Friedrich I. – Ein Kniefall der Geschichte machte

Im Herbst 1174 brach der Kaiser Friedrich I. zum fünften Mal mit seinen Truppen nach Italien auf. Nun zeigten sich die Folgen des ständigen Streits in Sachsen: die sächsischen Fürsten hielten ihre Truppen zurück, um nicht wehrlos den Übergriffen ihres Herzogs ausgeliefert zu sein, Heinrich der Löwe fehlte im Aufgebot. Wieder waren die Alpenpässe durch die Liga gesperrt. Der Kaiser nahm deshalb den gleichen Weg wie auf der Flucht sechs Jahre zuvor über den Mont Cenis. In Susa nahm er Rache für die damalige Behandlung und zerstörte die Stadt. Die alten Kaisertreuen in Piemont und Ligurien und die Stadt Pavia fanden wieder zu ihm, mit ihrer Hilfe eroberte er den Westen der Lombardei. Aber vor der Festung des Lombardischen Städtebundes Alessandria stockte der Angriff. Währenddessen war es Erzbischof Christian von Mainz gelungen, einen Teil der Städte zum Austritt aus der Liga zu bewegen. Diese sah sich einem Zweifrontenkrieg ausgesetzt, als Christian von Osten her anrückte. Beim Dorf Montebello, westlich von Piacenza, trafen die feindlichen Truppen aufeinander, doch es kam nicht zur Schlacht, denn beide Teile fürchteten die Entscheidung: der Kaiser, weil er die zahlenmäßige Überlegenheit des Gegners sah, die Ligisten, weil sie nicht alles auf eine Karte setzen wollten, wenn die Truppen unter Christian von Mainz im Rücken drohten. Innerhalb von zwei Tagen war man übereingekommen: die Lombarden unterwarfen sich, der Kaiser verzieh ihnen. Die zukünftigen Rechte der Städte sollte ein paritätisch besetzter Ausschuss festlegen. Sollten sich die Mitglieder nicht einigen, fiel den Ratsherren der Bundeshauptstadt Cremona die Entscheidung zu. Der Vorfrieden von Montebello – ein halbes Jahr nach dem Aufbruch – zeigte die Kompromissbereitschaft des Kaisers. Er verzichtete auf die Erfüllung der Ronkalischen Beschlüsse, behandelte den Gegner jetzt als Partner, mit dem er ins reine kommen wollte. Doch soweit war es noch lange nicht. Der Ausschuss zerstritt sich, zwei Forderungen der Liga nahm der Kaiser nicht an, nämlich die ›Hauptgegner‹ Alexander III. und Alessandria in einen allgemeinen Frieden einzubeziehen. Der Kampf ging weiter. Doch der Kaiser hatte in Hoffnung auf eine Einigung bereits den größten Teil seiner Truppen entlassen. Hilfesuchend wandte er sich deshalb im Februar 1176 an Heinrich den Löwen und lud ihn zu einer Unterredung nach Chiavenna nördlich des Comer Sees ein. Heinrich schlug die Bitte um militärische Unterstützung nicht rundweg aus, sondern forderte – geschäftstüchtig wie er war – als Gegenleistung die Reichsstadt Goslar mit ihren reichen Silbergruben. Friedrich I. war dieser Preis zu hoch und Heinrich lehnte deshalb ab. Diese Begegnung wird in Geschichtserzählungen oft farbig ausgemalt, weil der Kaiser vermutlich seine Bitte mit einem Kniefall unterstrichen hatte. Die Kaiserin soll zur Vergeltung dieser Demütigung aufgerufen haben, und ein Gefolgsmann Heinrichs des Löwen, an seinen Herzog gerichtet, angeblich gesagt haben: »Lasst nur die Kaiserkrone Euch zu Füßen liegen, sie soll einst noch auf Euer Haupt kommen!