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Industrielle Revolution

Im frühen Mittelalter arbeitet fast die gesamte Bevölkerung für ihren persönlichen Bedarf oder den des Grundherrn. Erst als die Landwirtschaft so wirtschaftlich arbeitet, dass Arbeitskräfte freigestellt werden können, als die Warennachfrage der Städter und Bauern steigt und als eine zahlungskräftige Schicht von Kaufleuten und Grundherren entsteht, die die teuren Investitionen für Maschinen finanzieren kann, bildet sich eine frühe Form industrieller Massenproduktion heraus, die natürlich nicht mit unserer heutigen gleichgesetzt werden darf. Nordfrankreich, Flandern und die Gegend um Köln werden – begünstigt durch die Nähe der englischen Wolle – Zentren der mittelalterlichen Tuchherstellung (siehe unten). In der Bodenseegegend wird Leinen erzeugt. Eine Eisenindustrie entsteht im heutigen Ruhrgebiet, im Siegerland, bei Lüttich, in der Oberpfalz und in der Steiermark. Ende des 13. Jahrhunderts sollen in Brügge von 200000 Einwohnern 30000 in der Wollmanufaktur beschäftigt sein, und Hartmann von Aue beschreibt eine Tuchfabrik mit 300 allerdings sozial hochstehenden Arbeiterinnen in erbärmlichen Arbeitsverhältnissen. Die Drehbewegung von Wasserrädern wird schon lange zum Antrieb von Getreidemühlen benutzt, besonders, nachdem man gelernt hat, die antiken Kenntnisse von Zahnradübersetzungen anzuwenden, um auch an langsam fließenden Bächen Drehbewegungen jeder gewünschten Geschwindigkeit zu erzielen. Die entscheidende Neuerung kommt aus der Toscana. Dort gelingt es 983 das erste Mal, eine Drehbewegung mithilfe eines Nockens (Erhebung auf der Welle oder Scheibe) in eine Auf- und Abbewegung umzuwandeln: ein Stempel wird dabei durch einen Nocken auf einer rotierenden Welle angehoben. Beim Herabfallen stampft er Tuche in einem Walkbottich. Getreide- und Walkmühlen findet man von da an zu Tausenden in England, Frankreich und Deutschland. Im 11. Jahrhundert kommt auf 50 Haushalte in England eine Wassermühle, ähnlich sind wohl auch die Verhältnisse in Deutschland. Wassermühlen werden schnell zur beherrschenden Antriebsmaschine. Sie brechen Hanfstängel zur Leinenherstellung, zerquetschen die Blätter des Färberwaids zur Gewinnung des blauen Farbstoffs, pressen Öl und auch Eichenrinde zur Herstellung der Gerberlohe, zerkleinern Erz, hämmern Eisen, betreiben die Blasebälge der Schmelzofengebläse und stampfen Biermaische. Die Mechanisierung bleibt nicht ohne soziale Folgen: Auch wenn noch im 12. Jahrhundert Razzien in den slawischen Gebieten befohlen werden, um Sklaven für den Export zu gewinnen, so wird doch Sklavenarbeit in Deutschland mehr und mehr überflüssig. Die Kapitalgeber für die großen Mühlen, Klöster und andere Grundherren, setzen gegen den erbitterten Widerstand der Bauern ein Verbot der Handgetreidemühlen durch. Walken der Tuche mit Hand und Fuß wird verboten. Die Produktion der Stoffe wird an die Flüsse verlagert. Seit 1223 ist eine Walkmühle in Speyer bekannt, 1298 ist hier Handarbeit beim Walken schon völlig verdrängt. Weitere Mechanisierungen – Zunehmender Handel
Noch einmal wird in der Tuchindustrie mechanisiert, als im 13. Jahrhundert das Spinnrad eingeführt wird und sich Trittwebstuhl und Zugwebstuhl einbürgern, beides möglicherweise ägyptische Erfindungen. Die Speyerer Tuchmacher versuchen noch 1298, sich vor dem Spinnrad durch Verbote zu schützen. Dann wird es zunächst für Tuche minderer Qualität zugelassen. Bei den neuen Webstühlen öffnet der Weber durch Fußtritt oder Handzug ein Fach zwischen den Kettfäden. Er hat dann beide Hände frei, um den Schützen mit dem Schussfaden im Fach quer zu den Kettfäden hin- und herzuwerfen. In den Ebenen an der Nordseeküste mit langsam fließenden Flüssen übernimmt die Rolle der wassergetriebenen Korn- und Schöpfmühlen bald die Windmühle. Ob sie eine eigenständige europäische Erfindung ist oder auf tibetanische Gebetsmühlen zurückgeht, ist ungeklärt. Jedenfalls wird 1105 die erste Windmühle in Frankreich erwähnt, von da an breitet sie sich in Europa aus. Köln errichtet 1222 die erste Windmühle. Das schwierigste Problem für den mittelalterlichen Maschinenbauer ist es, eine Drehbewegung in eine hin- und hergehende Bewegung umzuwandeln. Der Nocken ist, wie wir gesehen haben, eine Lösung, im 13. Jahrhundert kommt ein federnder Baum zur Konstruktion einer Säge hinzu. Die Drehung eines Mühlrads nimmt die Säge in eine Richtung mit und spannt dabei die Feder, die ihrerseits nun für die Rückwärtsbewegung sorgt. Das umgekehrte Prinzip wendet man bei der Holzdrehbank mit Wippe im 13. Jahrhundert an. Für den Drillbohrer wird die Drehleier erfunden, die sich aus der Kurbel entwickelt hat. In allen Bereichen der Technik versucht man nun zu mechanisieren. Die Verfahren der Tuchherstellung sind überall ähnlich. Doch die Rezepte für die Tinkturen der Färberei werden geheim gehalten. So kommt es, dass die verschiedenen Gegenden auf bestimmte Farben spezialisiert sind. England exportiert schwarze Tuche, das Rheinland graue, Flandern und Nordfrankreich farbenprächtige rote, blaue und purpurne Stoffe. Die Farbstoffe sind schon früh wichtige Handelsgüter. Sie kommen, wie der blaue Indigo, bis aus Indien. Flandern kann im 13. Jahrhundert über die rückständigen Deutschen witzeln, zu denen die modernen Färbemittel noch nicht vorgedrungen sind. Mittelalterliche Tuchherstellung
Die Wolle erwachsener Schafe wird zunächst mit Öl, Butter oder Schmalz geschmeidig gemacht und dann mit eigens hierzu angebauten Kardendisteln gekämmt. Dadurch werden die Fäden ausgerichtet und Knoten aufgelöst. Die Wollefasern werden nun mit der Hand gesponnen, zu Garn verdrillt und aufgespult. Im Mittelalter wird ein Rahmenwebstuhl verwendet, über den die Kettfäden horizontal gespannt werden. Durch sie wird der Querschuss zunächst noch mit der Hand gefädelt. So können nur einfache Muster entstehen. Das fertige Gewebe wird nun in einem Walkbottich mit verschiedenen seifigen Mixturen behandelt, die immer Walkerde, meist auch Urin enthalten, und tüchtig mit den Füßen getreten oder mit Hölzern gestampft. Dadurch sollen die Fasern verfilzen, der Stoff soll gleichmäßiger und flauschiger und vom Fett befreit werden. Nach dem Ausbessern kleiner Schäden und dem Rauen mit der Kardendistel kommt das Tuch in die Färberei, die meist pflanzliche Farbstoffe aus Blättern, Wurzeln oder Rinden verwendet.

emu