Arnulf von Kärnten und Ludwig das Kind

Obwohl die Großen des ostfränkischen Reiches sich bei der Königswahl von 887 in Tribur noch einmal für einen Karolinger entschieden und Arnulf von Kärnten, einen Enkel Ludwigs des Deutschen und »Friedelsohn« (siehe: Friedelehe, unten) dessen Sohnes Karlmann erhoben, setzten sich in allen Teilen des zerfallenden Großreichs Vertreter der hohen Reichsaristokratie durch, denn nur von ihnen war in den Wirren einer katastrophalen Zeit Rat und Schutz zu erwarten. Das westfränkische und das ostfränkische Reich, dazu Hoch- und Niederburgund und Italien lösten sich voneinander, und die großen Familien setzten sich an die Spitze selbstständiger Königreiche. Die Zeitgenossen fanden nichts Anstößiges daran, dass die Dynastie der Karolinger mehr und mehr zurücktrat. Arnulf von Kärnten genoss unter den neuen Teilkönigen als Spross des karolingischen Hauses und aufgrund seiner tatsächlichen Macht eine gewisse Vorrangstellung und die Rolle eines Schiedsrichters. Sein Ansehen wuchs noch mehr, als es ihm gelang, die bis dahin nahezu unbesiegbaren Wikinger bei Löwen an der Dyle vollkommen zu schlagen und in den Fluss zu treiben, wo angeblich Hunderte und Tausende ertranken. Von da an hatte das Ostreich Ruhe vor diesem furchtbaren Feind. Als letzter Karolinger empfing er auch die Kaiserkrone (896), die allerdings seit Langem, nicht erst seit Karl dem Dicken, viel von ihrem einstigen Glanz verloren hatte. Immerhin begründete der Kaisertitel lehnsrechtlich den Anspruch auf eine gewisse Oberhoheit. In seinen eigenen Landen war Arnulf darauf bedacht, die königliche Macht zu verankern und den Zusammenhalt der ostfränkischen Stämme zu fördern. Vor allem erreichte er für die Regelung der Erbfrage die Zustimmung des Adels und der kirchlichen Würdenträger. Da es zunächst noch an einem ehelichen Erben fehlte, sollte sein Bastardsohn Zwentibold Erbe des Reiches werden. Doch Zwentibold musste weichen, als sich im Jahre 893 ein ehelicher Sohn einstellte, der spätere König Ludwig mit dem Beinamen »das Kind«, dem die Großen des Reiches als bald den Treueid leisteten. Zwentibold wurde mit dem Königreich Lothringen abgefunden, wo er bis zu seinem Tod 900 immer wieder Gelegenheit hatte, seinen Mangel an politischen und militärischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Arnulf bemühte sich um ein gutes Verhältnis zur hohen Geistlichkeit, vernachlässigte aber auch nicht die Beziehungen zu den Dynastien der selbstständig gewordenen Königreiche Italien, Burgund und Westfranken. Die realen Machtverhältnisse in den einzelnen Königreichen verhinderten jedoch ein »Hineinregieren« des Kaisers völlig. Die Einheit des Kaisertums Karls des Großen war zerbrochen. Mit der Schwächung der fränkischen Macht wuchs die Bedeutung Baierns. Nach der Reichsordnung Ludwigs des Frommen hatte einst Ludwig der Deutsche Baiern übernommen und Regensburg zum Hauptort seines Teilreichs gemacht. Seit dieser Zeit hatte Regensburg die anderen ostfränkischen Städte in seiner Bedeutung als religiöser und kultureller Mittelpunkt überflügelt. Vor allem das Kloster St. Emmeram war ein Zentrum literarischen Schaffens. Darüber hinaus wurde Regensburg wie Mainz und Köln zu einem der bedeutendsten Handelsplätze Ostfrankens. Nach dem Tod Ludwigs des Deutschen förderten sein Sohn Karlmann und dessen Sohn Arnulf von Kärnten weiterhin die Stadt, sodass sie allmählich zu einer Art inoffizieller Hauptstadt des ostfränkischen Reiches wurde, wo nunmehr auch die Reichsversammlungen am häufigsten zusammentraten und wo Arnulf nach seinem Tod (899) in St. Emmeram bestattet wurde. Im Jahre 900 erhoben die Großen des ostfränkischen Reiches in der alten fränkischen Pfalz Forchheim Arnulfs sechsjährigen Sohn Ludwig das Kind zum König Ostfrankens. Sie hätten sich, um die Herrschaft eines Kindes zu vermeiden, auch an den damals im Westen regierenden Karolinger Karl den Einfältigen, Sohn Ludwigs des Stammlers, wenden können – merkwürdig ist übrigens diese Häufung abwertender Beinamen bei den Nachkommen des großen Karl -, aber zum einen hatte sich im Osten schon ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt, und zum anderen waren sich Adel und hohe Geistlichkeit sicher, unter einem unmündigen König, für den einige Bischöfe das Regiment führten, ihre eigenen Interessen ungehemmter durchsetzen zu können. Das Erlahmen der Zentralgewalt in dieser Zeit führte dazu, dass sich in den verschiedenen Stämmen des Ostfrankenreiches die großen Familien durchzusetzen begannen. Es bildeten sich wieder einmal Stammesherzogtümer die ihrem Charakter nach aber anders waren als die der Merowingerzeit. In Schwaben und Franken geschah diese Bildung unter schweren Kämpfen zwischen den Adelsdynastien, in den von äußeren Feinden bedrängten Stammesgebieten Sachsen und Baiern rascher und selbstverständlicher. Gemeinsame Beutezüge und Grenzkämpfe förderten den Zusammenhalt. So notierte der Annalist von Fulda für das Jahr 900, dass die Baiern in Böhmen und Mähren eingefallen seien, sie »sengten und verwüsteten alles drei Wochen hindurch und kehrten zuletzt glücklich und wohlbehalten nach Hause zurück«. Friedelehe
Das germanische und althochdeutsche Recht billigten die Verbindung eines verheirateten Adeligen mit einer Freien (d. h. einer Friedel). Friedelkinder waren, wenn der Vater sie anerkannte, den vollehelichen gleichgestellt. Der Mann hatte keine hausherrliche Gewalt über seine Friedel, deren Eltern er nicht den üblichen »Muntschatz« (Natural- oder Geldleistung) bezahlte. Nicht mit dem heutigen Konkubinat (illegale Ehe) gleichzusetzen! Die Institution der Friedelehe zeigt recht gut den Wandel in den sogenannten moralischen Vorstellungen: was besonders bis in die 60er Jahre der 20. Jahrhundert verheimlicht und tabuisiert wurde (»Seitensprung«), war im frühen Mittelalter sogar rechtlich zulässig und erwünscht. Auch die rechtliche Stellung der »unehelichen« Kinder wurde seit dem Ende des Mittelalters immer schlechter, bis sie erst 1970 der von »ehelichen« Kindern angeglichen wurde.

Forum (Kommentare)

Info 26.09.2017 - 00:17
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.