Die Ungarneinfälle – Sie übertrafen die Raubtiere an Grausamkeit

Einigkeit war für die Sachsen und Baiern in der Tat ein Gebot der Stunde, denn nunmehr bedrohte das Reich ein Feind, von dem die Zeitgenossen nur mit Schaudern berichten: »Das sehr wilde und alle Raubtiere an Grausamkeit übertreffende Volk der Ungarn«, wie ein zeitgenössischer Berichterstatter meldet. Ob sie wirklich, wie der Gewährsmann weiter wissen will, Blut getrunken und die in Stücke geschnittenen Herzen ihrer Gefangenen als Heilmittel eingenommen haben, mag dahingestellt bleiben. Tatsache ist aber, dass die wilden asiatischen Reiter durch ihre Grausamkeit und durch ihre ungewohnte Kampfesweise für mehr als ein halbes Jahrhundert der Schrecken Mitteleuropas waren. Als sie 894 in die Baiern vorgelagerte Grenzmark Pannonien einbrachen, töteten sie alle Männer und die älteren Frauen und schleppten die jüngeren mit sich davon. Im Jahre 900 »fielen sie mit starker Mannschaft und sehr großer Heeresmacht über die Enns feindlich in das Land der Baiern ein, sodass sie auf 50 Meilen in der Länge und Breite mit Feuer und Schwert alles mordend und plündernd in einem Tag vernichteten«, berichten die Annalen von Fulda. Das war im gleichen Jahr wie der baierische Überfall auf Böhmen und Mähren, von dem man so glücklich heimgekehrt war. Zwar gelang es dem baierischen Markgrafen Luitpold, die Grenzen vorübergehend zu sichern, aber nach der Zerstörung des Großmährischen Reiches (906) drangen die Ungarn nach Sachsen und wieder nach Baiern vor und vernichteten 907 das baierische Aufgebot bei Preßburg, wo der Markgraf selbst und zahlreiche Adelige fielen. Jahr für Jahr erfolgten die Plünderungszüge, ohne dass ihnen Einhalt geboten werden konnte. Bei Augsburg erlag den Ungarn 910 auch König Ludwig das Kind mit seinem Aufgebot. Die Ohnmacht der Zentralgewalt und die Notwendigkeit der Grenzsicherung hatten zur Folge, dass sich in Baiern die Herrschaft der Familie der Luitpoldinger ziemlich rasch durchsetzen konnte, denn nur eine starke Regionalgewalt verhieß Hilfe in der allgemeinen Not. Arnulf, der Sohn des bei Preßburg gefallenen Markgrafen Luitpold, nannte sich selbstbewusst bereits 907 »durch göttliche Vorsehung Herzog von Baiern und der angrenzenden Lande«. In Sachsen erstarkte im gleichen Zeitraum die Familie der Liudolfinger, die sich im Kampf gegen Slawen und Wikinger Ansehen und Macht erworben hatte und um das Jahr 908 nach Thüringen griff. Im Jahr nach seiner Niederlage bei Augsburg starb, achtzehnjährig, Ludwig das Kind, ohne in der Geschichte des ostfränkischen Reiches merkbare Spuren hinterlassen zu haben. Mit ihm erlosch rund hundert Jahre nach dem Tod Karls des Großen die ostfränkische Linie der Karolinger. Markgraf Luitpold von Baiern
Begründer des »jüngeren« Stammesherzogtums in Baiern in der Phase des karolingischen Machtzerfalls, nach dem König de facto erster Mann in Baiern, großer Machtzuwachs nach der Wahl Ludwigs des Kindes 900: 903 nennt sich Luitpold »Dux« (lat. Herzog) von Böhmen, treibt eigenständige Außenpolitik in der Ungarnabwehr. Sein Sohn Arnulf nennt sich bereits Herzog der Baiern und stellt Urkunden im Stil von Königsurkunden aus. Bis 938 äußerst eigenmächtige Politik der Luitpoldinger (in Böhmen und Oberitalien, Kirchenhoheit), dann Bindung Baierns an die Krone: Otto I. setzt einen Amtsherzog ein.

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Info 18.12.2017 00:15
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