Erben der Normannen in Süditalien: Die Staufer

Die Nachfolge Rogers II. trat Wilhelm I. an (1154-1166). Ihm folgte Wilhelm II. (1166-1189), der kinderlos starb, sodass das süditalienisch-sizilianische Erbe an Konstanze, eine nachgeborene Tochter Rogers II., fiel. Durch ihre Vermählung mit dem Sohn Friedrich Barbarossas, Heinrich VI., ging das Königreich in den Besitz der deutschen Staufer über. Heinrich VI. aber starb bereits im September 1197 in Messina und konnte sich in seinen ›Erblanden‹ nie richtig durchsetzen. Sein Sohn Friedrich II. faszinierte zwar seine Zeitgenossen durch ungewöhnliche Begabungen und betrachtete, da er ja auch in Palermo aufgewachsen war, sein südliches Erbe immer als seine eigentliche Heimat, kam aber durch päpstliche Machtpolitik und die ungeheure Schwierigkeit, das Deutsche Reich mit Sizilien zu vereinen, in große politische Konflikte. In dem von ihm heiß geliebten Apulien hielt er sich besonders gern auf und entfaltete in Foggia die orientalische Pracht seiner Hofhaltung. Mit Leidenschaft ging er der Jagd mit Falken in den Wäldern am Monte Gargano nach. Er widmete der Falknerei eine wissenschaftliche Abhandlung, in die seine unmittelbaren, konkreten Jagderfahrungen eingingen. Das Buch, dessen Erkenntnisse über das bisher Bekannte weit hinausreichten, soll bis ins 18. Jahrhundert als maßgeblich in Fragen der Falknerei gegolten haben. Typisch für Friedrichs II. an der sinnlichen Erfahrung orientiertes Vorgehen ist der Satz: »Unsere Absicht ist aber in diesem Buch über die Falknerei, das, was ist, auch so zu zeigen, wie es ist, und als zuverlässige Kunst darzustellen, denn bisher fehlte es dabei sowohl an der Wissenschaft wie an der Kunst.« Die aus diesen Worten herauszuhörende Vorurteilslosigkeit zeigte Friedrich II. auch in seinem Verhältnis zu den Sarazenen. Als er nach verlustreichen, langwierigen Kämpfen einen Aufstand der Inselsarazenen niedergeschlagen hatte, ließ er die gefangenen Araber nach Apulien bringen. Ein Versuch, sie dort auf einzelne Dörfer zu verteilen, scheiterte. Schließlich siedelte er sie in Lucera, unweit von Foggia, an. Die Muselmanen entwickelten Lucera zu einem blühenden Gemeinwesen und kultivierten das ihnen zugewiesene Land mit großem Erfolg. Sie bewiesen erstaunliche handwerkliche Fähigkeiten, stellten z. B. beste Seidengewebe her und schmiedeten weithin begehrte Waffen. Da der Kaiser ihnen Glaubensfreiheit garantierte und sogar den Bau von Moscheen erlaubte, wurden sie in relativ kurzer Zeit zu glühenden Anhängern Friedrichs II. und zu einer überall einsetzbaren Elitetruppe, die keine christlichen Gewissensbisse kannte. In Lucera gab es einen großen Tierpark mit vielen exotischen Tieren in der Obhut der Araber. Deshalb hielt sich Friedrich II. bevorzugt dort auf. Aus dem Kreis der Sarazenen rekrutierte er seine Leibwache, sarazenische Mädchen gehörten zur kaiserlichen Hofhaltung, wo immer sie sich aufhielt. Friedrich II. war ein unermüdlich Fragender mit großem Wissensdurst. In berühmt gewordenen Briefen wandte er sich an christliche und mohammedanische Gelehrte. So fragte er Michael Scotus nach der treibenden Kraft, die das Feuer aus Ätna und Stromboli hervorbrechen lasse, oder nach der Ursache von Meeresströmungen. Dabei scheute er auch vor heiklen religiösen Themen nicht zurück und stellte ganz konkrete Fragen nach Paradies, Fegefeuer und Hölle. In den »Sizilianischen Fragen« wandte er sich an Gelehrte in Ägypten, Syrien, Irak und Jemen. Eine dieser Fragen lautete so: »Welches ist das Ziel der theologischen Wissenschaft, und welches sind die unumgänglich notwendigen Voraussetzungen zu dieser Wissenschaft, wenn sie überhaupt Voraussetzungen hat?« Kein Wunder, dass sein Sohn Manfred ihn einen »Liebhaber der Weisheit« nennt, kein Wunder aber auch, dass man dem Kaiser, der ja Jahrzehnte mit dem Papsttum im Kampfe lag, die schlimmsten Ketzereien zutraute. Nannte er doch auch den mohammedanischen – also »heidnischen« – Aristoteles-Kommentator Averroes einen »Denkerfürsten« und förderte die Übersetzung arabischen Schrifttums. Bis heute ist noch nicht genau geklärt, wie viele arabische Errungenschaften und Leistungen auf künstlerischem und naturwissenschaftlichem Sektor durch die Toleranz Friedrichs II. auf uns gekommen sind. Mit dem Tod Friedrichs II. 1250, in dessen Denken sich Morgen- und Abendland begegneten, endete die große von Normannen und Staufern geprägte Zeit des »Königreichs beider Sizilien«, das in den kommenden Jahrhunderten unter französischer und spanischer Herrschaft zu politischer Bedeutungslosigkeit herabsank.