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Ludwig der Fromme

Im Frühherbst des Jahres 813, wenige Monate ehe Karl der Große 72 jährig starb, traten in Aachen die geistlichen und weltlichen Großen des fränkischen Reiches zusammen. In ihrem Beisein erhob der alte Herrscher seinen Sohn Ludwig feierlich zum Mitregenten (siehe Designation, unten) und damit zum Alleinerben des Reiches und des Kaisertitels. Auf sein Geheiß nahm Ludwig die Krone vom Altar und setzte sie sich selbst aufs Haupt. Der Vorgang wurde, wie der Biograf Karls des Großen, Einhard, berichtet, »von allen Anwesenden mit großem Beifall aufgenommen«. Es war ursprünglich keineswegs die Absicht Karls gewesen, das Riesenreich, das unter den damaligen Bedingungen von einem Herrscher kaum wirksam gelenkt werden konnte, nur einem einzigen Erben zu hinterlassen. Wie es schon unter den Merowingern üblich gewesen war, so wollte auch Karl nach altfränkischem Brauch das Reich wie einen persönlichen Besitz, gleichsam wie ein Bauer seinen Hof, unter seine legitimen Söhne teilen (»Divisio regnorum«, siehe Individualsukzession, unten). Die Erbfolgeordnung des Jahres 806 hatte in der Tat eine Teilung zwischen den Kaisersöhnen Karl, Pippin und Ludwig vorgesehen. Doch da die beiden älteren Söhne vor dem Vater starben, blieb als Nachfolger nur Ludwig, der jüngste unter den dreien. Der »Mönch« auf dem Kaiserthron
In seiner äußeren Erscheinung soll Ludwig, der beim Tod des alten Kaisers 36 Jahre alt war, manche Ähnlichkeit mit dem Vater besessen haben – die breiten Schultern, die mächtige Brust, die markante Nase -, doch in seinem Wesen war er dem Vater durchaus unähnlich. Das Interesse des hochgebildeten Mannes, der geläufig lateinisch sprach und das Griechische wenigstens verstand, galt vorwiegend geistlichen Fragen und den Problemen der Kirche. In seiner Umgebung herrschten, anders als bei Karl, die Geistlichen vor. »Von Psalmengesang und Litaneiengebet konnte er oft nicht genug bekommen, besonders eifrig unterzog er sich den vorgeschriebenen frommen Übungen« (nach Dannenbauer). Es ist nicht ganz auszuschließen, dass Ludwig lieber ins Kloster gegangen wäre anstatt über die abendländische Christenheit zu herrschen. Jedenfalls erhielt er bei Lebzeiten den Beinamen »der Mönch«, »der Fromme« wurde er erst nach seinem Tod genannt. Kaum im Besitz der Macht, begann Ludwig der Fromme den kaiserlichen Hof von allem zu säubern, was seinen strengen Auffassungen von Moral entgegenstand. Kaiser Karl der Große hatte gern das gesellige Leben, dessen Mittelpunkt er selbst war, gefördert und am Hof auch eine gewisse Freizügigkeit geduldet. Der neue Herrscher jedoch vertrieb das angeblich leichtlebige weibliche Gesinde, verbannte seine Schwestern vom Hof und verdrängte die alten Gefährten seines Vaters. Karls illegitime Söhne verschwanden im Gefängnis. Der Kaiser soll nicht einmal dann gelacht haben, wenn an den Hoffesten schauspielende Musiker, Possenreißer und Mimen mit Spielleuten und Zitherschlägern vor ihm auftraten und alle anderen Anwesenden sich vor Lachen bogen. Frommem Eifer und dem Streben nach der Einheit von Reich und Kirche ist es wohl auch zuzuschreiben, dass er sich im Jahre 816 ein zweitesmal, diesmal durch Papst Stephan IV., in Reims krönen ließ: zweifellos ein politischer Erfolg für das Papsttum. Designation (lat. designatio: Bezeichnung)
Der König bestimmt einen Sohn zu seinem Nachfolger, die Stämme kommen bei der Königswahl dem königlichen Befehl nach. Stirbt ein Geschlecht aus, wählen die Stämme selbstständig einen König, wobei meist aus Rücksicht auf das Geblütsrecht ein Vertreter einer verwandten Familie ausgesucht wird.
Diese Art der Nachfolgerbestimmung ist bis ca. zur Mitte des 11. Jahrhunderts relativ unproblematisch. Dann pochen die Fürsten auf Mitsprache. Deshalb war das mittelalterliche Deutschland im Gegensatz zu Frankreich und England nie eine Erbmonarchie. Individualsukzession (lat. succedere: nachfolgen)
Königsheil: Stellte man sich vor allem in der Merowingerzeit als an alle Vertreter der königlichen Sippe gebunden vor. Deshalb bekam jeder Sohn einen Reichsteil und einen Anteil an der Herrschaft. Teilungsprinzip konfliktträchtig, denn jeder wollte Alleinherrscher werden.
Reibungslose Nachfolge und Unteilbarkeit: Erst durch Individualsukzession garantiert: Königsnachfolge nur eines Sohnes, sie bildete sich erst in der Ottonenzeit heraus. Damit wurde gleichzeitig sichtbar die Vorstellung von der des Reiches verwirklicht.

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