Kaiser ohne Glück: Karl der Dicke

Als Ludwig der Jüngere 882 starb, folgte ihm, da seine beiden Söhne schon vor ihm gestorben waren, sein Bruder Karl, dem die spätere Geschichtsschreibung den Beinamen »der Dicke« gab. Ihm bot sich alsbald die Möglichkeit, die Wikinger entscheidend zu schlagen. Er schloss sie mit einem mächtigen Heer in ihrem Lager an der Maas ein und hätte nun nur noch auf ihre Übergabe zu warten brauchen. Statt dessen ließ er sich unbegreiflicherweise auf einen Vertrag ein, der ihnen den Abzug gestattete und obendrein noch eine Tributzahlung gewährte. Die Gegenleistung der Wikinger bestand in der Taufe ihres Anführers. Ähnlich lahm und unentschlossen war Karl der Dicke in seiner weiteren Regierungszeit. Die Ironie der Geschichte wollte es, dass ausgerechnet er nach einer Reihe von Todesfällen unter den Karolingern in Ost und West noch einmal als Kaiser (885-887) das gesamte Frankenreich unter seiner Herrschaft vereinigte, wenn man bei dem schwachen und vermutlich schwerkranken Mann von Herrschaft überhaupt reden darf. Denn er vermochte weder das Reich zu schützen noch sich gegen den Adel durchzusetzen. Im Westen des Reiches ging er sogar so weit, den Wikingern gewisse Gebiete zur Plünderung zu überlassen, weil ihm die Einwohner nicht gehorchen wollten. Angesichts der Untätigkeit und Unfähigkeit des Kaisers war nun der Adel des Ostreichs bereit, Karl den Dicken auf Betreiben seines Neffen Arnulf von Kärnten auf dem Reichstag von Tribur zur Abdankung zu zwingen. Mitleiderregend klingt, was ein Chronist überliefert: Karl der Dicke sei von seiner Frau in ehrenrühriger Weise mit der Bemerkung bloßgestellt worden, er habe sich »niemals in fleischlicher Umarmung mit ihn vermischt«. Die Großen des Reiches fielen in Scharen von ihm ab, »sodass nach drei Tagen kaum jemand übrigblieb, der ihm auch nur die Pflichten der Menschenliebe erwiesen hätte«. Als Bettler musste Karl am Ende seinen Nachfolger anflehen, ihm wenigstens den notwendigsten Lebensunterhalt zu sichern. Arnulf gewährte ihm die Einkünfte einiger Krongüter, aber Karl hatte kaum mehr Gelegenheit, davon Gebrauch zu machen. Im Januar des Jahres 888 starb er. Der Historiker Löwe zieht das bittere Fazit dieser Epoche: »Nun zerbrach das Universalreich der Karolinger endgültig nicht so sehr an der Unfähigkeit seines letzten Herrschers als an der Unmöglichkeit, im Zeitalter der Naturalwirtschaft ein Reich dieses Ausmaßes verwaltungsmäßig zusammenzuhalten und gegen so vielfältigen äußeren Druck überall zu verteidigen.«

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Info 19.02.2018 06:49
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