Wachsende Herzogsmacht – Konrad I.

Es war nun die Frage, ob sich die Stämme, aus denen das künftige deutsche Reich erwachsen sollte, erneut einem Karolinger unterstellen wollten – im Westen regierte noch Karl der Einfältige – oder ob sie fortan ihren eigenen Weg gehen sollten. Lothringen hielt am Geblütsrecht (Siehe unten) und damit an den Karolingern fest, es wandte sich wieder dem Westreich zu. Die Stammesherzöge und der Adel der übrigen Stämme, der Franken, der Sachsen, der Baiern und der Schwaben, wählten hingegen einen Mann aus ihrer Mitte. Zunächst sollte die Wahl auf den Sachsenherzog Otto fallen, doch der hatte die Wahl »wegen seines schon fortgeschrittenen Alters« abgelehnt und Konrad von Franken vorgeschlagen. So kam es, dass im Jahre 911 zu Forchheim Konrad I. zum König gewählt wurde. Es ist jedoch problematisch, den Tag von Forchheim als den Geburtstag des Deutschen Reiches zu feiern. Gewiss hatten die Wähler Konrads I. keine Ahnung, dass sie Zeugen und Mitwirkende bei einem epochalen Ereignis waren. Die Erinnerungen an die großfränkische Vergangenheit waren zählebig und wirkten weiter. Man hatte auf fränkischem Boden einen fränkischen Fürsten (wenn auch keinen Karolinger) gewählt, und auch in Zukunft fanden die meisten Wahlen auf fränkischem Boden statt. Noch Otto der Große ließ sich 951 »König der Franken und Langobarden« nennen, und zur Zeit Heinrichs II. tauchte die Idee einer »Erneuerung des Frankenreiches« auf. Konrad I. war kein Karolinger mehr, mag er auch wie manche andere Familie dieser Zeit mit ihnen verwandt gewesen sein. Aber Konrad wollte noch einmal so wie ein Karolinger herrschen, indem er versuchte, die inzwischen mächtig gewordenen Stammesherzöge im Bund mit der Kirche auszuschalten, wie die Karolinger ihrerseits die Stammesherzöge ausgeschaltet hatten. Daran ist Konrad gescheitert. Die unklaren Verhältnisse und die Streitigkeiten zwischen den großen Familien in Schwaben ließen die Pläne des Königs zunächst aussichtsreich erscheinen. Doch ehe Konrad eine Entscheidung herbeiführen konnte, bedrohte der Sachsenherzog Heinrich des Königs eigene Stammlande. In den sich ausweitenden Kämpfen drang Konrad zwar tief nach Sachsen vor, war aber nicht in der Lage, den selbstbewussten Herzog zu beugen. In dieser schwierigen Situation besann sich Konrad auf jene Macht, die schon in den Wirren der spätkarolingischen Zeit den Einheitsgedanken immer wieder verfochten hatte, auf die Kirche, die die Entwicklung der Stammesherzogtümer mit Misstrauen verfolgt hatte. Sie fürchtete nämlich, dass sie ihrer gewaltigen Reichtümer durch mögliche Übergriffe der Stammesherzöge verlustig gehen könnte. So versammelten sich im September 916 die Kirchenfürsten aus Franken, Schwaben und Baiern – nur die sächsischen Bischöfe hielten sich fern – zu einer Synode zu Hohenaltheim bei Nördlingen. Sie unterstützten mit ihren Beschlüssen aufs Massivste das Machtstreben des Königs, indem sie bei allem, was heilig war, und unter Androhung des Banns und aller Höllenstrafen beschworen, »niemand denke an den Sturz des Königs, niemand taste das Leben des Fürsten an [...] niemand verbinde sich irgendwie verschwörerisch gegen ihn«. Wer aber den Eid, den er dem König geschworen habe, breche, der solle, um der Verfluchung zu entgehen, ins Kloster fliehen und sein Leben mit Bußübungen verbringen. Die beiden hartnäckigsten schwäbischen Widersacher des Königs, die Brüder Erchanger und Berthold, wurden zugleich zu lebenslänglicher Klosterhaft verdammt, weil sie die Hand gegen den »Gesalbten des Herrn« erhoben hatten. Doch als der König über den Beschluss der Synode hinausging und die beiden hinrichten ließ, da beschleunigte er nur die Verfestigung des Stammesherzogtums auch in Schwaben, wo alsbald Herzog Burchard allgemeine Anerkennung fand. Die unablässigen, zermürbenden Kämpfe um die königliche Vorherrschaft banden so viele Kräfte, dass Konrad nicht in der Lage war, das Reich