expansive Politik getrieben mit dem Ziel, sich ein geschlossenes Territorium zu schaffen, dass sich sächsische Fürsten wie Albrecht der Bär, Pfalzgraf Adalbert von Sommerschenburg und Landgraf Ludwig von Thüringen gegen ihn zusammenschlossen und ein Bürgerkrieg drohte. Nur der Kaiser konnte einen offenen Kampf verhindern. Friedrich I. wusste, dass er auf die Hilfe Heinrichs des Löwen angewiesen war, wenn er seine Ziele in Italien erreichen wollte. Heinrich der Löwe war ein treuer Kampfgenosse seines Königs, oft hatte sein Eingreifen den Kampf entschieden, und sogar eine Schwenkung der kaiserlichen Politik machte er anstandslos mit: nach dem erfolglosen Treffen an der Saône trat Friedrich I. für eine Annäherung an England ein. Die Lage lud dazu ein, denn Englands König Heinrich II. hatte gerade einen Kirchenstreit provoziert, als er die alten Hoheitsrechte der Krone gegenüber der Geistlichkeit in den Konstitutionen von Clarendon 1160 wiederherstellen wollte. Dies trieb ihn fast automatisch in Papst Alexanders III. Gegenlager. Zwar kam es zu keinem offiziellen Bündnis zwischen England und dem Reich, aber die Anerkennung des kaiserlichen Papstes wurde am englischen Hof in Aussicht gestellt, und eine Doppelverlobung deutete auf engere Beziehungen: Mathilde, die ältere Tochter des englischen Königs, war für Heinrich den Löwen bestimmt, die jüngere Tochter, Eleonore, für den knapp einjährigen ältesten Sohn Kaiser Friedrichs I. – ein politischer Akt, der die Position des Welfenherzogs innerhalb des Reichsfürstenstandes deutlich markierte, innerhalb der Hochadeligenschicht also, die direkt vom König belehnt und Machtfaktor Nummer eins war. Heinrich der Löwe hatte seit der großen Versöhnung zwischen Staufern und Welfen seine Position planmäßig ausgebaut. Im Herzogtum Baiern war seine herzogliche Gewalt unbestritten, im Besitz der meisten Grafschaften begab er sich nur in Abständen dorthin, um seine Hoheitsrechte wahrzunehmen und die damit verbundenen Gelder einzutreiben. Dabei schreckte er vor gewalttätigem Vorgehen nicht zurück. So zerstörte er die Isarbrücke bei Föhring, nahm damit dem Bischof von Freising Markt- und Zollrechte, die er nun an einem neuen Platz stromaufwärts – Munichen – für sich selbst beanspruchte, wo eine neue Brücke gebaut wurde und ein neuer Markt entstand: das heutige München. So war der Salzhandel auf der Fernstraße von Reichenhall nach Augsburg unter seiner Kontrolle, ohne dass der Kaiser Einspruch erhoben hätte. In Sachsen waren die Verhältnisse anders. Schon seit Otto dem Großen hatten sich die Adeligen mit kleinerem Grundbesitz immer mehr von der herzoglichen Gewalt gelöst und sich unter den unmittelbaren Schutz der königlichen Krone gestellt. Seit allerdings Herzog Lothar von Supplinburg 1125 deutscher König geworden war, verbesserten sich die Chancen für herzogliche Machtpolitik. Zielstrebig vergrößerte Heinrich der Löwe nun seinen Hausbesitz, zog Lehen ein, ohne auf Ansprüche der Verwandten zu achten, beschlagnahmte Güter, deren Eigentümer ihm nicht zu Willen waren, behielt Grafschaftsrechte, wenn ihre Inhaber gestorben waren, und verlieh sie nicht weiter, wozu er nach Reichsrecht eigentlich verpflichtet gewesen wäre, sondern übertrug sie auf von ihm ernannte Vikare. Alle Großen seines Herzogtums zwang er, ihm persönlich zu huldigen, brachte seine Günstlinge auf die Bischofsstühle und legte zur Sicherung seiner Macht Burgen an, in denen Garnisonen stationiert waren. Er unterwarf zusammen mit dem dänischen König die Slawenfürsten von Mecklenburg und Pommern und zwang sie zur Taufe und Aufnahme deutscher Siedler. Der Geschichtsschreiber Helmold kommentiert: »Dabei war aber durchaus nicht vom Christentum, sondern immer nur vom Geld die Rede.