Die Hanse – Anfang, Organisation und Zielsetzung

Noch bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts hinein bildete der Nord- und Ostseeraum die Domäne vornehmlich skandinavischer Fernhändler, die von Bergen, Trondheim oder Oslo aus den englischen Markt mit Trockenfisch, Fellen, gesalzener Butter und Holz versorgten. Gotländische Seefahrer gelangten bis in das von Warägern gegründete Nowgorod, wo sie Anschluss fanden an neue Handelswege nach Kiew, Smolensk und den Orient, sodass sie Pelzwaren, Wachs und kostbare asiatische Güter nach Schweden, England oder Sachsen ausführen konnten. Fremde Konkurrenten traten kaum in Erscheinung. Lediglich die Flamen nahmen Einfluss auf den Nordseehandel. Mit Tuchen, Rheinwein und Orientwaren wussten sie in England gute Geschäfte zu machen. Nach 1150 zeichnete sich eine andere Entwicklung ab, als sich deutsche Wanderhändler zu »Hansen« (soviel wie »Schar«) zusammenschlossen, um sich in der Fremde gemeinsam gegen Gefahren und Ansprüche (vor allem Grundruhrrecht und Strandrecht, siehe unten) zu helfen und Handelsprivilegien zu erlangen, durch die sie rechtlich wie wirtschaftlich ausländischen Kaufleuten gleichgestellt wurden. Seit 1157 ist eine solche Genossenschaft Kölner Kaufleute in London belegt, später gab es eine weitere in Bergen. Mit der Neugründung Lübecks durch Heinrich den Löwen 1159 bahnte sich ein Aufschwung im deutschen Ostseehandel an. Noch im 12. Jahrhundert entstand auf der damals schwedischen Insel Gotland die »Gemeinschaft der deutschen Gotlandfahrer«, der es alsbald gelang, in Nowgorod eine Konkurrenzniederlassung zum »Gotenhof« der Skandinavier zu gründen, den sogenannten Peterhof. Die Kölner Hanse in London und die Bergenfahrer schlossen sich wenig später diesen deutschen Gotlandfahrern an. Kaufleute der im Zuge der Ostsiedlung gegründeten Städte traten ebenfalls der Gotländer Genossenschaft bei, Lübeck übernahm eine Führungsrolle. Bereits am Ende des 13. Jahrhunderts leitete es den Peterhof. Die Gotländer griffen mit ihrem Handel auch nach England aus, wo sie die gleichen Privilegien erlangten wie früher die Kölner Hanse. Und mit eben dieser schlossen sich die Gotländer zur »hansa Almaniae« zusammen, deren Kontor, der Londoner »Stalhof«, Berühmtheit bekommen sollte: Hafen, Lagerhallen und Speicher, Kaufhäuser und Unterkunftsräume bildeten dort den Treffpunkt der Englandfahrer. Norddeutsche Kaufleute nutzten politische Streitigkeiten um Flandern aus, brachten dabei den dortigen Tuchhandel in ihre Hand und verstanden es, Brügge rasch zum einzigartigen Stapelplatz für den westeuropäischen Seehandel zu entwickeln. Weil viele Hansekaufleute Ratsmitglieder und Bürgermeister ihrer Heimatstädte waren, ergab es sich ganz von selbst, dass sie im Ausland nicht nur ihre eigenen wirtschaftlichen, sondern auch die politischen Interessen ihrer jeweiligen Städte vertraten. Teilweise waren diese bereits untereinander durch besondere Verträge verbunden und in Städtebünden freundschaftlich liiert, sodass der Weg zur Städtehanse schon angebahnt war, bevor die große Politik den Zusammenschluss letztlich erwirkte. Bei Ausbruch des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich im Jahre 1338 beispielsweise ergriff der flandrische Graf Ludwig die französische Partei und untersagte jeglichen Englandhandel. Das führte zu einem Weberaufstand in Gent und zu einem Disput der Brügger Hansekaufleute darüber, wie man sich angesichts dieser Situation verhalten solle. Die Herkunftsstädte der deutschen Händler übernahmen sofort das Kontor zu Brügge. Eine Versammlung zu Lübeck beantwortete den Privilegienentzug durch den Grafen Ludwig 1358 mit einem allgemeinen Verkehrsverbot gegenüber Flandern, wobei allen »steden van der dudeschen hense« bei Nichtbefolgung des Entscheids der Ausschluss aus der Gemeinschaft angedroht wurde. In diesem Vorgang sehen viele Forscher den eigentlichen Beginn der deutschen Städtehanse. Organisationsstruktur und Zielsetzung
