Die Hanse – Das Geschäft mit Hering und Seelenheil

Wer vom Seehandel der Hanse spricht, denkt sofort an das Riesengeschäft, das mit Heringsfang und Trockenfisch – den mittelalterlichen Fastenspeisen schlechthin – erzielt werden konnte. Als später die Heringszüge nicht mehr an Schonen vorbeizogen, war die kostbarste Quelle des Hansereichtums versiegt. Wegen des Herings brachen sogar Kriege aus – doch davon später! Alljährlich in der Hauptfangzeit des Herings – das war zwischem dem 11. August und dem 9. Oktober -steuerten Hanseflotten aus Danzig, Stettin, Stralsund, Rostock, Bremen und Lübeck ihre Niederlassungen an der Südküste Schonens an, um den dänischen Fischern ihre riesigen Frachten abzukaufen. Man schätzt, dass jährlich 100 000 Tonnen Hering in weite Teile Europas exportiert wurden. Ein Riesentross von Arbeitern und Böttchern war nötig, um den Fisch auszunehmen, zu salzen und in Tonnen versandfertig zu machen. Dass beim Verpacken der begehrten Fastenspeise mehr als einmal geschludert wurde, zeigt jene Mängelrüge der Erfurter Bürgerschaft, die sich bei ihren hansischen Freunden in Lübeck beschwerte, dass die Heringe häufig nicht in gleicher Qualität in die Tonnen geschichtet würden und in der Fassmitte verdorben seien. Die Herings-schwärme sollen übrigens nach Auskunft des altdänischen Geschichtsschreibers Saxo Grammaticus im 13. Jahrhundert so dicht gewesen sein, dass das Ruder bisweilen die Schiffe kaum fortzubewegen vermochte und man die Fische einfach mit der Hand fangen konnte. Aus dem Jahre 1527 wird berichtet, dass man den Hering mit der Schaufel aus dem Meer herausholte. Das zur Fischkonservierung nötige Salz bezog Lübeck aus den Lüneburger Salinen. Erst im Laufe der Zeit kam das billigere französische Meeressalz in den Handel. Aus Norwegen und Schweden führten die Hansekaufleute neben dem Trockenfisch auch Eisenerz, Kupfer und Holz ein, während Dänemark Schlachtvieh, Pferde, Fett, Speck und Häute exportierte. Werfen wir noch einen kurzen Blick auf das westliche Verteilerzentrum Brügge, damals ein europäischer Haupthafen, heute versandetes flandrisches Mittelstädtchen. Hier liefen viele Jahrzehnte alle Waren aus West-, Nord- und Osteuropa zusammen, vor allem wurde die Stadt wegen des Exports flandrischer Tuche berühmt, für die England die nötige Wolle lieferte. Mit den flandrischen Erzeugnissen konnten das Rheinland oder Mitteldeutschland kaum konkurrieren, wenngleich westfälische Leinwand, Leibwäsche und Tischbezüge im Osten viele Abnehmer fanden. Über Brügge liefen die Weinexporte aus Spanien, dem Baskenland, Burgund und dem Rheinland, hier konnte man aber auch Orientwaren wie Seide, Gewürze, Damast und Damaszenerklingen eintauschen, und Wein aus Zypern, Pelze oder Feigen erwerben sowie Haushaltswaren, Drähte, Nägel, Glas- und Spielwaren aus hansischer Heimproduktion einkaufen. Weniger genau unterrichtet sind wir leider über den Umfang der Geschäfte. Eines lässt sich allerdings feststellen: Kein einziger hansischer Kaufmann, nicht einmal ein Veckinchusen, Castorp oder Mulich, hätte sich mit den süddeutschen Fuggern, Beheims oder Welsern vergleichen können. Oft schmolzen nämlich erworbene Reichtümer innerhalb weniger Generationen infolge Erbteilung, Fehlspekulation oder Krieg zusammen. Mochten auch die Zwischengewinne manchmal erheblich gewesen sein, waren die Handelskosten doch extrem hoch und zehrten davon einen Großteil wieder auf. Verpackungs-, Zoll-, Schutz- und Vorzugsabgaben, der Sold für militärisches Begleitpersonal, Risikoprämien, Kontor- und Liegenschaftskosten schlugen spürbar zu Buch. Es gehörte zudem zu den Merkmalen der Hanse, dass ihre Mitglieder oft auch gegeneinander hart konkurrierten, wie das Beispiel Lübecks zeigt, das zusammen mit den wendischen Städten gegen die preußischen unter Danzigs Führung Handelspolitik trieb. In der Fremde, so scheint es freilich, war es um die hansische Solidarität besser bestellt als in der Heimat.

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Info 18.11.2017 13:07
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