Das Verhalten der Vögel

Vögel hielt man bis vor kurzem für viel weniger lernbegabt als Säugetiere, denn es fehlen ihnen jene Gehirnbildungen, welche es den Säugetieren ermöglichen, in so großartiger Weise ihre Eindrücke zu verarbeiten und zu kombinieren. Demgegenüber erscheint das Verhalten der Vögel starrer und stereotyper. Dennoch sind die Navigationsleistungen beim Vogelzug und bei Langstreckenwanderungen einzigartig. In mancher Beziehung sind Vögel so lernfähig, dass sie nur von den höchstbegabten Säugetieren darin übertroffen werden. Ihr Verhalten kommt durch eine Mischung aus Instinkt und Lernen zustande. Instinktverhalten
Ausschließlich auf Instinkten beruht das Brutverhalten. Einer Silbermöwe kann man zum Bebrüten alles anbieten, was nur ein wenig in Form und Größe einem Ei entspricht. Ist der Gegenstand größer als ihr Ei, so verstärkt dies sogar den Bruttrieb. Instinktives Verhalten läuft oft geradezu mechanisch ab. Man spricht von einem fixierten Verhaltensmuster. Nestbau, Balz und gewisse Formen der Nahrungsbeschaffung beruhen auf solchen starren Verhaltensmustern, die als Ganzes weitervererbt werden. Der Jungvogel braucht sie nicht zu lernen, sie sind ihm angeboren. Bestimmte Signale und Rituale finden sich auch im Territorialverhalten. Viele Vögel behaupten ein Revier, das sie gegen Artgenossen verteidigen und in dem sie ihre Jungen großziehen. Sie sind mit diesem ihrem Lebensraum genau vertraut und daher bei Auseinandersetzungen mit eindringenden Artgenossen in der Regel im Vorteil. Mit Gesängen, Rufen oder besonders auffälligem Verhalten markieren sie ihre Reviere und kontrollieren diese laufend gegen Eindringlinge. So wirkt die rote Brust des Rotkehlchens als Signal dafür, dass ein Revier besetzt ist, auch wenn das betreffende Männchen gerade nicht singt. Kommt ein fremdes Männchen, löst seine rote Brust den Angriff des Revierbesitzers aus. Zunächst droht er den Eindringling an, wenn dies nicht ausreicht, beginnt ein Kampf. Wie man aus Kreuzungsversuchen weiß, sind die stereotypen Verhaltensweisen im Erbgut verankert. So zeigen die Hybriden zweier Arten kleiner Papageien eine Mischung aus dem Repertoire beider. Prägung und Übersprungverhalten
Frisch geschlüpfte Enten- oder Gänseküken folgen dem ersten sich bewegenden Objekt, das sie sehen können. Normalerweise ist dies die Mutter, und die Jungen lernen sie ungemein rasch kennen. Diesen fast augenblicklich ablaufenden Lernprozess bezeichnet man als Prägung. Sie kann auch am falschen Objekt erfolgen. Ist ein Mensch das erste sich bewegende Etwas, dann werden die Jungen auf ihn geprägt und folgen fortan nur noch ihm, nicht aber den eigenen Artgenossen. Schwieriger verläuft der Vorgang, wenn der arttypische Gesang eingeprägt werden muss. Hierzu braucht der Jungvogel mehr Zeit, und er muss ein bestimmtes Alter haben. Angeborenes verbindet sich mit den zu erlernenden Bestandteilen, bis der richtige Gesang zusammengefügt ist. Jungvögel mancher Arten, die isoliert aufgezogen werden (ohne die Möglichkeit, einen Artgenossen als Vorbild zu hören), singen zwar auch, doch stimmt ihr Gesang nicht mit dem Lied der Artgenossen überein. Manchmal befinden sich die Vögel mit ihren Verhaltensweisen in einer Konfliktsituation. Treffen sich zwei Männchen an der Grenze ihrer Reviere, kann die Neigung zum Angriff und zur Flucht in ihnen gleich stark wirken, ohne dass die eine oder die andere Tendenz das Übergewicht bekommt. Die Erregung beginnt dann, in eine andere Handlung überzufließen oder überzuspringen. Anstatt zu kämpfen, fangen die Reviernachbarn nun an, Gras zu rupfen, wie schlafend den Kopf ins Gefieder zu stecken oder nach etwas zu picken. Die Orientierung beim Vogelzug
Die vielleicht geheimnisvollste Fähigkeit der Vögel, über sehr weite Distanzen exakt zum Geburtsort wieder zu finden, harrt noch immer der Aufklärung. Die Jungen haben vielfach überhaupt keine Möglichkeit, von den Alten zu erfahren, wohin sie ziehen müssen. Sie machen sich schon vor ihnen auf den Weg zu einer Reise ins Unbekannte, in Gegenden, die sie nie zuvor gesehen hatten und die selbst dem Menschen erst die moderne Navigationstechnik mit vergleichbarer Präzision erschloss. Mittels unseres umfangreichen und komplizierten Kommunikationssystems erfahren wir, wo Afrika auf dem Globus zu finden ist. Den Zugvögeln, die z. B. irgendwo in den Wäldern Skandinaviens geboren wurden, sagt eine innere Uhr, wann es Zeit ist, aufzubrechen. Sie wissen die Zugrichtung, gleichen Verdriftungen durch ungünstige Winde aus und verrechnen die sich ändernden Tageslängen in den verschiedenen geografischen Breiten. Und schließlich wissen sie, wo sie am Ziel sind, obwohl sie es zum ersten Mal erreichen. Ein Hilfsmittel, das die Vögel bei dieser Wunderleistung der Navigation verwenden, sind die Sternbilder. Aber nicht allein die Sterne weisen den Weg, denn der Vogelzug geht auch bei Nebel weiter. Tagsüber hilft die Sonne, nachts, wenn hauptsächlich die Kleinvögel ziehen, scheinen auch die Feldlinien des Erdmagnetfeldes als Richtungszeiger benutzt zu werden. Orientierungsversuche mit Tauben in abgedichteten Räumen, in denen die Magnetfelder künstlich verändert wurden, machen dies wahrscheinlich. Vom Halsbandschnäpper, einem kleinen Singvogel, weiß man, dass die Weibchen Jahr für Jahr aus dem afrikanischen Winterquartier sogar in dieselbe Bruthöhle zurückkehren! Die Rätsel des Vogelzuges konnten bis heute nur zum kleinsten Teil aufgeklärt werden.