Das Leben im Gebirge

Etwa fünf Prozent des Festlandes sind von Gebirgen bedeckt. Bergketten durchziehen alle Kontinente, die längste von ihnen reicht von Alaska im nördlichen Nordamerika bis zur Südspitze Südamerikas. Obwohl sich die Anden bis fast 7000 m erheben, werden sie vom Himalaja, dessen höchster Gipfel 8848 m erreicht, noch überragt. Weitere mächtige Gebirge sind die Alpen, der Kaukasus, der Atlas, die ostaustralischen Gebirge und die Bergregionen in Ostafrika, vor allem in Äthiopien. Lebenszonen im Gebirge
Die Lebensbedingungen im Gebirge wandeln sich fühlbar mit zunehmender Höhe, was auch an der veränderten Pflanzen- und Tierwelt deutlich wird. Wer einen Berg besteigt, gewinnt fast den Eindruck, dass er sich dem Polarkreis nähert: Die Veränderungen der Temperaturverhältnisse im Gebirge entsprechen etwa jenen, wie sie in Richtung zum Pol hin erfolgen. Eine Höhenzunahme um 70 m kann einer horizontalen Bewegung von rund 110 km nach Norden gleichgesetzt werden. Auch die Niederschlagsmenge nimmt mit der Höhe beträchtlich zu. Am unmittelbarsten und auffälligsten reagieren die Pflanzen auf klimatischen Wechsel. Daher wird vor allem durch die sich schrittweise ändernde Pflanzenwelt eine Gliederung der Gebirge in Höhenzonen bewirkt. Äquatornahe Gebirge tragen an ihrem Fuß unter Umständen tropischen Regenwald, während ihre Gipfel mit Schnee und Eis bedeckt sind, wie z. B. beim 5895 m hohen Kilimandscharo in Ostafrika. Gebirge der gemäßigten und kalten Zonen zeigen an ihrem Fuß eine ihrer geografischen Lage entsprechende Flora und Fauna, die in je nach Lage (z. B. Nord- oder Südhang) verschiedener Höhe ebenfalls polnahen Gebieten ähnlicher wird. Anpassungen bei Pflanzen
Wie in allen Lebensräumen bilden auch im Gebirge die Pflanzen als Produzenten den Anfang der Nahrungsketten. In alpinen Zonen sind sie entweder kurz, gedrungen und kräftig gewachsen, oder sie entwickeln kriechende Stämme, die sich eng an den Boden schmiegen. So entgehen sie einigermaßen dem heftigen Wind, der in den Höhen an ihnen zerrt und sie verformt. Durch weitverzweigte Wurzelsysteme verankern sie sich fest im Boden und entnehmen ihm Nährstoffe sowie Wasser. Besonders vorteilhaft für Gebirgspflanzen ist polsterartiger Wuchs. Deshalb findet man viele Polsterpflanzen in höheren Lagen. Die Polster werden nur wenige Zentimeter hoch, aber ihre Wurzeln reichen meterweit in den Boden. Andere Arten tragen filzige Haare, wie das Edelweiß (Leontopodium alpinum), oder Wachsschichten, mit denen sie den Wärmehaushalt und die Wasserabgabe regulieren. Stark eingedickter Zellsaft schützt die Blüten von Gletscherhahnenfuß (Ranunculus glacialis) und Alpenglöckchen (Soldanella alpina) vor dem Gefrieren. Andererseits »schmilzt« sich die Soldanelle im Frühjahr selbst durch den Schnee, da sie beim Abbau von Kohlenhydraten hierfür genug Wärme erzeugt. Das Wachstum der Pflanzen im Gebirge schreitet nur sehr langsam fort. Das stängellose Leimkraut (Silene acaulis) kann z. B. zehn Jahre lang brauchen, bis es zum Blühen kommt. Dann aber hat es genügend Nährstoffe angesammelt und bringt gleich Hunderte von Blüten hervor. Da Insekten in höheren Lagen selten sind, bestäuben sich viele Gebirgspflanzen selbst, oder sie sind windblütig. Tiere im Hochgebirge
Tiere haben Pflanzen gegenüber den Vorteil, dass sie sich fortbewegen und damit ungünstigen Umweltbedingungen ausweichen können. So verbringen manche Tiere den Winter im Tal, den Sommer in Hochlagen. Eine ganze Reihe von ihnen bleibt im Winter aber dennoch an steilen Hängen und findet hier mehr Schutz und Sicherheit als in Tälern. Gämse (Rupicapra rupicapra) und Steinbock (Capra ibex) steigen nur in die oberen Regionen der Waldzone hinab, wo sie vor Sturm und hohem Schnee sicherer sind. Im Sommer durchziehen sie unzugängliche Mattenregionen und Felswände, wo sie ein reiches Angebot an Kräutern finden. Dorthin kann ihnen kaum ein Feind oder ein Nahrungskonkurrent folgen. Andere Arten weichen dem Winter durch einen Winterschlaf aus. Die Murmeltiere (Marmota) sammeln im Herbst große Heuvorräte und wintern sich mit ihnen ein. Mag der Schnee noch so hoch liegen, sie schlummern warm und geborgen in ihrem Bau unter der Erde und zehren von dem Speck, den sie sich im Laufe des Sommers zugelegt haben. Der Schneemaus (Microtus nivalis) kann ebenfalls die Winterkälte nichts anhaben. Unter dem Schnee legt die Maus ihre Gänge an und knabbert an Wurzeln. Auch die Pfeifhasen (Ochotona) der asiatischen Gebirge bleiben im Winter aktiv. Sie ernähren sich von Heu, das sie im Sommer zwischen den Felsen ihrer Wohngebiete versteckt haben. Vögel vertragen die Höhenlagen recht gut. Ihr Kreislaufsystem, die großen Luftvorräte, die sie in den Luftsäcken ihrer Lungen halten können, und ihr isolierendes Gefieder bringen ihnen manche Vorteile in dieser exponierten Umgebung. Zudem sind sie durch ihr Flugvermögen in der Lage, rasch jeden Ort zu erreichen und Höhenunterschiede relativ mühelos zu überwinden. Ihre Nahrung bilden vielfach nährstoffreiche Samen von Nadelbäumen oder Kräutern, zum Teil auch Insekten. Auf den Bergwiesen trifft man im Sommer Hummeln und Schmetterlinge nicht selten und in den Bergwäldern viele Ameisen. Selbst auf dem Eis der Gletscher gibt es Leben. Hier sind es vor allem Springschwänze (Collembola), winzige, primitive Insekten, die von angewehten Pollen leben. Der sogenannte Gletscherfloh (Isotoma saltans) kann kurze Zeit sogar in gefrorenem Zustand überdauern.