gegen die äußeren Feinde wirkungsvoll zu verteidigen. Seine Misserfolge im Westen, wo er sich vergebens um Lothringen stritt, wogen gering gegen sein Versagen im Kampf gegen die Ungarn. Beinahe Jahr für Jahr kehrten sie wieder und verheerten nach Belieben das Land zwischen St. Gallen in der Schweiz und Bremen, zwischen Baiern und Lothringen, ohne dass ihnen der König wehrte. Die Verteidigungsanstrengungen der Baiern und Schwaben wurden zwar nicht durch nachhaltige Erfolge belohnt, aber sie stärkten die Macht und das Selbstbewusstsein der Teilgewalten, die Konrad während seiner Regierungszeit so erbittert bekämpft hatte. Als er schließlich, ein Gescheiterter, nach einem letzten Kampf mit Herzog Arnulf von Baiern fühlte, dass es mit ihm zu Ende gehe (918), traf er eine Entscheidung, die, fern allem eigennützigen dynastischen Denken, im Sinne eines starken Königtums für die Zukunft war. Er ließ seinen Bruder Eberhard zu sich kommen und forderte ihn auf, die königlichen Insignien, die Lanze, die goldenen Armringe, den Mantel, das Schwert und die Krone dem zu bringen, dem das Königsheil, das heißt Herrscherglück und Herrschererfolg, beharrlich folge und dessen Stamm »an der Spitze der Allgemeinheit« stehe: Heinrich, Herzog der Sachsen. Unter Tränen, so will der Geschichtsschreiber Widukind wissen, erklärte sich Eberhard einverstanden. Er schloss mit Heinrich Frieden und versprach ihm Treue, die er dann auch bis zu seinem Ende hielt. Geblütsrecht und Wahlrecht
Bei der Krönung Ottos I. werden in den unterschiedlichen Elementen der Krönungszeremonie die Kräfte sichtbar, die das Reich tragen: in der Designation – dem erbrechtlichen Element: das Königtum, in der Wahl: der Adel, in Salbung und Krönung: die Kirche.
Wahlrecht: Das fränkische Erblichkeitsprinzip brach mit dem fränkischen Reich zusammen. Das neue Königtum des Deutschen Reiches wurde durch Wahl begründet.
911: Wahl Konrads I. durch die Stämme.
918: Übersendung der Herrschaftszeichen an Heinrich 1. Die Großen sanktionieren diese symbolische Herrschaftsübertragung durch ihre Wahl. Bei der Wahl entscheidet der »sanior pars«, d. h. nicht die Mehrheit, sondern das politische Gewicht des Abstimmenden. Tritt die unterlegene Partei dem Entschluss nicht bei, entscheidet das Gottesgericht.
Geblütsrecht: Nach der Konsolidierung des königlichen Hauses entwickelte sich ein Geblüts-Erbrecht: Man ging nicht mehr von dem Geschlecht ab, dem das Königsheil folgte. Zur Nachfolgesicherung designierten die Könige einen Sohn.
936: Heinrich I. bestimmt Otto I. zu seinem Nachfolger.
961: Otto I. lässt seinen Sohn zum Mitkönig wählen und krönen.
Sachsen, Salier und Stauf er wenden fortan diesen Brauch an, jedoch setzt sich insgesamt stärker der Wahlgedanke durch, der Adel und Kirche größere Einflussnahme sichert (Dynastiewechsel). Stichworte zur Gründung des Deutschen Reiches
Zerfall des Frankenreiches: Größe des Riesenreichs und seine innere Struktur (Autonomiestreben von Adel und Reichsaristokratie, Lehnswesen) verhindern dauerhafte Verwaltung durch nur einen Herrscher. Fränkische Teilungspraxis (Ordinatio imperii 817, Divisio regni 831), Aufstände und kriegerische Wirren beschleunigen den Zerfall. Verträge (Verdun 843, Meersen 870, Ribemont 880) fördern eigenstaatliche Entwicklung. Im Osten Absage an die karolingische Dynastie, Absetzung Karls des Dicken und Machtverlust des Kaisertums.
Stammesherzogtümer: Bedrohung von außen, Ausfall von königlichem Schutz, gemeinsame Tradition und Dialekt fördern ihre Neubildung.
Die Entstehung des Deutschen Reiches: Nach den Teilungsabkommen Rückzug von Adel und Kirche in die Teilreiche. Entwicklung eigener Sprache (Straßburger Eide 842), Eigenbewusstsein (887 kein Anschluss an das Weltreich, sondern Wahl eines eigenen Königs) und Zusammengehörigkeitsgefühl der ostfränkischen Stämme (Wahl Konrads I. 911, Heinrichs I. 919) sind die Faktoren, die zur »Gründung« des Deutschen Reiches führen.