Sümpfe und Feuchtgebiete

Feuchtgebiete liegen auf dem Festland. Ihr gemeinsames Kennzeichen ist ein Überangebot an Wasser, darüber hinaus sind sie schwer zu definieren, denn Feuchtlandbedingungen können in Flussmäandern der Arktis, in Hochmooren, tropischen Rieselsümpfen oder nur zeitweise Wasser führenden Seen vorliegen. Meist ist das Wasser ziemlich sauerstoffarm. Diesen Bedingungen hat sich eine reiche Fauna und Flora angepasst, die sich von derjenigen echter Gewässer durchaus unterscheidet. Üppiges Pflanzenleben
Nur wenige Holzpflanzen vertragen auf die Dauer ein Überangebot an Wasser, deshalb bestimmen in den meisten Feuchtgebieten krautige Pflanzen das Vegetationsbild. Sie wuchern üppig, denn ihr Lebensraum bietet meist nicht nur reichlich Wasser, sondern auch Nährstoffe. Bloß in Mooren sind diese knapp. Einige Arten, die sogenannten fleischfressenden Pflanzen, gingen zum Erwerb von tierischem Eiweiß über, um ihren Nährstoffbedarf zu ergänzen: Sie stellen Fallen und fangen damit Insekten, die sie mit Enzymen auflösen und verwerten. Am bekanntesten sind die Sonnentauarten, die Venusfliegenfallen sowie der Wasserschlauch, deren Blätter in Klapp- oder Klebefallen umgebildet sind. Das Tierleben in Feuchtgebieten
Tiefgründige Moore, Überschwemmungsflächen und andere Feuchtgebiete beherbergen ein reiches Tierleben, das in diesen oft nur schwer zugänglichen Lebensräumen letzte Zufluchtstätten findet. Sogar einige große Säugetiere haben sich an Sümpfe angepasst. Durch die weit abgespreizten Zehen verteilt sich ihr Gewicht über eine genügend große Fläche, so dass sie nicht im Morast versinken. So können die Rentiere durch die im Sommer überaus weichen Sümpfe der Tundra wandern und die Elche Waldmoore als Zufluchtstätten vor Wölfen aufsuchen. In den Tropen gibt es amphibisch lebende Großtiere, die, wie das Nilpferd, nur zeitweise die Sümpfe verlassen, um am Ufer zu weiden. Lebensräume, die Möglichkeiten zu solch amphibischem Dasein bieten, gibt es seit Urzeiten. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn altertümliche Tierformen vorwiegend in Sumpfgebieten zu finden sind. Unter den Reptilien gehören die Krokodile dazu – in früheren Zeiten bewohnten die riesenhaften Dinosaurier solche Lebensräume. Hier überlebten bis heute altertümliche Lungenfische, von deren Ahnen vielleicht jene Tiere abstammen, die als erste Wirbeltiere das Festland eroberten. Auch die heute lebenden Lungenfische ertragen extreme Sauerstoffknappheit. Sie atmen durch Kiemen und Lungen. Trocknen die Sümpfe aus, graben sie sich in den noch feuchten Schlamm und versinken in einen Trockenschlaf, aus dem sie erst die nächste Regenzeit aufweckt. Zahllose andere Fische können ebenfalls mit hohen Wassertemperaturen und fauligem Wasser zurechtkommen, aber nicht so gut wie Lungenfische. Nur die Lurche übertreffen sie, denn diese Tiere vermochten als Nachfahren der vorzeitlichen Lungenfische Wasser- und Landleben richtiggehend miteinander zu verbinden. Die Feuchtgebiete sind daher auch heute ihr idealer Lebensbereich. Ausstülpungen des Darmes, die bei Lungenfischen schon recht gut als Lungen funktioniert hatten, besorgen nun als echte Lungen den Gasaustausch. Doch er reicht nicht völlig aus, Lurche benötigen zur Unterstützung ihrer Lungenatmung noch eine Atmung durch die Haut. Erst bei den Kriechtieren wurde die Lungenoberfläche durch innere Kammerung so groß, dass eine Hautatmung weitgehend entbehrlich ist. Kiemen- oder Lungenatmung kommt bei den Schnecken und Insekten der Feuchtgebiete vor. Viele Arten nehmen atmosphärische Luft über innere Lungensäcke oder Tracheen auf. Insekten, deren Larven im Wasser oder im nassen Schlamm leben, atmen mit Tracheenkiemen. Mücken- und viele Insektenlarven holen mit Schnorcheln Luft von der Wasseroberfläche, während die Wasserspinne eine Luftglocke mit nach unten nimmt, in der sie atmen kann. Die einfach organisierten Wasserschnecken tun sich am leichtesten: Trocknet ihr Wohngewässer aus, dann verschließen sie ihr Häuschen mit einem Deckel oder einer Schleimschicht, die vor weiterer Verdunstung schützt. Wohlgeborgen im feuchten Schlamm warten sie auf den nächsten Regen oder das Frühjahr, das sie aus ihrer Trockenstarre zu neuem Leben erweckt. Ihre Eier umgeben sie mit einer gallertigen Hülle, die so lange vor dem Austrocknen bewahrt, bis die jungen Schnecken selbst die Feuchtigkeit aufsuchen können. Eine besondere Konstruktion verhilft einigen Wasserkäfern zum Leben unter Wasser, obwohl sie Luft atmen müssen. Ihr Bauchpanzer ist mit einem feinen Haarpelz bedeckt, in dem sich Luft hält. Atmet der Käfer aus, dann löst sich das Kohlendioxid im Wasser, und Sauerstoff strömt aus dem Haarpelz ein, um den Gasdruck auszugleichen. Mit einer solchen »physikalischen Lunge« braucht der Käfer nur selten aufzutauchen. Der Mensch und die Feuchtgebiete
Die Trockenlegung von Sümpfen und Mooren gilt bis in unsere Zeit als besondere Leistung der Kulturnationen. Sie entzog in den warmen Ländern vielen Krankheiten den Nährboden, weil Fiebermücken die Feuchtgebiete zu ihrer Entwicklung brauchen. Aber diese Gebiete sind nicht nur Brutstätten von Mücken, sondern Lebensraum für viele selten gewordene Tierarten. Heute versucht man deshalb eher mit biologischen Methoden die Malaria und andere Krankheiten auszurotten, ohne mit Eingriffen in die Feuchtgebiete selbst den Wasserhaushalt ganzer Landschaften zu stören.