« Die Investitur der neugegründeten Bistümer riss er an sich, und als der Bischof von Oldenburg – später Lübeck – zögerte, sie von ihm anzunehmen, riet man ihm: »Tut unserm Herrn den Willen … weder der Kaiser noch der Erzbischof kann Euch helfen, weil Gott ihm dieses ganze Land gegeben hat.« Der gleiche Respekt spricht aus der Erwiderung des unterworfenen Abodritenfürsten Niklot auf das Drängen Heinrichs des Löwen, den Christenglauben endlich anzunehmen: »Mag der Gott, der im Himmel ist, Dein Gott sein – Du sollst unser Gott sein, wir sind es zufrieden.« Herzog Heinrich »zwackte und presste« die slawischen Untertanen »bis zur Erschöpfung« und das Land war »durch die unaufhörlichen Kriege völlig in eine Einöde verwandelt«, doch angeworbene Siedler aus Holland, Westfalen und innersächsischen Gebieten behoben die Schäden bald und brachten es zu beachtlichem Wohlstand. Welfisches Erfolgsrezept: Diplomatie, Skrupellosigkeit und kaufmännisches Gespür
Wirtschaftliche Konkurrenz schaltete Heinrich der Löwe gewaltsam aus. Als sich Graf Adolf II. von Schauenburg und Holstein, ein treuer Gefolgsmann des Herzogs, weigerte, ihm die Hälfte der Salzquellen von Oldesloe abzutreten, ließ er diese kurzerhand verschütten, damit der Salzhandel seiner Stadt Lüneburg nicht geschädigt würde. Der Schauenburger wies auch die Forderung zurück, die Hälfte aus den Einkünften seiner jungen aufblühenden Stadt Lübeck abzuliefern. Darauf entzog Heinrich der Löwe ihr das Marktrecht, um Handelseinbußen des älteren welfischen Bardowick vorzubeugen. Als Lübeck 1157/58 durch einen Brand zerstört wurde, wandten sich die Bürger an Herzog Heinrich. Dieser wies ihnen einen Platz zu, auf dem sie eine neue Stadt, die ›Löwenstadt‹, errichten sollten, doch die Lage erwies sich als ungünstig für einen Hafen. Um weiterem Ärger vorzubeugen, trat Graf Adolf Lübeck an den Herzog ab. Dieser legte nun mit dem Wiederaufbau den Grundstein zu ihrer künftigen Bedeutung als Handelshafen. Die Kaufleute aus Schweden, aus Wisby auf Gotland und aus Nowgorod lockte er dadurch an, dass er ihnen Zollfreiheit zusicherte. Er vertrat aber auch Reichsinteressen, beispielsweise indem er Kaiser Lothars III. Privileg über Verkehrs- und Rechtsverhältnisse der Goten in seinem Regnum bestätigte und den Deutschen auf Gotland eine feste Rechtsordnung gab. Seinen Gegenspieler im Ostseeraum, den Dänenkönig Waldemar I., hielt er bei allen Unternehmungen in Schach, bisweilen koalierte er aber auch mit ihm. Echt ›europäisches‹ Prestige verschaffte ihm seine Heirat mit der 12jährigen Mathilde von England 1168 – nun war er tatsächlich Schwiegersohn des mächtigsten Fürsten Europas. Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen und Baiern, residierte in seiner Pfalz Dankwarderode, im Zentrum des heutigen Braunschweig, sie stand in ihren Ausmaßen nicht hinter königlichen Bauten zurück und erinnerte in ihrer Anlage an die Aachener Kaiserpfalz Karls des Großen. Wie ein ungekrönter König wurde er auf einer Pilgerfahrt ins Heilige Land geehrt und wie ein Herrscher vom Kaiser in Byzanz empfangen. Die Opposition im eigenen Land warnte der »Braunschweiger Löwe«, vergoldet, mit Blick nach Osten, die älteste freistehende Denkmalsplastik in Deutschland: »Mächtig unter den Tieren und kehrt nicht um vor jemand«, heißt es über dieses Symboltier in den Sprüchen Salomons. Trotzdem werden einige Adelige in seinem altsächsischen Kernland durch Heinrichs extrem expansionistische Politik, die ja nicht nur nach Osten, sondern auch in die Gebiete anderer sächsischer Adeliger reichte, so provoziert, dass sie sich zusammentun: Albrecht der Bär, Pfalzgraf Adalbert von Sommerschenburg, Landgraf Ludwig von Thüringen. Ein Krieg droht, und Friedrich I. muss eingreifen.