Das Werden Frankreichs

Die ersten Ansätze zur Formierung der französischen Nation sind im Aufstieg des Hauses der Kapetinger zu suchen, das die letzten karolingischen Herrscher des westfränkischen Reiches verdrängte. Hugo Capet (940-996), Herzog der Franken, wurde 987 König von Frankreich, das sich von den Pyrenäen bis zum Rhein erstreckte. Seit der Invasion der Franken im 5. Jahrhundert setzte sich die Bevölkerung aus germanischen, keltischen und romanischen Elementen zusammen, die Kronvasallen und Feudalherren waren weitgehend unabhängige Herrscher ihrer Territorien. Es dauerte noch 200 Jahre, bis die Kapetinger, die zunächst nur das Gebiet um Paris beherrschten, sich wirklich in Frankreich durchsetzen konnten.

Die Kapetinger
Die Kapetinger hatten zunächst mit den großen Lehnsherren im Süden und Südwesten (Aquitanien) kaum Berührung, umso spürbarer war aber die Rivalität der Feudalherren im benachbarten Anjou, in der Normandie und in Flandern. Das neue Königshaus setzte sich dennoch durch, das verdankte es seiner steigenden Popularität beim Volk, das schließlich die Monarchen zu sakrosankten Personen verklärte. Diese wurden mit dem Öl gesalbt, das der hl. Remigius, »Apostel der Franken«, um 497 bei der Taufe Chlodwigs gebraucht hatte. Die höchste Auszeichnung erfuhren die Kapetinger schließlich mit der Heiligsprechung Ludwigs IX. (1279). König Ludwig IX. (Regierungszeit 1226-70), der Kreuzfahrer, wurde vom Volk als frommer Christ, aber auch als Patriot verehrt.

Allmählich konnten die Kapetinger jedoch neben hohem moralischem Prestige auch reale Macht und politischen Einfluss gewinnen. Sie zogen Kronlehen ein und vereinigten sie mit der Krondomäne. Sie bauten die zentrale Verwaltung des Reiches aus, vor allem aber genossen sie die Unterstützung der aufstrebenden Städte. Den größten Machtzuwachs verdankte die Dynastie König Philipp IL August (Regierungszeit 1180-1223). Er eroberte die englischen Festlandslehen nördlich der Loire und konnte sie Frankreich nach der Schlacht von Bouvines (1214), in der er eine Allianz von Johann I. von England, dem Welfen Kaiser Otto IV. (Gegenkaiser Friedrich II.) und den Großen Flanderns besiegte, vollends einverleiben. Philipp IL August zentralisierte den Staatsaufbau, schließlich war ein Drittel Frankreichs Krondomäne. Sein Sohn Ludwig VIII. (Regierungszeit 1223-26) und sein Enkel Ludwig IX. erwarben außerdem das Langue-doc, nachdem französische und ausländische Kreuzheere auf Betreiben des Papstes die Albigenser in Südfrankreich ausgerottet hatten (1209-29). König Philipp IV. der Schöne (1268-1314) erwarb durch Heirat Navarra (1284), setzte die Besteuerung des Klerus durch und erzwang 1309 die Übersiedlung des Papstes nach Avignon.

Neue Verwaltungsformen
Den Kapetingern des 13. Jahrhunderts gelang es, den vormals weitgehend unabhängigen Adel in ihren Dienst zu ziehen. Mit Unterstützung von Gelehrten der Universität Paris bildeten sie eine rechtskundige Beamtenschaft heran und bauten eine Finanzverwaltung auf. Die wichtigsten Behörden wurden das Parlament (Oberster Gerichtshof) und die chambre des comptes (Zentrale Finanzverwaltung) in Paris. Schon Philipp IV. der Schöne konnte mit einem zuverlässigen Beamtenstab arbeiten und sich rühmen, reicher und angesehener als alle anderen Monarchen Europas zu sein.

Dennoch wurde die Machtposition der französischen Könige noch einmal aufs höchste gefährdet. Bis 1314 hatten die Kapetinger die Königswürde stets vom Vater auf den Sohn vererben können. 1328 erlosch die direkte Linie, die Krone fiel an die Seitenlinie der Valois. Zwar leistete Eduard III. von England (1312-77) König Philipp VI. Valois (1293-1350) den Vasalleneid, als Enkel Philipps IV. des Schönen erhob Eduard III. aber selbst Ansprüche. Er verbündete sich mit dem unzufriedenen Adel Flanderns, der Bretagne und des Südens und besiegte das französische Ritterheer bei Cröcy (1346), während das plündernde Söldnerheer des Grafen von Armagnac das Land verwüstete. Eduards III. Sohn Eduard, der »Schwarze Prinz« (1330-76), nahm den zweiten Valois-König Johann II. den Guten (1319-64) 1356 bei Poitiers gefangen und gab ihn nur gegen ein hohes Lösegeld frei. Unter Karl VI. (1368-1422) konnte Heinrich V. von England die Normandie zurückerobern, Paris besetzen und die Enterbung des Dauphins (des späteren Karl VII.) erreichen.

Jeanne d?Arc, die Jungfrau von Orleans
Im Zeitpunkt der tiefsten Erniedrigung des Hauses Valois - ganz Nordfrankreich wurde von Engländern und Burgundern beherrscht - erfuhr die Idee vom französischen sakrosankten Königtum eine Wiedergeburt durch das Wirken der Jeanne d?Arc (1412-31). Das schlichte Mädchen aus Lothringen begab sich, getrieben von inneren Stimmen, die ihr die Befreiung Frankreichs auftrugen, an den Hof des enterbten Thronfolgers. Zunächst gelang es ihr, einige Heerführer und schließlich auch ein Heer für die nationale Sache zu gewinnen und die Engländer 1429 zur Aufgabe der Belagerung von Orleans zu zwingen (daher ihr Beiname »Jungfrau von Orleans«). Sie betrieb auch die Krönung Karls VII. (1403-61) in Reims, sie selbst fiel in die Hände der Engländer und wurde 1431 als Ketzerin in Rouen verbrannt. Karl söhnte sich mit den Burgundern aus (1435), die Engländer mussten sich von französischem Boden zurückziehen. Seit dem Ende des sogenannten Hundertjährigen Krieges (1339-1453) ist die Einheit der französischen Nation bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben.
 
Kategorie: Europa im Mittelalter Nach oben

MyBude © 2008/2012
All rights reserved, including the right of reproduction in whole or in part in any form.
Referat: 151 - Das Werden Frankreichs
Werden | Frankreichs | Europa | Mittelalter
Hauptseite | Impressum | Haftungsausschluss | Sitemap | Wikipedia | Google | BMBF