Tropischer Regenwald Südamerikas

Im Amazonasbecken erstreckt sich der größte zusammenhängende Regenwald der Erde, die Hyläa (nach A. von Humboldt) oder Selva. Gleichbleibend warmes Klima und Überfluss an Feuchtigkeit sind Voraussetzungen für seine Existenz. Der Wald wirkt als gigantischer Filter für das Licht. Am Waldboden herrscht stets nur schwaches Dämmerlicht, denn die in mehrere Stockwerke gegliederten Bäume und Sträucher lassen kaum einen Sonnenstrahl bis unten durchdringen. Wie von Lebensadern wird dieser Wald von einem unermesslichen Flusssystem – dem größten der Erde – durchzogen. Insekten, Fische und Vögel
Im Amazonasurwald lebt die reichhaltigste Fischfauna, und hier finden sich die meisten Arten von Bäumen, Insekten und Vögeln auf engem Raum. Besonders auffällig und interessant sind die endemischen Formen. Sicher sind längst noch nicht alle Insekten bekannt, die diesen Urwald bewohnen. Der Herkuleskäfer (Dynastes hercules) ist mit 15 cm Länge ein beachtlich großes Insekt. Auch unter den Spinnen gibt es Riesen: Die langhaarigen Vogelspinnen (Theraphosa) messen bis zu 25 cm. Sie können sogar kleinen Vögeln gefährlich werden. Für den Naturhaushalt im Regenwald spielen sie eine viel geringere Rolle als die farbenprächtigen Schmetterlinge, deren Raupen im Blattwerk fressen, oder die unscheinbaren Termiten und Ameisen. Spezialisten wie die Blattschneiderameisen züchten in ihren unterirdischen Nestern auf fein zerkauten Blättern Pilze. Nur von den Fruchtkörpern dieser Pilze können sie sich ernähren. Vielgestaltig, mit prächtig bunten Farben und fantasievollen Formen, zeigt sich die Vogelwelt. Zu ihr gehören z. B. die großen Aras, zahlreiche Tauben und die kleinen Tangaren. Von aufregender Schönheit sind die winzigen Kolibris. Sie »stehen« im Schwirrflug vor Blüten in der Luft, drehen nach rückwärts ab oder sausen pfeilschnell ins Dunkel des Waldes. Ihre Nahrung teilen sie mit Bienen und Wespen, die ihnen an Größe nahekommen. Vor den zahlreichen Greifvögeln brauchen sie sich weniger in acht zu nehmen, denn Kolibris sind als Beutetiere zu klein. Ziemlich unscheinbar sind viele Arten aus der umfangreichen Gruppe der Töpfervögel (Furnariidae) oder die Baumsteiger, die an Stämmen und Ästen nach Nahrung suchen. Jede der tausend Vogelarten nimmt einen nur ihr vorbehaltenen Platz in den Lebensgemeinschaften dieses Raumes ein. Säuger und andere Landtiere
Geradezu ärmlich im Vergleich zu den Vögeln wirkt die Gruppe der Säugetiere. Große Formen, wie sie in anderen Lebensräumen der Erde zu finden sind, fehlen hier. Nur 90 cm lang wird ein Spießhirsch (Mazama), dem der Jaguar (Panthera onca) gern auflauert. Etwas häufiger trifft man große Nagetiere, so das an Waldrändern nicht seltene Aguti (Dasyprocta) oder das größte Nagetier der Erde, das Wasserschwein (Hydrochoerus), das an Flussufern lebt und vorwiegend Wasserpflanzen verzehrt. Merkwürdige Tiergestalten sind auch das Paka (Cuniculus paca), ein Nagetier und die Tapire (Tapirus), die mit den Pferden entfernt verwandt sind. Diese Tiere waren früher über die ganze Erde verbreitet, heute findet man sie nur noch in amerikanischen und südostasiatischen Tropenwäldern. Recht altertümlich wirken auch die Ameisenbären, von denen vor allem der kleine Tamandua (Tamandua tetradactyla) in den Amazonaswäldern vorkommt. Noch urtümlichere Säugetiere sind die Beutelratten. Das Opossum (Didelphis marsupialis) sieht zwar wie eine große Ratte aus, gehört aber zu den Beuteltieren. Im Gegensatz zum Schwimmbeutler (Chironectes minimus), der sich vorwiegend von Fröschen und Fischen ernährt, ist es ein Allesfresser. Seine Verbreitung reicht bis nach Nordamerika, wo es sich gegen die Konkurrenz der »modernen« Säugetiere behaupten konnte. Ein buntes Tierleben entfaltet sich in den Baumkronen hoch über dem Boden. Dort liegt das Reich der Affen. Die Neuweltaffen unterscheiden sich von ihren in der Alten Welt vorkommenden Verwandten durch eine Reihe von Merkmalen, die auf die lange Isolation des südamerikanischen Kontinents hindeuten. Bekannte und auffallende Formen sind die Brüllaffen, die mit ihren Heulkonzerten kilometerweit vernehmbar ihre Reviere abgrenzen, und die Spinnenaffen (Ateles), die mit unglaublicher Leichtigkeit in den Baumkronen turnen. Regelrechte »Alleskönner« sind die Kapuzineraffen (Rollschwanzaffen). Die zierlichen Krallenäffchen und die Nachtaffen (Aotus) leben unauffällig und versteckt. Das extreme Gegenstück zu den quicklebendigen Affen bilden die Zweizeiligen und Dreizehigen Faultiere (Choloepus hoffmani und Bradypus tridactylus). So phlegmatisch sind diese Tiere, dass in ihrem Fell Algen wachsen und sich eine Motte einnisten kann, die von diesen Algen lebt. Die Jungen leben die erste Zeit kletternd im Fell der Mutter. Raubtiere
Da größere Tiere im Regenwald selten sind, finden große Fleischfresser nur wenig Nahrung. Die Anakonda (Eunectes murinus), die mächtigste aller Riesenschlangen, die Boa (Constrictor constrictor), der Jaguar (Panthera onca) und der Puma (Felis concolor) sind daher seltene Tiere. Nur kleinere Katzen wie Ozelot (Felis pardalis) oder Jaguarundi (Felis yagouaroundi) kommen häufiger vor. Dagegen gab es ursprünglich an fischreichen Flüssen viele Kaimane (Caiman). Auf Säugetierblut haben sich unter den Fledermäusen, die es in vielen Arten gibt, die Vampire (Desmodus rotundus) spezialisiert. Mit messerscharfen Zähnen stanzen sie Wunden in die Haut ihres Opfers, die lange bluten.