« Fest steht, dass der Herzog lehnsrechtlich nicht zur Heeresfolge verpflichtet war. Ob er es mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, die Notlage des Kaisers zu einem Geschäft auszunutzen, ist die andere Frage. Jedenfalls durfte er sich nicht wundern, wenn nun eine Entfremdung im persönlichen Verhältnis eintrat. Der Kaiser ließ daraufhin in Deutschland die Werbetrommel für das letzte Aufgebot rühren. Er konnte sich vor allem auf die geistlichen Fürsten verlassen, meistens führten Bischöfe die Truppen an. Insgesamt kämpfte ein relativ kleines Heer von einigen tausend Mann. Im Mai 1176 wurde es von den Mailänder Fußtruppen bei Legnano besiegt. Der Kaiser war einige Tage verschollen, man hielt ihn für tot. Die Niederlage war weniger militärisch als politisch von Bedeutung. In nüchterner Erkenntnis der Lage und seiner eigenen Möglichkeiten entschloss sich der Kaiser zu verhandeln. Als aber die Städte eine Verständigung ausschlossen, wandte er sich seinem anderen Gegner, dem Papst zu und erreichte ein Sonderabkommen mit Alexander III., den er nie anzuerkennen geschworen hatte. Das Schisma wird beigelegt
Friedrich I. ging klug vor. Seine Unterhändler machten in diesem Vorvertrag von Anagni (südöstlich von Rom in den Ausläufern der Apenninen) weitgehende, aber allgemein gehaltene Zugeständnisse an die Gegenseite, um die Verhandlungen in Fluss zu halten. Die endgültige Fassung wurde in den eigentlichen Friedensverhandlungen dem Gegner abgerungen und zeigte Veränderungen zugunsten des Kaisers. In Anagni handelte es sich vor allem darum, dass sich die Parteien gegenseitig anerkannten und in der Frage der strittigen Hoheits- und Besitzrechte eine Einigung zu erzielen versuchten. Zunächst verzichtete Friedrich auf die Mathildischen Güter und dem Papst zustehende Regalien. Er verpflichtete sich, mit der Liga, Sizilien und Byzanz Frieden zu schließen und den Papst als Vermittler dabei einzuschalten. Alexander III. erklärte sich bereit, den Kaiser vom Bann zu lösen, Friedrich I. als Kaiser und seinen Sohn Heinrich als römischen König anzuerkennen und allen kirchlichen Verfügungen der Gegenpartei zuzustimmen. Sah das Ergebnis zunächst für Friedrich I. nicht überwältigend aus, so hatte er mit der Trennung des Städtebundes vom Papst doch einen entscheidenden Vorteil errungen. Alexander III. machte man heftige Vorwürfe, dass er sich überhaupt in Verhandlungen eingelassen habe, und als bei den endgültigen Friedensverhandlungen in Venedig der Kaiser auf der Einhaltung der Ronkalischen Beschlüsse bestand, brachte er damit eine gänzlich unannehmbare Forderung ins Spiel und den Papst in die Zwickmühle, weil dieser es mit keiner der Parteien ganz verderben wollte. Friedrich I. provozierte den Streit weiter, bis der Papst nach dreimonatigem Verhandeln der ganzen Sache überdrüssig war und die lombardische Frage vertagte. So kam erst als Resultat zäher Verhandlungen, die durch die strittige Frage nach dem Besitzer der Mathildischen Güter kompliziert wurden, der Frieden von Venedig zwischen Kaiser und Papst am 1. August 1177 zustande. Gegenüber den Präliminarien von Anagni hatte Friedrich I. zahlreiche Änderungen zu seinen Gunsten ausgehandelt. Vor allem aber war verhindert worden, dass aus der Lombardenfrage dem Papst eine Schiedsrichterrolle erwuchs. Kirchliche Einheit und innerer Frieden waren im Reich wiederhergestellt. Drei Tage nach der Unterzeichnung kam der Kaiser nach Venedig, wurde vom Papst festlich empfangen und offiziell wieder in die Kirche aufgenommen. Nach kirchlicher Sitte huldigte er nun dem Papst, indem er ihm den Fuß küsste – hundert Jahre nach Canossa! Nach dem äußeren Schein war die Szene ein Triumph der Kirche. Doch nach und nach sollte sich Friedrich I. in Oberitalien durchsetzen, und sein Ansehen wuchs, als er 1178 vom Erzbischof von Arles mit der Krone von Burgund gekrönt wurde. Papst Alexander III. war in Rom beileibe nicht herzlich willkommen und konnte erst ein Jahr später seine römische Residenz beziehen. Bald musste er sie wieder verlassen und starb in der Fremde.

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Info 18.11.2017 12:58
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