Staats- und Herrschaftsideologie – Teil 1

»Wer hat die Deutschen zu Richtern der Nation bestellt? Wer hat diesen plumpen und wilden Menschen das Recht gegeben, nach Willkür einen Herrn über die Häupter der Menschenkinder zu setzen?« fragt im 12. Jahrhundert der Bischof von Chartres, Johann von Salisbury, hochgelehrt und intim vertraut mit den Schriften des Aristoteles und aller damals bekannten ›Staatstheorie‹. Keinerlei Hochachtung vor Friedrich Barbarossa finden wir in diesen Zeilen, den wir doch als ungemein recht- und friedliebenden Kaiser kennengelernt haben. Für Johann ist er ein »deutscher Tyrann« und damit das völlige Gegenteil unseres Barbarossabildes. Kaiserliches Joch in Italien
Blinder Nationalismus wird Johann kaum den Blick getrübt haben, denn es gab ihn damals noch nicht in der extremen Ausprägung des 19. Jahrhunderts oder des sogenannten »Dritten Reiches«. Johann gibt wohl eher einer ganz konkreten Stimmung Ausdruck, die wir uns gut vorstellen können, wenn wir beispielsweise an das von den Truppen Barbarossas zerstörte Mailand denken. Johann bezog sich mit Sicherheit weitab aller Polemik auf politische Maßnahmen des Stauferkaisers, vielleicht auch auf kaiserliche Propaganda, die damals die lesekundige Welt erreichte. Forderte der Kaiserhymnus des Archipoeta nicht zum Widerspruch heraus, wenn es da in den Worten des christlichen Vaterunsers heißt: »Kaiser unser, sei gegrüßt, Herrscher hier auf Erden! Allen Guten sei Dein Joch sanft und ohn’ Beschwerden«? Friedrichs I. Joch war nicht so sanft. Vor allem die Italiener bekamen seine Hand oft genug hart zu spüren: Italienzüge, Gesetze, Kriege, Einäscherung ganzer Städte, rabiate Verwalter als kaiserliche Stellvertreter in den Städten, deren Kultur und Reichtum alles in den Schatten stellte, was der Staufer aus seiner schwäbischen Heimat kannte! Friedrichs I. Italienpolitik, mit unsagbarem Aufwand und persönlichem Einsatz betrieben, war nicht von vollem Erfolg gekrönt – und trotzdem musste Friedrich sie so unermüdlich verfolgen, wie er es tat. Das Deutsche Reich brauchte dringlichst Bargeld für den Fernhandel, für Stadtgründungen und Umschlagplätze: Bargeld in ausreichendem Maße gab es nur in den hochentwickelten oberitalienischen Kommunen, die wenig Interesse hatten, lediglich treue und abgabewillige Untertanen zu sein. Autonomie, d. h. politische Selbstständigkeit, hieß ihre Parole, der Kaiser sollte selber sehen, wie er sich finanziell verbessern konnte. Mit welchen politischen Aktionen Friedrich I. städtische Autonomieregungen unterdrückte, Städtebünde zerschlug und Königsrechte zurückforderte, die die Stadtbewohner an sich gerissen hatten, ist weitgehend bekannt. Auch im Deutschen Reich gab es schon vereinzelt Städte, die bürgerliche Schwurgemeinschaften in ihren Mauern duldeten und die Verbesserung ihrer Rechtsstellung vom Kaiser forderten. Friedrich I. nahm sie hart an die Kandare, förderte sie aber auch, um sie als Gegengewicht zu den Fürsten im Rahmen seiner deutschen Innenpolitik zu benutzen. Ähnlich wie heute sind unpopuläre Maßnahmen (wie das Niederreißen der Mainzer Stadtmauern 1156 und die Verwüstung der aufsässigen Stadt 1160) längerfristig wenig wirksam, wenn sie nicht von zugkräftigen politischen Parolen, Schlagwörtern und anderen ›Werbemitteln‹ begleitet werden, welche die Aktionen des Herrschers begründen und mit Argumenten absichern. Gerade in der Stauferzeit wurde das kaiserliche ›Werbebüro‹, wie man Teile der Kanzlei heute vielleicht nennen könnte, mit einigen cleveren Köpfen verstärkt, deren Ideen noch heute mit Interesse verfolgt werden, weil sie originell und bahnbrechend waren. Die Kanzlei rührt die Werbetrommel
Vordringlichste Aufgabe dieser Männer war es, mit einer Handvoll griffiger Formeln klipp und klar darzulegen, dass dem Kaiser trotz verbesserter päpstlicher Position, trotz mächtiger Fürsten und trotz aufstrebendem Bürgertum nach wie vor die oberste Herrschaft in den wichtigen staatlichen Bereichen zustehe: Justiz, Verwaltung, Steuer, Stadtgründungen und last not least Kirchenpolitik. Anknüpfungspunkte an überkommene Argumentationsmuster gab es für diese Aufgabe in Hülle und Fülle. Schon die Karolinger und Ottonen mussten ihre Herrschaft als Könige und Kaiser ja irgendwie begründen, und besonders wichtig war die Rolle der Propaganda während des Investiturstreits gewesen. Es existierten schon einige Argumentationshilfen, Argumente, die während des ganzen Mittelalters immer wieder auftauchen und die teilweise so gut waren, dass ›moderne‹ Herrscher des 17. und 18. Jahrhunderts noch gerne auf sie zurückgriffen: Gottesgnadentum, Zweischwerterlehre, kaiserliche Allmacht und göttlicher Glanz des Amtes. Kaiserliche Beiwörter statt Krone: Konrad III.
