Süditalien unter normannischer Herrschaft

Die ersten Normannen, Nachfahren der aus Skandinavien und Dänemark stammenden germanischen Eroberer, die zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert West- und Südeuropa heimsuchten und in England, der Normandie und Irland Staaten oder andere Gemeinwesen gründeten, landeten im Jahre 1016 in Unteritalien. Es sind 40 Ritter aus der französischen Normandie, die sich auf der Rückkehr von einer Pilgerfahrt nach Jerusalem befinden. Als sie dem Herzog von Salerno ihre Hilfe anbieten, geht dieser in seiner großen Bedrängnis – eine gewaltige sarazenische Flotte belagert gerade die Stadt und die verzweifelte, ausgehungerte Bürgerschaft fordert ihre Übergabe an die Araber – sofort freudig auf das unverhoffte Angebot ein. Der »ungestüme Ausfall der vierzig [Normannen] jagte den Arabern solchen Schrecken ein, dass sie die Belagerung aufgaben und die Anker lichteten«, beschreibt Gustav Faber den Vorgang, wie er sich wohl abgespielt hat. Bald kommen aus der Normandie Hunderte von abenteuerlustigen Normannen nach, die in dem ›Gelobten Land‹ des Südens ihr Glück versuchen wollen. Sie kämpfen im Dienste verschiedener Herren: im Auftrag byzantinischer Kaiser gegen die Sarazenen, als Gefolgsleute des Papstes gegen die byzantinischen Machthaber in Unteritalien, zuallererst aber für sich selbst und den eigenen Ruhm. Zwei Gestalten sind es, die uns in dem verwirrenden Spiel dieser von Machtgier, Verrat und Intrigen gekennzeichneten Kämpfe besonders faszinieren: Robert Guiscard (d. h. ›Schlaukopf‹), Herzog von Apulien und Kalabrien († 1085) und Roger II., Herzog von Kalabrien und seit 1130 König von Sizilien, beide aus dem Geschlecht der Hauteville. Robert musste sich nach seiner Ankunft in Süditalien (1046) buchstäblich aus dem Nichts emporarbeiten, und er tat es in einem abenteuerlichen Leben, in dem das Glück keine geringe Rolle spielte. Es war das wildzerklüftete Bergland Kalabriens mit seinen schroff abweisenden Felswänden, das Robert den Byzantinern entriss und durch dessen Eroberung er den Grundstein seiner Macht legte. War Papst Leo IX., vom Kaiser zum Reichsvikar von Benevent ernannt, ein knappes Jahrzehnt vorher noch gegen die Normannen in den Krieg gezogen und nach einer Niederlage am Monte Gargano (Apulien) von ihnen gefangen genommen worden, so wurde Robert als Herzog anerkannt und erhielt aus der Hand Papst Nikolaus’ II. der dem ungestümen Eroberer mehr widerwillig als freudig entgegenkam, Apulien, Kalabrien und das von den Sarazenen beherrschte und noch niederzuzwingende Sizilien als Lehen. Kein Zweifel, das Papsttum erwarb sich durch dieses Bündnis größere Bewegungsfreiheit gegenüber dem deutschen Kaiser, abgesehen davon, dass mit der Herrschaft der Normannen Byzanz seinen Einfluss in Unteritalien einbüßte. Zuletzt wagt Robert, der »Terror mundi« (»Schrecken der Welt«), wie ihn die Zeitgenossen nannten, den Angriff auf das Zentrum der oströmischen Macht, auf Byzanz. Mit einem aus Normannen, Langobarden und Italienern bestehenden Heer setzt er nach Griechenland über. Doch der entscheidende Erfolg bleibt aus. Robert muss nach Italien zurückkehren, um seinen in der Engelsburg in Rom von Kaiser Heinrich IV. arg bedrängten Lehnsherrn, Papst Gregor VII., zu befreien. Es ist die Zeit des Investiturstreits, eine Phase, während der die politische Gesamtsituation für den Papst ungünstig ist. Politisch äußerst unklug lässt der Normanne Rom brandschatzen. »Die gesamte Stadtfläche zwischen Lateran und Engelsburg – Paläste, Basiliken, Häuserzeilen – sanken in der schwelenden Glut dahin«, formuliert Gustav Faber, fast als wäre er dabei gewesen.

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Info 18.11.2017 13:01
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