Geschichte der Artillerie

Das Wort »Artillerie« kennzeichnet historisch alle Waffen, mit deren Hilfe ein Gegenstand weiter geschleudert werden kann, als es von Menschenhand möglich wäre. Frühe Artilleriewaffen
Alle Arten von Artilleriewaffen nutzen gespeicherte Energie, die schlagartig freigesetzt werden kann, um einen Gegenstand fortzuschleudern. Vor der Erfindung des Schwarzpulvers, bei dessen Verbrennung Energie auf chemischem Wege umgesetzt wird, bediente man sich hauptsächlich der mechanischen Energie: Vorgespannte elastische Bogen wurden ebenso eingesetzt wie verdrillte Sehnenfasern – etwa beim Katapult – oder Gegengewichte bei der Steinschleuder. Artillerie nach dem Bogenprinzip war bereits 399 v. Chr. in Syrakus bekannt. Um diese Zeit entwickelte Dionys der Ältere (um 430 – nach 367 v. Chr.) einen Bogen, mit dem Pfeile (Stifte) verschossen werden konnten. Ähnliche Waffen waren bei den Chinesen noch bis 1890 in Gebrauch. Eine Weiterentwicklung des Bogens ist die griechisch-römische Balliste. Bei ihr wird – ähnlich einer überdimensionalen Armbrust – der Bogen mit einer Seilwinde gespannt. Als Geschoss dienten die unterschiedlichsten Gegenstände: z. B. Steine und Griechisches Feuer (ein Gemisch aus Schwefel, Pech, Werg, Kienspan bzw. Erdöl und gebranntem Kalk). Sogar Kriegsgefangene, lebendig oder tot, wurden mit der Balliste weggeschleudert. Ihre Reichweite betrug etwa 500 m, sie konnte Gegenstände bis zu einem Gewicht von 150 kg werfen. Solche Wurfmaschinen waren natürlich zu schwer, um bei Schlachten mitgeführt zu werden, sie wurden daher hauptsächlich bei Belagerungen eingesetzt. Im Mittelalter entwickelte man die Steinschleuder. Bei ihr wurde die notwendige Energie zur Beschleunigung des Wurfgeschosses durch Abwerfen eines Gegengewichts frei. Entwicklung der Feuerwaffen
Gegen Ende des 13. Jahrhunderts kam in der westlichen Welt das Schwarzpulver auf. Anfang des 14. Jahrhunderts erschienen daraufhin in Europa die ersten Kanonen. Die Geschichte berichtet erstmals von ihrem Kriegseinsatz bei der Belagerung von Metz (1324), der Schlacht von Halidon Hill in Schottland (1333) und der Schlacht von Crecyen-Ponthieu (Nordfrankreich) im Jahre 1346. Die ersten Kanonen verschossen Pfeile, die späteren Steine oder Kugeln aus Schmiede- oder Gusseisen. Die Kanonen jener Zeit waren Hinterlader, die auf einem Holz- oder Schlittenrahmen befestigt waren, sie wurden einzeln angefertigt. Manche dieser Exemplare, wie beispielsweise die »Mons Meg«, sind bis heute erhalten geblieben. Die Mons Meg ist 4 m lang, hat ein Kaliber von 49,5 cm und wiegt 5 Tonnen. Sie verschoss Granitkugeln bis zu einem Gewicht von 150 kg. Im Tower von London ist die Dardanellen-Kanone ausgestellt. Sie besteht aus zwei Bronzegussteilen, die miteinander verschraubt sind, wiegt bei einer Länge von 5 m insgesamt 17 Tonnen und hat ein Kaliber von 63,5 cm, die Munition bestand aus 304 kg schweren Steinkugeln. Eine andere gewaltige Kanone aus jener Zeit ist die »Zar Puschka«, die 1584 in Moskau gegossen wurde. Sie ist 5,4 m lang, wiegt 38 Tonnen und verschoss Steinkugeln mit einem Gewicht von 998 kg. Im Jahre 1544 schränkte Kaiser Karl V. (1500-58) die Zahl seiner Artilleriemodelle auf sieben ein und erreichte damit eine gewisse Standardisierung der Munition. Die ersten Kanonenrohre wurden aus einem Bündel schmiedeeiserner Stäbe gefertigt, die zylinderförmig miteinander verschweißt wurden. Danach wurden die Rillen mit Blei ausgegossen und das Rohr mit Eisenreifen von außen verstärkt. Die kurzen Achsstümpfe seitlich des Rohres, die ein leichteres Anheben oder Absenken des Rohres beim Zielen gestatteten, wurden erst Mitte des 15. Jahrhunderts eingeführt. Mit derartigen Kanonen gelang es den Türken 1453, Konstantinopel einzunehmen. Zwischen 1537 und 1551 entwickelte der italienische Mathematiker Niccolö Tartaglia (1499-1557) die erste Theorie über Flugbahnen von Geschossen und zeigte, dass die Wurfbahn Parabelform hat. 1626 ließ König Gustav II. Adolf von Schweden (1594-1632) die erste leichte Feldartillerie bauen: Seine Waffenschmiede fertigten Kupferrohre an, die mit Eisenbändern verstärkt und mit Leder überzogen wurden. Die Artillerie teilte er in drei Gruppen ein. Diese Klassifizierung wurde bald allgemein übernommen und erst durch die des französischen Artillerie-Inspekteurs Jean-Baptiste Vaquette de Gribeauval (1715-89) abgelöst. Nach ihm wurde die Artillerie in Feld-, Belagerungs- und Küstenverteidigungsartillerie unterteilt. Zu dieser Zeit wurden Kanonen bereits mit Pferdegespannen transportiert, Munition und Ersatzteile auf besonderen Wagen. Seeartillerie
Schwere Schiffskanonen wurden in erster Linie zur Bekämpfung von Nahzielen eingesetzt – meist für den direkten Beschuss feindlicher Schiffe. Das führte zwar in der Regel nicht gleich zu deren Versenkung, machte sie jedoch immerhin soweit manövrierunfähig, dass sie von der gegnerischen Mannschaft geentert werden konnten. Als Geschosse dienten oft mit Ketten verbundene, schwere eiserne Kugeln. Diese Geschosse hatten eine besonders zerstörende Wirkung, wenn sie Segel oder Takelage des feindlichen Schiffes trafen. Küstengeschütze waren im Gegensatz zu Schiffskanonen schwerer und genauer. Mit ihnen wurden erhitzte Eisenkugeln verschossen, sodass die Schiffe in Brand gerieten.

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Info 14.12.2017 16:03
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