Aus mancherlei Gründen verdient der Kölner Dom, Deutschlands größte Kathedrale und eine der bedeutendsten Kirchen der Welt, uneingeschränkte Bewunderung. Zunächst überwältigen seine die menschliche Vorstellung übersteigenden Maße - die Türme sind 157 m hoch, der Innenraum ist 144 m lang und fast 45 m breit, das Mittelschiff über, 43 m hoch -, weiter wird die unerreichte Harmonie seiner Teile gepriesen, und schließlich empfindet man die Einheit des gotischen Systems und die geradezu schwerelose Raumgröße als außergewöhnlich.
Als 1248 unter dem Erzbischof Konrad von Hochstaden der Grundstein gelegt wurde, hatte Köln schon eine 1300jährige Entwicklung hinter sich. Um 50 v. Chr. wurde im Gebiet des heutigen Köln eine römische Kolonie gegründet, die Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Aus Colonia wurde Cöllen und dann Köln. Dicht neben dem Dom fand man die Überreste eines römischen Palastes mit dem 75 qm großen Dionysos-Mosaik aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., und tief im Grund des Domchors entdeckte man 1959 zwei königlich ausgestattete fränkische Gräber aus der Mitte des 6. Jahrhunderts.
Zu Anfang des 9. Jahrhunderts baute Erzbischof Hildebold, Erzkaplan Karls des Großen, eine doppelchörige Basilika, den »Alten Dom«. Diese Vorgängerkirche des heutigen Doms gewann an Ansehen, nachdem Erzbischof Rainald von Dassel, der Kanzler Kaiser Barbarossas, 1164 die Reliquien der Heiligen Drei Könige von Mailand aus in den Kölner Dom überführt hatte. Durch diese Reliquien nahm die neue Kathedrale den Rang einer Königskirche ein, bezogen auf Christus als den höchsten König. Spiegelbild dieser Bedeutung ist auch, dass im Mittelalter der Kölner Erzbischof den deutschen König in Aachen krönte und die beiden ersten Sitze des Chorgestühls im Dom zu Köln stets für Kaiser und Papst reserviert waren. Der 1248 begonnene Bau kam nur zögernd voran, der Chor konnte 1320 vollendet und 1322 geweiht werden. Bis 1400 folgte der Südturm mit zwei Geschossen, vom 14. bis zum 16. Jahrhundert wurden Lang- und Querhaus bis zu einer Höhe von 15 und 18 m hochgeführt. Dabei blieb es bis ins 19. Jahrhundert. Nur der Chor des gewaltigen Torsos diente gottesdienstlichen Zwecken. Lange Zeit hatte es den Anschein, als sei nie mehr an eine Vollendung des Werkes zu denken. »Allmählich verlor sich jeder Sinn und jedes Verständnis für die mittelalterliche Bauweise«, heißt es in der Festschrift, die 1880 anlässlich der Fertigstellung des Doms herausgegeben wurde. »Man würde es für eine Versündigung am Geist der Zeit gehalten haben, wenn man es hätte unternehmen wollen, die Ruine des Doms im alten Stil zu vollenden.«
Immer wieder forderte man den Weiterbau der Kathedrale. »Wären das Kirchenschiff, die kolossalen Türme und die übrigen Bauteile vollführt, so würde Europa nichts Größeres aufzuweisen haben, was den alten Weltwundern gleichgestellt werden könnte«, schrieb ein Beobachter um das Jahr 1600. Es lag nicht nur am Geld, sondern am Wandel der Auffassungen: »Als die Gotik dem neuen Zeitgeist zum Opfer gefallen war, bequemte man sich auch in Köln zum Anschluss an Rokoko und Zopf. Man überbot einander im Überkleistern, Abhobeln und Verstümmeln der vorhandenen alten Kunstwerke.«
Die entscheidenden Impulse zum endgültigen Ausbau gingen von S. Boisseree aus, der auch Goethe zu interessieren vermochte. In den Jahren 1842 bis 1880 wurden dem gigantischen Torso »im Geist der Alten« die fehlenden Teile hinzugefügt. Sie verbanden sich bruchlos mit dem alten Bestand, nur die Plastiken erreichten weder die Reife noch die Aussagekraft der mittelalterlichen. Bald wurde der Dom zu Köln als Symbol Deutschlands angesehen. Aber seine tiefere Bedeutung liegt doch auf anderem Gebiet. Die Entmaterialisierung des Steines und des Lichtes (durch die Farbigkeit der Fenster) ist als Abbild der Himmelskathedrale aufzufassen. So wirkt dieser Bau bei aller Monumentalität schwerelos. Um das zu erspüren, muss man sich vergegenwärtigen, dass beispielsweise ein einziger Schlussstein im Hochschiff ein Gewicht von fast 40 Zentnern hat.
Über die Kunstschätze des Doms sind viele Bücher geschrieben worden. Erwähnt sei das um 970 entstandene Gerbkreuz, die älteste erhalten gebliebene großplastische Darstellung des Gekreuzigten. Von internationalem Rang ist der Dreikönigsschrein, das größte Goldschmiedewerk der Welt, begonnen nach 1181 von Nikolaus von Verdun und von Kölner Meistern um 1220 vollendet. Als künstlerisch bedeutsamste Bildwerke Deutschlands aus dem frühen 14. Jahrhundert gelten die Apostelplastiken an den Pfeilern des Chores. Nicht weniger sehenswert sind die mittelalterlichen Fenster und die strahlenden Werke der Schatzkammer. Als Hauptwerk der Kölner Malerschule des 15. Jahrhunderts gilt das dreiteilige Dombild von Stephan Lochner. Im Zweiten Weltkrieg wurden u.a. die Gewölbe im Hochschiff des Langhauses und im nördlichen Querschiff zerstört. Elf Jahre lang war die Dombauhütte mit Ihren 70 Werkleuten damit beschäftigt, diese Schäden zu beseitigen. Man hielt sich dabei an die historischen Pläne. Der Dom zu Köln ist heute wieder eine formvollendete Einheit.
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