Laub und Mischwälder der gemäßigten Breiten

Weite Gebiete der gemäßigten Breiten auf der Nordhalbkugel sind von Wäldern mit den verschiedensten Laubbaumarten gekennzeichnet. Früher überzogen diese Wälder den größten Teil des Landes. Klimaveränderungen sowie Rodung durch den Menschen, der immer neue Ackerflächen gewinnen wollte, haben den Wald jedoch stark zurückgedrängt. Wälder, die ein Bild der ursprünglichen Ausdehnung vermitteln, findet man heute noch in China und Nordamerika. Dort konnten einige Pflanzenarten überleben, die man sonst nur als Fossilien kennt oder in Europa als Parkbäume hält. Zu ihnen zählen der Urwelt-Mammutbaum (Metasequoia glyptostroboides), eine Konifere mit Blättern und der Ginkgo (Ginkgo biloba), beide aus China sowie der Tulpenbaum (Liriodendron tulipifera) Nordamerikas. Die Eingriffe des Menschen haben sich für den Wald fast immer als ungünstig erwiesen: So tragen weite Gebiete Westeuropas nur mehr wenige, kleine Waldinseln. Die meisten heute dort wachsenden Bäume sind vom Menschen gepflanzt oder gepflegt worden. Er bevorzugte schnell wachsende Bäume gleicher Art und Größe, um sie möglichst bald als Nutzholz zu schlagen. Wenn in Westeuropa ehemaliges Waldland brachliegen bleibt, wächst darauf bald niedriges Buschwerk. Ließe der Mensch die Natur ihre Wunden selbst schließen, so folgten diesen Sträuchern verschiedene Baumarten, bis nach zwei- oder dreihundert Jahren ein natürlicher, dem Standort gemäßer Wald entstanden wäre. Der Lebensraum Wald
Die Bäume in Wäldern gemäßigter Breiten erreichen normalerweise nicht die Höhe tropischer Baumriesen. Doch unter ihren vielen Arten sind alle wichtigen Pflanzengruppen vertreten. An den Bäumen ranken sich andere Waldpflanzen wie Geißblatt und Efeu empor. Wo das Licht durch die mächtigen Kronen dringt, bilden Haselsträucher, Weißdorn und kleinere Bäume einen dichten Unterwuchs. Den Boden bedeckt ein Teppich krautiger Pflanzen. Sie wachsen und vermehren sich vor allem im Frühjahr noch vor dem Blattaustrieb der Bäume, da sie später durch das Laub vom Sonnenlicht abgeschirmt sind. Wenn in den ersten Monaten des Jahres Licht und Wärme allmählich zunehmen, folgt die Blüte von Schneeglöckchen, Leberblümchen und Primeln schnell aufeinander. Auch die meisten Bäume blühen im Frühjahr. Sie tragen Kätzchen, deren Pollen der Wind verbreitet. Blütenblätter wären bei der Windbestäubung hinderlich. Verhältnismäßig wenige Waldbäume, hauptsächlich Arten südlicher Wälder wie Linden und Kastanien, werden von Insekten bestäubt und blühen später. Viele Bodenpflanzen, besonders Moose, Farne und Bärlappe, lieben Schatten und Feuchtigkeit und sind daher in Wäldern häufig. Die Pilze leben von abgestorbenen Pflanzen. Sie schließen die Cellulosewände des Pflanzengewebes auf und führen es dem Boden wieder zu (Destruenten). Tiere der Wälder
Die Tiere in den Wäldern gemäßigter Breiten sind meist klein. Die größten europäischen Waldtiere, die Auerochsen (Bos primigenius), starben im 17. Jahrhundert aus, nur wenige Exemplare des Wisents (Bison bonasus) konnten in Zoologischen Gärten überleben. In Nordamerika ist der Bison (Bison bison) vom Menschen stark dezimiert worden. Heute sind Hirsche die größten Lebewesen nördlicher Waldländer. Die mächtigste Hirschart, der Elch, lebt in den Wäldern Kanadas und Nordeuropas. Die Seltenheit von Großtieren in diesen Wäldern deutet nicht auf eine verarmte Fauna hin, sondern zeigt vielmehr, dass ihr Reichtum in der Spezialisierung liegt, die kleineren Lebewesen besser gelingt. So soll die Eiche (Quercus robur) Lebensraum für mehr als 300 Tierarten bieten. Einige, wie die Eichhörnchen, dehnen ihr Revier auch auf die Umgebung aus. Die meisten Kleintiere sind jedoch mit ihrer spezialisierten Lebensweise an einen bestimmten Baum oder sogar an einen besonderen Teil desselben – Blätter, Zweige oder Wurzeln – gebunden. Über jeden Baum, von den Wurzeln bis zur Krone, spannt sich ein Netz voneinander abhängiger Arten. Der jährliche Nahrungskreislauf
Wenn im Frühjahr die Pflanzen austreiben, entfaltet sich auch die Tierwelt. Viele kleinere Lebewesen erwachen aus dem Winterschlaf, fressen das frische Laub und fallen schließlich selbst ihren Feinden zum Opfer. Zu diesen Feinden gehören Wirbellose, kleine Vögel und Säugetiere, besonders Insektenfresser. Mit fortschreitender Jahreszeit nimmt die Entfaltung des tierischen und pflanzlichen Lebens zwar allmählich ab, doch sind die Wälder niemals ganz verwaist. Sogar im Winter bohren sich Larven in den Baumstämmen ihre Gänge. Stirbt ein Baum, dann ist er immer noch Lebensgrundlage für viele Organismen wie Pilze, Ameisen und Käfer. Ihre Aufgabe ist es, den Zerfallsprozess des Holzes zu beschleunigen, so dass dem Boden die Nährstoffe dieses Baumes nicht verloren gehen. Ständig arbeiten kleine Tiere, besonders Würmer, im Herbstlaub am Waldboden und bauen es zu Humus ab. Die Bäume beeinflussen nicht nur die Lebensvorgänge in ihrer näheren Umgebung, sondern wirken sogar auf das Klima. Die Wurzeln saugen Wasser auf, ein Großteil wird durch die Blätter an die Atmosphäre abgegeben. Ein einziger großer Baum verdunstet zum Beispiel während des Frühjahrs und Sommers an einem Tag mehrere Hundert Liter Wasser. Der Wald verkürzt so den normalen langsamen Kreislauf des Wassers durch den Boden über die Wasserläufe ins Meer, wo es verdunstet und Wolken bildet, die Regen bringen.