Nachdem Konrad III. als erster Staufer nach langem Hin und Her, Bürgerkrieg und Bannfluch endlich die Königskrone ergattert hatte, tat er im Hinblick auf sein künftiges Kaisertum einen ganz entscheidenden Schritt: er ließ ohne zu zögern das staufische Herzogshaus kurzerhand als Erbe des salischen interpretieren und sich als den direkten und einzig legitimen Erben Kaiser Heinrichs V. herausstellen. Aber dies allein war noch ganz traditionell ein Aufgreifen der sogenannten »Translationstheorie« (d. h. die Übertragung des antiken Kaisertums auf die deutschen Könige in der deutschen Reichstheorie). Revolutionär mutet erst an, dass Konrad III. gleich nach seiner Königskrönung ganz selbstverständlich den Kaisertitel führt, ohne in Rom die entsprechende Krone gewonnen zu haben. Ähnlich selbstverständlich gebrauchen die Schreiber der königlichen Kanzlei unter der Anleitung des Beraters und Abtes von Stablo und Corvey Wibald († 1158) in königlichen Urkunden Begriffe wie »erhaben«, »ehrwürdig«, »kaiserlich« und »heiligstes« Kaiserreich, ein Attribut, das bisher lediglich die Kirche führen durfte! Besonders überraschend muten all diese Beiwörter an, weil Konrad III. ja erst die Herrschaft über ein Königreich legitim ausübt. Hinter diesen wenigen Begriffen steckt eine ganze Theorie, die Lothar III. von Supplinburg schon ansatzweise ›vorgedacht‹ hatte: Nicht päpstliches Anerbieten oder Hilfe für die Kirche begründen das Kaisertum, sondern die Tatsache, dass die deutschen Fürsten einen der ihren zum König wählen, reiche aus, dass dieser ein Anrecht auf die Kaiserkrone hat. Damit soll wieder einmal der Papst ausgeschaltet werden – Ziele Karls des Großen oder Ottos III. werden sichtbar. Große Probleme verlangen nach großen Worten
Ganz ähnlich verfährt Konrads Neffe Friedrich I.: gleich nach der Königskrönung nennt er sich selbstbewusst »Kaiser«. Mit Sinn für Wirkung ausgestattet, lässt er 1165 Karl den Großen heiligsprechen. Damit wird dieser ›europäische‹ Vorgänger einerseits klar für das Deutsche Reich reklamiert und den Franzosen die Basis für ein Berufen auf Charlemagne entzogen, andererseits wird mit der Kultfigur Karl eine Instanz geschaffen, die geeignet ist, den Fixpunkt Rom abzulösen. In diese Linie passt sich die Aktivität eines begabten Kanzlisten Friedrichs I. nahtlos ein: Gottfried von Viterbo, altgedienter Hofkaplan unter Konrad III., Friedrich I. und Heinrich VI., Hofpoet und damit Verbreiter staufischer Hausideologie, verfasste einen »Königsspiegel«, in dem er die Wurzeln der staufischen Kaisergeneration bis in die Antike zurückverlegt und sie zu dem kaiserlichen Haus schlechthin, zu der kaiserlichen Sippe stilisiert. Damit erscheinen die Staufer bei Gottfried als letztes Glied eines einzigen, seit Beginn der Weltordnung bestehenden Herrschergeschlechts, und ein geschickter Manager für Öffentlichkeitsarbeit kann auch gleich die politischen Schlüsse ableiten: Königswahl, Krönung durch den Papst, Schutzvogtei und die Herrschaft über Rom sind prinzipiell zur Rechtfertigung des Kaisertums nicht mehr nötig, weil das staufische Kaisertum ja von vornherein in eine ungebrochene, geradlinige Weltordnung eingefügt und prinzipiell mehr ist, als lediglich eine Überhöhung des deutschen Königtums wie z. B. bei Otto dem Großen. Dies musste zwangsläufig auf einen Konflikt mit dem Papst hinauslaufen. Und unter der aggressiven Regieführung des Reichskanzlers Rainald von Dassel tat es das auch: er war der »Scharfmacher« par excellence, skrupellos und einfallsreich, wenn es darum ging, der Reichsidee exakte Konturen zu geben. So auf dem Reichstag zu Besançon 1157, wo er die schockierende Behauptung aufstellte, das Kaisertum sei ein Lehen Gottes, durch die Wahl der Fürsten zum deutschen König vermittelt. Die päpstliche Krönung sei allein eine Formalität, auf deren Vollzug der deutsche König automatisch ein Anrecht habe! Obgleich dieser scharfe Ton nicht völlig grundlos angeschlagen wurde (der Papst hatte vorher dem Kaiser den autonomen Ursprung seiner Würde abgesprochen!), trug Friedrich Barbarossa mit einigen anderen Maßnahmen dazu bei, dass Kaiser- und Papstpolitik härter aufeinander prallten denn je.