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Straßenbahn und Omnibus

Im Zuge der Industrialisierung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts verlagerte sich die Warenproduktion aus den ehemals weit verstreut gelegenen Handwerksbetrieben allmählich auf große Fabriken. Anfangs siedelten sich die Arbeiter meist in der Nähe dieser Fabriken an, sodass sie ihren Arbeitsplatz zu Fuß erreichen konnten. Als sich dann aber die Städte immer mehr ausdehnten, wurden leistungsfähige Beförderungsmittel für die vielen Beschäftigten unumgänglich. Die Entwicklung der Eisenbahn Anfang des 19. Jahrhunderts brachte es mit sich, auch in den Städten öffentliche Verkehrsmittel einzurichten. Andere Fahrzeuge, wie Fahrrad oder Auto, wurden ja erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt und waren dann auch viel zu teuer, als dass sie für jedermann erschwinglich gewesen wären. Die Anfänge der öffentlichen Verkehrsmittel
Bereits 1662 hatte Blaise Pascal (1623-62) in Paris den ersten »Omnibus« konstruiert und von Pferden ziehen lassen, aber dieses Beförderungsmittel konnte sich in den Städten nicht durchsetzen, weil die damaligen Straßen dafür zu wenig ausgebaut waren. Die ersten längeren Beförderungsstrecken wurden deshalb in erster Linie für Pferdebahnen eingerichtet. Denn Schienenfahrzeuge rollen viel leichter, und ein Pferd kann damit wesentlich mehr Personen befördern als auf der Straße. Schon die Bergleute im Mittelalter verwendeten Schienenfahrzeuge. Sie transportierten die abgebauten Mineralien auf einfachen hölzernen Transportkarren, die auf primitiven Holzschienen liefen. An diese Zeit erinnert auch noch das oft statt Straßenbahn verwendete Wort »Trambahn«: »Tram« ist niederdeutsch und bedeutet Holzbalken. Von der Straßenbahn zum O-Bus
Straßenbahnen und Eisenbahnen haben sich seit Anfang des 19. Jahrhunderts etwa gemeinsam entwickelt. 1830 begann man in New York, das erste Straßenbahnnetz der Welt zu bauen. Zur gleichen Zeit fuhren in England die ersten Eisenbahnen mit Dampflokomotiven. Auch die Straßenbahnen wurden bald auf Dampfantrieb umgestellt, und schon 1837 fuhr die erste Dampflokomotive auf New Yorks Straßenbahnschienen. In Europa verlief die Entwicklung der Straßenbahn etwas langsamer. Erst 1860 wurde die erste englische Pferdestraßenbahn eröffnet, die erste Dampfstraßenbahn fuhr dort 1872. Dafür kam es in Europa zum nächsten und letzten Entwicklungsschritt: Im Jahre 1881 fuhr in Berlin die erste elektrische Straßenbahn. Fast gleichzeitig mit der Verbreitung der elektrischen Straßenbahnen kamen auch die ersten O-Busse auf, und bereits nach der Jahrhundertwende hatten mehrere europäische Großstädte O-Bus-Linien. Die Bezeichnung »O-Bus« ist eine Abkürzung für Oberleitungs-Omnibus. Während die Straßenbahn nur einen Oberleitungsdraht braucht, weil die Metallschienen in der Fahrbahn den zweiten Leiter des elektrischen Stromkreises darstellen, benötigen O-Busse zwei Oberleitungsdrähte und Stromabnehmer mit zwei voneinander isolierten Kontakten, die den Stromkreis zwischen dem Versorgungsnetz und den Elektromotoren schließen. Die Stromabnehmer der Straßenbahnen und O-Busse waren anfangs federnde lange Bügel und wurden mit einer bzw. zwei Kontaktrollen an der Oberleitung entlanggeführt. Von der englischen Bezeichnung dieser Rollen (Trolley) stammt auch der mancherorts geläufige Name »Trolleybus« ab. Der O-Bus ist ein leises und abgasfreies Verkehrsmittel mit hoher Beschleunigung und im Verkehr sehr viel wendiger als die schienengebundene Straßenbahn. Besonders Städte, die die hohen Kosten für die Anlage eines Schienennetzes vermeiden wollten, richteten O-Bus-Linien ein, oft auch als Zubringer zwischen den Vorstädten und dem innerstädtischen Straßenbahnnetz. Aber Straßenbahnen und O-Bussen erwuchs in den dieselgetriebenen, nicht an Linien gebundenen Omnibussen eine immer stärkere Konkurrenz. Omnibus oder Straßenbahn
Der erste Omnibus mit Verbrennungsmotor hatte einen Benzinmotor von Benz und wurde 1895 in Dienst gestellt. Die ersten Busse waren kleiner als Straßenbahnwagen, ihre Motoren machten viel Lärm und Gestank, und da die Räder noch keine luftgefüllten Gummireifen hatten, war der Fahrkomfort noch äußerst gering. Doch die Omnibusse wurden nach und nach verbessert. Sie erhielten wirtschaftlichere Dieselmotoren, ruhig laufende Luftreifen und komfortable Sitze. Im Laufe der Zeit wurden die Straßenbahnen immer mehr verdrängt, und viele Anlagen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg stillgelegt, weil die Stadtverwaltungen die Kosten für den Wiederaufbau und für neue Fahrzeuge scheuten. Busse erwiesen sich als wirtschaftlicher und ließen sich den Verkehrsbedürfnissen besser anpassen. In den letzten Jahren hat sich das Bild jedoch wieder gewandelt. Fast alle europäische Großstädte haben Straßenbahnnetze angelegt, vor allem in den Zentren. Die Wagen sind oft als lange Gliederfahrzeuge aufgebaut und haben meist ein eigenes Gleisbett, um Behinderungen durch den Autoverkehr zu vermeiden. Omnibusse werden vorzugsweise auf Außenstrecken eingesetzt, wo die Beförderungskapazität nicht so groß sein muss. Auf diese Weise stehen diese einst konkurrierenden Verkehrsmittel heute sinnvoll nebeneinander. Omnibusse haben sich darüber hinaus ihren festen Platz im Fernverkehr erworben. Mit Liegesitzen, Klimaanlagen, Fernsehen und Toiletten ausgestattet, sind sie außerdem beliebte Beförderungsmittel für Reisegesellschaften bei Ausflügen und Besichtigungsfahrten.

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