amo

Reformen und Reichseinheit

Unter den Männern der Kirche, die Ludwig an seinen Hof berief, ragte vor allem einer als Freund und Berater hervor, der Abt Benedikt von Aniane aus Südfrankreich, der unter den Geistlichen seiner Zeit eine besonders strenge Richtung vertrat. Mit seiner Unterstützung führte der Kaiser eine strenge Reform des Klosterlebens und des Lebens der Weltgeistlichkeit durch, die auch alle möglichen Einzelheiten und unbedeutenden Kleinigkeiten regelte wie z. B. das Baden, Rasieren und Aderlassen. Doch waren diese Reformen dem geistigen Leben in den Klöstern durchaus nicht abträglich, wie die literarischen Leistungen und Wirkungen etwa der Klosterschule von Fulda unter dem Abt Hrabanus Maurus beweisen. Die gute Übereinstimmung zwischen dem Kaiser und dem hohen Klerus war wichtig für eine Frage, die das Schicksal des Reiches entscheiden konnte: Kaiser und Klerus wünschten die Einheit des Reiches zu festigen und über den Tod Ludwigs hinaus zu erhalten. Man versuchte, »die Einheit der Christenheit innerhalb des fränkischen Reiches zu verwirklichen: Ein Gott, eine Kirche, ein Reich«, wie in neuerer Zeit der Historiker Löwe formulierte. Den alten fränkischen Grundsatz der Reichsteilung vermochten aber auch die Vertreter des Einheitsgedankens nicht ganz aufzugeben. Das Ergebnis der Bemühungen um die Einheit des Reiches war schließlich die Ordinatio imperii (Reichsordnung), ein Kompromiss, der 817 auf dem Reichstag zu Aachen verkündet wurde. Kaiser Ludwig der Fromme hatte aus seiner ersten Ehe drei Söhne, Lothar, Pippin und Ludwig. Nach den Bestimmungen der neuen Reichsordnung wurde Lothar zum Mitkaiser gekrönt und zum Mitregenten und Erben seines Vaters erhoben, während die jüngeren Brüder Pippin und Ludwig nur den Königstitel und ein bescheideneres Teilkönigreich erhielten: Pippin das Land Aquitanien im Südwesten des fränkischen Reiches und Ludwig, der später den Beinamen »der Deutsche« erhielt, Baiern. Nach dem Tod des Vaters sollten die beiden Teilkönige unter der absoluten Oberhoheit des ältesten Bruders Lothar, König des Mittelfeichs und Kaiser, stehen. Die weitere Erbfolge war bis ins einzelne geregelt. Gegen diese Neuordnung wurden, da auch Kirche und Reichsadel den Einheitsgedanken vertraten, anfangs kaum Einwände erhoben – mit einer Ausnahme allerdings: Bernhard, ein Neffe des Kaisers, erhob sich mit einer Adelspartei gegen die Reichsordnung, da er langfristig seine Rechte in Italien gefährdet sah. Doch der Aufstand brach rasch zusammen, die Anführer wurden zur Strafe geblendet. An den Folgen dieser barbarischen Tat starben die Verurteilten – darunter auch Bernhard, der Enkel Karls des Großen. Dies erweckte so viel Unmut, dass Ludwig später auf einem Reichstag ein öffentliches Schuldbekenntnis ablegen und Buße leisten musste. Aber bedenklicher war die Art, wie Ludwig selbst Hand an die ausgeklügelte Reichsordnung von 817 legte und den Grundsatz der Reichseinheit einer Frau zuliebe zerstörte.

emu