Der Islam in Europa

Im Jahre 711 setzte der Berber Tarik, Unterführer des arabischen Feldherrn Musa ibn Nusair, bei dem heutigen Gibraltar (Dschebel al Tarik) auf die Iberische Halbinsel über, besiegte die Westgoten unter Roderich bei Wadi Bekka (bei Jerez de la Frontera) und unterwarf Córdoba und Toledo der muslimischen Herrschaft. Die Entfernung bis Damaskus, dem Machtzentrum des Kalifen, war so groß, dass die Eroberer nicht mit einer vollen Eingliederung in das arabische Weltreich rechneten.

Unabhängigkeit vom Osten
Die ersten Gouverneure von »Al-Andalus« wurden jedoch wider Erwarten noch von Kalifen ernannt, auch die Steuereinnahmen flossen der Regierung in Damaskus zu. Eine Änderung trat erst ein, als die Abbasiden aus Bagdad den Omaijaden in Damaskus die Macht entrissen. Ein Nachkomme der Omaijaden, Abd ur-Rahman I., entkam nach Spanien und gründete mit Unterstützung der dort ansässigen 20 000 Moslems das Emirat - später Kalifat - Córdoba. Seine Dynastie machte sich bald vom Osten unabhängig. Sie herrschte über 300 Jahre lang fast über die ganze Halbinsel.

Die ursprüngliche Bevölkerung der eroberten Gebiete trat nach und nach zum Islam über. Dennoch dauerte es fast 200 Jahre, ehe die Dynastie der Omaijaden ihre Herrschaft im gesamten Gebiet der Iberischen Halbinsel durchsetzen konnte. Erst 929, nach Anerkennung durch die bis dahin halbautonomen Regionen, wurde das Emirat Córdoba durch Abd ur-Rahman III. in ein Kalifat umgewandelt. Das nunmehr vereinigte Al-Andalus war stark genug, um gelegentliche Angriffe der christlichen Königreiche an den Nordgrenzen abzuwehren. Die Herrschaft der Araber brachte Spanien eine Blüte der Wirtschaft, des Handels und der Kultur. Die Araber führten Nutzpflanzen ein wie Reis, Apfelsinen, Zuckerrohr, Baumwolle, aber auch die Papierfabrikation. Die Philosophen Avicenna, Averroes und Maimonides beeinflussten Scholastik und Theologie des christlichen Mittelalters.

Die Bedeutung Córdobas
Córdoba, das Zentrum des Islams im Westen, zog Gelehrte, Dichter und Künstler aus der gesamten islamischen Welt an. Im klimatisch günstigen Hügelland, das der Sierra Nevada vorgelagert ist, befand sich die Residenz der Kalifen, die Große Moschee wurde in Córdoba selbst errichtet - ein architektonisches Meisterwerk, dessen Schönheit man im Laufe der Zeit noch durch viele Erweiterungsbauten zu steigern versuchte.

Die Geschlossenheit des Reiches Al-Andalus ließ sich über die Jahrhunderte nicht aufrechterhalten, sie wurde 1031 auch formal aufgegeben, als das Kalifat in mehr als 20 Kleinstaaten zerfiel, die eifersüchtig über ihre eigenen Interessen und Territorien wachten. Mit den ersten Anzeichen innerer Schwäche verstärkte sich der Druck von außen: Unter Einfluss des Papstes mischten sich die christlichen Länder nördlich der Pyrenäen zunehmend in die Angelegenheiten der christlichen Königreiche Nordspaniens und ihre Auseinandersetzungen mit Al-Andalus ein.

Die Rückeroberung des islamischen Spaniens
Die »Reconquista« (Rückeroberung) des maurischen Spanien vollzog sich in zwei Phasen vor bzw. nach der Einnahme Toledos (1085) durch Kastilien. Als Mauren bezeichnet man die Araber und arabisierten Berber des Mittelalters auf der Iberischen Halbinsel. Anfangs hatten die christlichen Vorstöße nach Süden eher den Charakter einer Kolonisation als einer Rückeroberung.

Der mangelnde politische Zusammenhalt der christlichen Staaten bewirkte jedoch, dass sie nach Süden nur langsam vorankamen. So bildeten die Täler des Duero und des Ebro lange Zeit die Grenze zwischen Mauren und Christen. Erst Alfons VI. von Kastilien konnte 1085 durch die Einnahme Toledos einen Keil in den islamischen Machtbereich treiben. Allmählich erwachte nun auch neben dem territorialen das religiöse Interesse der Christen für das maurische Spanien. In den folgenden hundert Jahren kämpften die christlichen Krieger Kastiliens und Aragons für Santiago de Compostela und die Bibel gegen Almoraviden und Almohaden, in Nordafrika beheimatete Berber-Dynastien, die das zur Provinz degradierte Al-Andalus für ihren Glauben verteidigten.

Die Macht der Almohaden wurde durch die Niederlage bei Navas de Tolosa (1212) entscheidend erschüttert. Es gelang den meist getrennt operierenden Heeren von Kastilien, Aragon und Portugal, das Gebiet des islamischen Al-Andalus auf einen Küstenstrich von ungefähr 400 km Länge östlich von Gibraltar zu reduzieren. Dieser letzte arabische Staat auf iberischem Boden, das Reich der Nasriden, bestand vor allem dank seines geschickten politischen Taktierens noch weitere 250 Jahre. Es pflegte zeitweilig Beziehungen sowohl zum christlichen Kastilien wie auch zu den kleinen islamischen Dynastien in Nordafrika, es trieb Handel mit Katalonien und mit Genua. Die Hauptstadt des Reiches wurde Granada mit der Residenz der Alhambra (»Rote Burg«, 13. und 14. Jahrhundert), zum wichtigsten Zeugnis weltlicher maurischer Kunst in Europa.

Das christliche Spanien verhielt sich gegenüber der maurischen Bevölkerung widersprüchlich: Es verfolgte zeitweilig die Menschen, bewunderte aber ihre materielle Kultur. Toledo wie das normannische bzw. staufische Sizilien wurden Zentren griechisch-arabischer Gelehrsamkeit. Die politische Herrschaft des Islams auf der Iberischen Halbinsel endete mit dem Fall Granadas (1492), die Spuren der 700jährigen Herrschaft und Kultur des Islams in Spanien sind aber bis in die Gegenwart erhalten geblieben.
 
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