Die Einteilung der Vögel

Bevor man sich mit einem Lebewesen näher befasst, sollte man bestimmen, zu welcher Art es gehört. Die Methode, nach der man die Arten unverwechselbar benennt, geht auf den schwedischen Naturforscher Carl von Linne (1707-78), latinisiert Linnaeus, zurück. Er hat ein umfassendes System zur Einordnung der Tiere und Pflanzen aufgestellt. Danach erhält jedes Lebewesen einen zweigliedrigen Namen, dessen erster Teil die Gattung und dessen zweiter Teil die Art bezeichnet. So heißt die Aaskrähe Corvus corone: Sie zählt neben anderen nahen Verwandten zur Gattung der Raben (Corvus), und zwar als Art corone. Nicht nur alle 8600 verschiedenen Vogel-, sondern alle Tier- und Pflanzenarten tragen entsprechende eindeutige und überall gültige fachsprachliche Namen. Die verwandtschaftliche Zusammengehörigkeit
Nahe verwandte Arten fasst man also zu Gattungen zusammen, diese zu Familien, Ordnungen, Klassen und Stämmen. Auf diese Weise werden ähnliche Kategorien mit nur feinen Unterschieden zu immer größeren Gruppen vereinigt. So bilden die Gattungen der Raben (Corvus), Eichelhäher (Garrulus) und Elstern (Pica) mit einigen anderen die Familie der Krähenvögel (Corvidae), die ihrerseits ein Bestandteil der Ordnung der Singvögel (Passeriformes) ist. Zahlreiche Merkmale bezeugen, dass die großen Raben viel enger mit den Singvögeln als mit den oberflächlich betrachtet ähnlicheren Hühnern verwandt sind. Zu den 57 Familien der Singvögel zählen auch die Finken (Fringillidae), Stare (Sturnidae), Fliegenschnäpper (Muscicapidae) und Schwalben (Hirundinidae). Die Singvögel und 27 weitere Ordnungen bilden die Klasse der Vögel, diese bildet mit Fischen, Lurchen, Kriech- sowie Säugetieren den Unterstamm der Wirbeltiere (Vertebrata). Grundlage des Systems ist die verwandtschaftliche Zusammengehörigkeit, die naturgemäß z. B. bei Arten derselben Gattung enger ist als bei Arten verschiedener Gattungen innerhalb einer Familie. Das System als Ganzes betrachtet, spiegelt die Abstammungsgeschichte der Arten wider und stellt also nicht ein vom Menschen erdachtes Ordnungsprinzip dar. Zur Bestimmung des Verwandtschaftsgrades war man bis in die jüngste Zeit fast nur auf Merkmale der Körperform angewiesen. Dank neuer Methoden wurde auch die Untersuchung und der Vergleich von Eiweißstoffen möglich, z. B. bei Vogeleiern. Mit dieser Analyse kann man tiefere Zusammenhänge der Verwandtschaft erschließen. So zeigte sich, dass der merkwürdige Hoatzin zu den Kuckucksvögeln (Cuculiformes) zählt, obschon er ganz anders gebaut ist. Auch die wirklichen Verwandtschaftsverhältnisse bei den Flamingos wurden geklärt. Diese Vögel waren wegen ihrer langen Beine erst für Verwandte der Störche oder Reiher, dann aber für Vertreter der Entenvögel (Anseriformes) gehalten worden, was man aus ihrem Verhalten und aus Gefiederparasiten zu entnehmen glaubte. Die Eiweißuntersuchung stützt die ursprüngliche Ansicht, wonach sie Verwandte der Reiher aus der Ordnung der Storchenvögel (Ciconiiformes) sind. Konvergente Evolution
Die verschiedenen Gruppen bodenbewohnender Vogelarten gleichen sich in vielen Eigenschaften mehr oder weniger stark. Doch sind sie nicht alle miteinander verwandt, einige Gruppen entstanden unabhängig voneinander. Die Ähnlichkeiten z. B. bei Emu, Strauß, Nandu und Kasuar deuten auf gleichlaufende (konvergente) Entwicklungen hin, die von der Anpassung an den Lebensraum diktiert wurden. Selbst zwischen den äußerlich so ähnlichen See- und Lappentauchern besteht keine nähere Verwandtschaft. Sie gehören zu den Ordnungen Gaviiformes und Podicipediformes, die wiederum nicht direkt mit den Pinguinen (Sphenisciformes) verwandt sind. Als eigene Vogelordnungen betrachtet man die Kiwis (Apterygiformes), die man früher mit den Straußen (Struthioniformes), Nandus (Rheiformes) und Emus (Casuariiformes) in der Gruppe der Flachbrustvögel vereinte, die Röhrennasen oder Sturmvögel (Procellariiformes) und die Pelecaniformes. Weitere Familien und Ordnungen
Im Gegensatz zu den »Taggreifvögeln« der Ordnung Falconiformes mit ihren fünf Familien, zu denen auch die Geier zählen, rechnet man die Eulen (Strigiformes) nicht zu den Greifvögeln. Auch sie sind ein Beispiel für konvergente Entwicklung, denn die gleiche Ernährungsweise der beiden Gruppen – das Ergreifen und Verarbeiten von lebender Beute – verlangt die Entwicklung ähnlicher Werkzeuge: scharfer Krallen und Hakenschnäbel. Eine eigenständige Ordnung stellen die südamerikanischen Steißhühner (Tinamiformes) dar, obwohl sie als bodenbewohnende Laufvögel den gleichen Anpassungstyp verkörpern wie die Hühnervögel (Galliformes). Eine weitere große Gruppe bilden die Watoder Schreitvögel (Charadriiformes), zu denen auch die Möwen (Familie Laridae), nicht aber die Kraniche und Rallen (Gruiformes) gehören. Die Tauben (Columbiformes), die Papageien (Psittaciformes), die Nachtschwalben (Caprimulgiformes), Trogons (Trogoniformes), Racken und Eisvögel (Coraciiformes) sowie die Spechte (Piciformes) vervollständigen zusammen mit den Seglern und Kolibris (Apodiformes) und den Mausvögeln (Coliiformes) die bunte Palette der Vogelordnungen. Jede von ihnen besitzt typische eigene Merkmale, doch kann man ihre Vielfalt nicht immer leicht ordnen. Die Natur schafft Übergänge und Anpassungsformen, so dass sich die Grenzen zwischen den Gruppen oft verwischen.