Die Kunst Europas im späten Mittelalter kann man als Weiterentwicklung des gotischen Stiles betrachten. Alle Gebiete der Kunst und der Architektur demonstrieren Freude am kultivierten Farben- und Formenreichtum, jeweils mit regionalen Abweichungen.
Kunst und Kunstförderung
Die Vorliebe für gotische Dekoration und kostbare Materialien kennzeichnete weiterhin das Werk italienischer Maler, wie Gentile da Fabriano (vor 1370?1427) und Benozzo Gozzoli (um 1420?97). Im Norden Europas herrschte der gotische Stil weiterhin vor, eine konkurrierende Strömung war noch nicht erkennbar. Die Gotik wurde allerdings zunehmend realistischer, die dekorativen Einzelheiten überwucherten und verdeckten dabei oft architektonische oder flächengliedernde Konstruktionen. Die Tiere und Pflanzen, die zum Beispiel die Figuren der Wandteppichfolge »Die Dame mit dem Einhorn« umgeben, sind in allen Einzelheiten naturgetreu dargestellt.
Tafelbilder für Altarblätter müssen zu dieser Zeit überall verbreitet gewesen sein, aber außer flämischen und deutschen Beispielen sind nur wenige erhalten geblieben. Anders die illuminierten Handschriften, hiervon existieren noch viele. Stundenbücher waren in der Gesellschaft offensichtlich außerordentlich beliebt und in Mode. Diese Gebetbücher für Laien hatten für die Wohlhabenden offenbar Status-Charakter.
Aber nicht nur der Adel gehörte zu den Auftraggebern der Künstler. So hat, um ein Beispiel zu nennen, eine Familie aus dem Großbürgertum die Wandteppichserie »Die Dame mit dem Einhorn« in Auftrag gegeben. Viele bedeutende englische Landgüter waren im Besitz von Handelsherren. So kaufte im Jahr 1462 Sir Geoffrey Boleyn, ein Seiden- und Textilhändler, Schloss Hever in Kent. Das Haus von Jacques Coeur (um 1395-1456) in Bourges ist ein Beispiel für den Wohlstand französischer Handelskreise. Jakob Fugger (1459-1525) aus dem Augsburger Kaufmannsgeschlecht erbaute 1510?19 die Fugger ei in Augsburg, den ältesten »sozialen Wohnungsbau« Europas. Kaufleute finanzierten auch den Bau vieler großer sogenannter »Wollkirchen« in Ostengland. In Europa, insbesondere in Mitteleuropa, entstanden in dieser Zeit imponierende Stadtkirchen, die von der örtlichen Kaufmannschaft bezahlt wurden.
Die spätgotische Architektur
Die Architektur der Spätgotik nimmt in Europa fast exotische Formen an. Die konstruktiven Teile wurden dekorativ umgebildet und bis ins Phantastische gesteigert. Das Maß-, Fial- und Rippenwerk kam zu üppiger Entfaltung. Für die französische Spielart mit ihrem flammenähnlichen Maßwerk, das sich über Wände und Fenster ausbreitet, wurde der Ausdruck Flamboyant üblich, Beispiele sind St. Maclou in Rouen, Caudebecen-Caux (Normandie). Auf der Iberischen Halbinsel waren überwuchernde, vegetabilische Dekorationen beliebt. In Deutschland und Böhmen entwickelten Baumeister kunstvolle neue Gewölbemuster. Netzgewölbe waren außerordentlich häufig: Statt der aus den Stützen schräg aufstrebenden und sich winkelförmig kreuzenden Rippen bedeckt ein Gitterwerk parallel verlaufender Rippen das ganze Gewölbe.
Eine andere Möglichkeit ist die gewundene Reihung der Gewölberippen, das ergibt wie in Wasserburg am Inn (Bayern) blumenartige Wirkungen, maßwerkgefüllte Fenster wie z. B. die Barbarakirche in Kuttenberg zeigen phantastische Muster im sondergotisch ausgebildeten Hallenchor. Kennzeichnend für die maßen verneinende gotische Spätzeit sind auch die hochaufragenden, spitzen, sich oft in Filigranwerk auflösenden Türme (Straßburg, Freiburg i. B., Ulm, Butterturm der Kathedrale von Rouen, Ende 15. Jahrhundert).
Ähnlich verschwenderisch-dekorativer Aufwand wurde mit der Kirchenausstattung getrieben, dem Taufbecken, der Kanzel und dem Tabernakel. Architektonische Motive wiederholen sich in den Glasfenstern. Die künstlerische Aufgabe der Zeit sind die großen Schnitzaltäre mit ihren Meistern Tilman Riemenschneider (um 1460-1531) und Veit Stoß (um 1445 ? 1533) die als die berühmtesten Bildschnitzer bzw. Bildhauer ihrer Zeit gelten. Ihre Gestalten sind individualisiert wie Porträts und doch auch stilisiert genug, um sich dem Thema der Darstellung anzupassen.
Englische Sonderformen
Die Baumeister in England schufen den sogenannten Perpendikular-Stil, den sie in den kunstreichen Holzkonstruktionen bei Sonderformen von Gewölben anwandten. Beispiele dafür sind der Chor der Kathedrale von York (um 1400, mit Liernen, »fliegenden« Rippen, die weder von einem Kämpfer noch von einem zentralen Schlussstein ausgehen) sowie die Kapelle Heinrichs VII. in Westminster, mit einem »Fächergewölbe« (ein Gewölbe mit Nebenrippen, die strahlenförmig von einem Kämpfer ausgehen).
Die gotischen Dekorationsformen des 15. Jahrhunderts sind im Ganzen gesehen weniger vielfältig als im 14. Jahrhundert. Kennzeichen für den erschöpften Formenvorrat ist die Neigung, in zahlreichen Fällen denselben Karton für Glasfenster verschiedener Kirchen zu benützen. Solche Wiederholungen machen deutlich, dass die ursprüngliche Frische des gotischen Stiles verbraucht, der Erfindungsgeist ausgelaugt ist. Der Weg für eine neue Kunst, für die Renaissance, ist nun auch in Nordeuropa offen, in Italien hatte sich diese Richtung schon seit dem Anfang des 15. Jahrhunderts durchgesetzt: auch die Rolle des Künstlers änderte sich - aus dem Handwerker wurde ein selbstbewusstes Individuum mit eigenem Stil.
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