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Der Vogelzug

Der Erfolg der Vögel als Anpassungsgruppe beruht in hohem Maße auf ihrer Fähigkeit zu großräumigen Wanderungen. Sie erschlossen den Vögeln Lebensräume und -möglichkeiten, die erdgebundenen Tieren vorenthalten blieben. Dafür »bezahlen« die Zugvögel diesen Vorteil mit hohem Energieaufwand und enormen Verlusten während der Wanderzüge. Die Standvögel »ersparen« sich diese »Kosten«, müssen sich aber mit Nahrungsknappheit und Winterkälte auseinandersetzen. Die längsten Zugwege
Echter Zug bedeutet eine regelmäßige, alljährlich wiederkehrende Wanderung von den Brut- zu den Überwinterungsgebieten. Solche Zugvögel suchen sich gleichsam die jeweils günstigsten Zonen mit ausreichend Nahrung und passenden klimatischen Verhältnissen gezielt aus. So brüten die meisten Strand- und Wasserläufer sowie viele Entenarten während des kurzen Polarsommers in der extrem nahrungsreichen Tundra. Auf dem Zug schöpfen sie dann vom überreichen Nahrungsangebot der Meeresküsten und Binnengewässer in Frühjahr und Herbst, während sie den Winter an den Flachseen und Überschwemmungsgebieten subtropisch-tropischer Feuchtgebiete verbringen. Auch die insektenfressenden Singvögel der gemäßigten Breiten nutzen das kurzzeitig zur Verfügung stehende, reiche Nahrungsangebot des Sommers zur Jungenaufzucht. Im Winter verteilen sie sich dann über riesige Gebiete in Afrika, Südamerika oder Australien, wo sie unter der Konkurrenz der dort dauernd heimischen Arten nur mit großen Schwierigkeiten ihre Jungen großziehen können. In den gemäßigten Breiten ist die Konkurrenz ungleich geringer. Auf der Südhalbkugel kehrt sich der Vogelzug natürlich in Richtung und Zeitplan um. Weite Wanderungen unternehmen auch die Seevögel, von denen einige Arten im Laufe eines Jahres rund um die Welt ziehen. »Teilzieher«
Nicht immer beteiligen sich alle Individuen einer Art am Zug. Bei manchen wandern nur die Weibchen und die Jungen, oder es verlagern sich nur die nördlicheren Bestände, während die weiter südlich lebenden Orts treu bleiben und nur in sehr kalten Wintern abwandern. Die Natur passt sich nicht in jedem Fall genau in das Schema ein. Fließende Übergänge sind die Regel. Die regelmäßigen Wanderungen können auch zu Neuansiedlungen in den Winterquartieren oder den Durchzugsgebieten führen. So brütet neuerdings der europäische Weißstorch auch in seinem südafrikanischen Winterquartier. Stets gut getrennt von Zugbewegungen zeigen sich aber echte Ausbreitungen, also Erweiterungen des Areals. Das Musterbeispiel hierfür ist die Türkentaube, die im Laufe eines halben Jahrhunderts nun praktisch ganz Europa besiedelt hat, obwohl sie um 1950 gerade erst Mitteleuropa erreicht hatte. Die Ursachen der Wanderungen
Wenn auch verschiedene Aspekte des Vogelzuges wie die Fernorientierung oder die genauen Ursachen der Entstehung noch nicht im Detail bekannt sind, so ist die Versorgung mit Nahrung doch ganz sicher die wichtigste Ursache für die Wanderungen. Denn die Vögel können als warmblütige Organismen die nahrungsknappe Zeit des Winters nicht einfach wie die Insekten in Ruhestadien überdauern. Auch verbietet das Flugvermögen eine allzu starke Gewichtszunahme, mit deren Hilfe sich viele Säugetiere über den Winter bringen. Diese zehren dann von ihrem Körperfett. In Starre zu verfallen, wie die Fledermäuse, ist nur möglich, wenn frostfreie Höhlen in genügendem Umfang vorhanden sind. Zur Orientierung in den dunklen Höhlen bedarf es wiederum eines speziellen Ortungssystems, über das die meisten Vögel ebenfalls nicht verfügen. Ausharren oder Wandern wurde daher zur Alternative für die Vögel, als sie sich anschickten, die nur saisonal günstigen Lebensräume der gemäßigten und der arktischen Breiten zu besiedeln. Im Verlaufe von 40 oder 50 Millionen Jahren entwickelte sich bei den Vogelarten, die auf einen regelmäßigen Zug angewiesen waren, ein ausgeprägter Zuginstinkt, der über eine »innere Uhr« das Vogelleben im Jahresverlauf genau steuert Dieser Instinkt versetzt sie in Unruhe, auch wenn aufgrund günstiger Wetterverhältnisse die Außenbedingungen noch nicht zum Aufbruch mahnen. Der physiologische Mechanismus, der den inneren Zeitplan einstellt und der unabhängig von äußeren Zeitgebern existiert, ist noch immer ein Geheimnis. Ebenso wissen wir zwar viel über die präzisen Leistungen bei der Fernorientierung, doch wie sie zustande kommen, entzieht sich unserer Kenntnis. Äußere Orientierungshilfen sind die Sonne und ihr jahresperiodischer Gang, nachts die Sterne und wahrscheinlich auch das Magnetfeld der Erde. Bei den vielen Millionen Zugvögeln, die jährlich Fernwanderungen durchführen, nimmt sich die Zahl der verdrifteten oder vom Kurs abgekommenen recht bescheiden aus. Das System funktioniert extrem genau, Jahrmillionen haben es geformt und seine Präzision in einem harten Ausleseprozess laufend überprüft. Es scheint, als »wüssten« viele Jungvögel schon angeborener maßen Bescheid über ihre Zugrouten, die sie von ihren Eltern nicht erlernen können, denn sie verlassen ihren Geburtsort mitunter schon vor deren Abzug. Und sie finden dorthin mit unglaublicher Genauigkeit zurück: Ein Schwarzschnabelsturmtaucher (Puffinus puffinus) war bereits 12 Stunden nach seiner Verfrachtung per Flugzeug nach Amerika wieder auf sein Nest an der Küste Englands zurückgekehrt. Solche Leistungen bleiben ein Geheimnis.

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