Jeder Versuch, Wesen und Bedeutung der deutschen Städtehanse würdigen zu wollen, bleibt ein gewagtes Unterfangen. Die Hanse selbst hat einst auf die Frage nach ihrem Selbstverständnis nur sehr vorsichtig geantwortet: Sie sei keine Gesellschaft oder Genossenschaft. Weder verfüge sie über gemeinsamen Besitz, noch habe sie Vermögen. Sie kenne keinen Geschäftsführer, verwende kein Siegel und verstehe sich nur als eine »confederacio« (d. h. festes Bündnis) von Orten und Gemeinschaften zu dem Zwecke, dass »die Handelsunternehmungen zu Wasser und zu Lande den erwünschten und günstigen Erfolg haben und dass ein wirksamer Schutz gegen Seeräuber und Wegelagerer geleistet werde«. Wohlstand und Sicherheit – dies waren also im Kern die Programmpunkte und Ziele der Gemeinschaft, die für ihre Mitglieder nicht haftete und deren einzige Institution jahrhundertelang der Hansetag war, auf dem die gemeinsame Marschroute festgelegt werden sollte. Mitgliedern, die ihre individuellen Interessen auf Kosten der anderen befriedigten, drohte die »Verhansung«, d. h. der Ausschluss aus der Gemeinschaft. Dies zog gleichzeitig den sicheren Verlust der Privilegien nach sich, die im Ausland erworben worden waren, aber auch wirtschaftliches Risiko im Inland. – Welche Privilegien besaßen eigentlich hansische Kaufleute im Ausland? Schon in der Frühzeit fernhändlerischer Zusammenschlüsse hatte man versucht, sich eine Art ›Rechtsschutz‹ zu schaffen bei Streitigkeiten oder Konflikten mit ausländischen Unternehmern, Behörden oder Käufern. Dabei konnten nicht nur Niederlassungsgarantien, sondern sogar die Zulassung eigener Gerichte erwirkt werden. Es ging den Kaufleuten um Sicherheit vor willkürlicher Auslegung des Strandrechts (siehe unten) im Falle eines Schiffbruchs, um Befreiung vom Stapelzwang, d. h. von der Verpflichtung, Waren erst einige Zeit an bestimmten Plätzen zum Verkauf anbieten zu müssen, bevor man auf andere Märkte und Messen weiterziehen durfte. Als ganz ideal wurden solche Privilegien dann empfunden, wenn sie den deutschen Kaufmann dem ausländischen gleichstellten, wie es eine Ordonnanz des englischen Königs Heinrich II. verfügte, der bereits 1157 Kölner Kaufleuten das Recht verlieh, ihre Weine auf dem gleichen Markt abzusetzen wie die französischen Händler, und gleichzeitig seinen Richtern und Dienstleuten befahl, die Kölner Händler »zu schützen und zu stützen« wie seine eigenen Untertanen und Freunde. Grundruhrrecht
Das Recht von Grundbesitzern und Stadtbewohnern, alle Transportwaren aufzusammeln und zu behalten, die den Boden ›berührten‹, wenn ein Wagen oder ein Lasttier fiel oder eine Achse brach. Strandrecht
Das Recht aller Strandanwohner, den Strand in jeder Hinsicht zu nutzen. Besonders begehrt waren naturgemäß das Gepäck von Schiffbrüchigen (sie waren im Mittelalter als Fremde sowieso rechtlos!) und die Ladung von gestrandeten Kaufmannsschiffen. Diese enormen ›Einnahmequellen‹ versiegten allerdings schon im 13. Jahrhundert für die kleinen Leute. Die Landesherren rissen das Strandrecht an sich und engten es zunehmend ein: nur ein Drittel des herrenlosen, gefundenen Gutes oder der Güter von Schiffbrüchigen durften die Finder behalten, ein Drittel war an den Landesherren abzuführen, ein Drittel blieb beim Eigentümer, soweit dieser feststellbar war.
Beide Rechtstitel waren Einbußen riesigen Umfangs für Kaufleute, die per Schiff oder Wagen Handel trieben und – was bei den damaligen Straßenverhältnissen fast an der Tagesordnung war – mit ihrer Ware irgendwie mit Erdboden oder Wasser in ›Berührung‹ kamen. Die Hansekaufleute machten früh gegen diese Rechte Front.