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Der Vertrag von Verdun

Angesichts der Überlegenheit der Teilkönige und mit Rücksicht auf die Kriegsmüdigkeit des Adels war nun auch Lothar bereit, nachzugeben und auf bisherige Ansprüche zu verzichten. Das Ergebnis langer Verhandlungen war der »Vertrag von Verdun« (August 843), in dem die drei Brüder Lothar, Ludwig der Deutsche und Karl der Kahle das Reich – was die Herrschaftsbereiche betrifft – unter sich teilten. Nominell sollte freilich die Reichseinheit erhalten bleiben. Danach erhielt Karl den Westteil des Reiches mit den angestammten Kerngebieten der fränkischen Könige, d. h. alles Land westlich der Linie Schelde-Maas-Rhöne. Ludwig dem Deutschen fiel der Ostteil rechts des Rheins mit Mainz, Worms und Speyer zu. Lothar erhielt außer dem Kaisertitel, der seinen Brüdern gegenüber nicht mehr viel bedeutete, und Italien den schmalen Landstreifen zwischen dem West-und dem Ostreich, der von den Küsten der Nordsee bis zu den Alpen reichte. Vor dem Abschluss des Vertrags hatte man eine eingehende Inventarisierung des Reiches aufgenommen (»Descriptio regni«), eine Beschreibung der nach den langen Kämpfen noch vorhandenen Güter und Rechte der Herrscherfamilie, um die Teilung möglichst gerecht durchzuführen. Aus heutiger Sicht erscheint das Resultat dieses Vertrages als Versuch, das Gebiet so zu teilen, dass das Reich eines jeden Bruders an den wichtigen Klima- und Vegetationszonen des Karlsreiches teilhaben sollte. Wirtschaftliche Interessen bestimmten also die Grenzen der neuen Teilreiche, nicht die Zugehörigkeit der Menschen zu diesem oder jenem Volk – ein Gedanke, der dieser Zeit völlig fremd gewesen wäre. Der »Vertrag von Verdun« zielte demnach auf das Ende der Zwistigkeiten im Herrscherhaus, nicht auf die Auflösung des fränkischen Großreichs – Teilungen hatte es ja seit der Zeit der Merowinger immer wieder gegeben -, und trotzdem liegt in dieser Teilung ein entscheidender Schritt hin zur Entstehung eines deutschen und eines französischen »Staates«. Eine dauerhafte Wiedervereinigung zwischen dem Ostreich, aus dem das Deutsche Reich hervorgehen sollte, und dem Westreich, dem künftigen Frankreich, kam nicht mehr zustande. Vielmehr zogen sich die Großen auf ihren Grundbesitz in den Teilreichen zurück. Das zukunftweisende politische Leben spielte sich folglich mehr und mehr dort ab. Das ostfränkische Reich Ludwigs des Deutschen war, was die innere Entwicklung betraf, den anderen Reichsteilen politisch und wirtschaftlich unterlegen. Es war nicht nur dünner besiedelt und weniger erschlossen, auch die staatliche Organisation, die Gesetzgebung und die im Westfrankenreich weit gediehene Ausweitung des Lehnswesens waren weit weniger fortgeschritten als im Westreich. Andererseits war seine Bevölkerung vor allem hinsichtlich ihrer gemeinsamen Sprache und germanischen Herkunft viel geschlossener, die Stellung des Königs gegenüber Adel und Kirche war noch stärker als in den anderen Reichsteilen, und durch kluge Heiratspolitik oder durch energisches Zupacken erweiterte und festigte Ludwig seinen Einfluss auf den ostfränkischen Adel. Das geistige und das literarische Leben dieser Zeit, dem Ludwig aufgeschlossen gegenüberstand und das er bewusst auch förderte, regte sich vernehmlich am Hof und in den Klöstern. Es lässt ahnen, dass sich unter den Stämmen des Ostreiches ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickelte, an dem auch die Sachsen, der zuletzt unter fränkische Herrschaft gezwungene Stamm, bedeutenden Anteil hatten. Der sächsische Mönch Gottschalk schrieb schon »gelegentlich vom deutschen Volk, ohne diesem Begriff schon einen politischen Klang zu geben« (Löwe). Noch zählten sich die rechtsrheinischen Stämme zu den »Franken«. Die Normannen plagten zu dieser Zeit mehr das reichere westfränkische Reich, wo es mehr zu holen gab als im Osten. Dennoch fielen sie hin und wieder auch über die Nordseeküsten her und zerstörten 845 das kürzlich gegründete Hamburg. Der Sitz des Erzbischofs wurde nach Bremen verlegt. Im Osten des Reiches gelang es Ludwig nach manchen Widerständen und Rückschlägen, die Grenzen zu stabilisieren. Er musste allerdings im Frieden von Forchheim (874) die Unabhängigkeit des Großmährischen Reiches, das unter den energischen Fürsten Rastislav und Svatopluk entstanden war, praktisch anerkennen und damit Ansprüche preisgeben, die auf die Zeit Karls des Großen zurückgingen. Übrigens wurde Svatopluk der Pate von Ludwigs Urenkel, der um diese Zeit geboren und auf den (eingedeutschten) Namen des Fürsten getauft wurde. Er hieß Zwentibold.

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