Die Wirtschaft in Westeuropa (800 bis 1000)

Im 9. und 10. Jahrhundert galt Westeuropa als arme Verwandte der arabischen und byzantinischen Welt. Die natürlichen Hilfsquellen wurden schlecht genutzt, Handwerk, Kultur und politische Organisation hatten sich nur wenig entwickelt. Sozial und wirtschaftlich zurückgeblieben, war Europa außerdem im Osten von den Magyaren bedroht, aus den skandinavischen Ländern kamen gleichzeitig die Wikinger, oft raubend und plündernd.

Wachsende Selbständigkeit
Die vorübergehende politische Einigung durch die Karolinger (Karl der Große und seine Nachfolger) und das von ihnen entwickelte Wirtschaftssystem sind nur Teilaspekte der Verhältnisse im 9. Jahrhundert. Karl der Große unternahm den Versuch, das Münzwesen im gesamten Karolinger reich (mit dem Schwerpunkt in Frankreich) zu vereinheitlichen und zu stabilisieren. Preisvorschriften, Binnenzölle, ein einheitliches Maß- und Gewichtssystem sollten bei Missernten Ausbeutung verhindern. Diese Vorschriften wurden fast regelmäßig wiederholt, daraus kann man schließen, dass diese administrativen Maßnahmen nicht wirksam waren. Der Fronhof, ein Erbe der römischen Villa, blieb die grundlegende wirtschaftliche Einheit für die Produktion und den Verbrauch.

Die Wirtschaft stützte sich in der Zeit der Völkerwanderung auf die Großgüter der alteingesessenen Landaristokratie. Da Verkehr und Handel mehr und mehr darniederlagen, wurden diese landwirtschaftlichen Großbetriebe, die Fronhöfe, zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit, also zur Autarkie gezwungen. Neben diesen Grundherrschaften, die teilweise in den Besitz der Eroberer übergingen, gab es in Europa auch im 9. Jahrhundert noch freie Bauern. Ihren Untergang beschleunigte allerdings die Zentralisierungspolitik Karls des Großen (768-814) und die allen Freien auferlegten Pflichten. Die Freien übertrugen die eigenen Landrechte immer häufiger einem Gutsherrn und entgingen so den finanziellen Verpflichtungen, die auf ihnen lasteten.

Kirche, Handel und Kommerz
Der Verfall persönlicher Freiheit kam vor allem den großen Grundherrschaften des Adels und der Kirche zugute. Die meisten Quellen zur Agrargeschichte im 9. Jahrhundert beziehen sich auf Klöster, sie lassen auf eine gutdurchdachte landwirtschaftliche Organisation schließen.

Die Entwicklung der europäischen Städte ging sowohl von den alten Römerstädten (speziell in Italien und im Süden) aus als auch von den Festungen und Residenzen der Karolinger und ihrer Vorgänger, den Merowingern (z. B. Aachen, Nimwegen, Worms, Frankfurt, Regensburg). Andere Städte, auch Kaufmannssiedlungen bei älteren Städten wie z. B. Paris, entstanden um die Klöster, die allein in der Lage waren, Überschüsse für den Verkauf zu produzieren. Mangelhafte Quellen über Umfang, Art und Wege des Handels nach dem Untergang des Westreiches haben zu allerlei Spekulationen Anlass gegeben: So hatte angeblich die Wirtschaft der westlichen Welt die germanischen Einfälle überdauert und sei erst den maurischen Eroberungen im 7. Jahrhundert erlegen, daraus folgend habe der Verlust des Mittelmeeres sowohl den Handel zwischen Ost und West wie den in Westeuropa selbst unterbrochen - Übriggeblieben sei nur eine Art Naturaltausch. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass der Warenaustausch während der Völkerwanderung zwar zurückging, aber nie völlig darniederlag. Die Zentren des Handels verlagerten sich von der Provence und dem Languedoc an die Nordsee - nach Friesland, nach Holland und Flandern, nach Nordfrankreich sowie ins Rheinland. Der alte Handelsweg, von Ostia (dem Hafen Roms) über See in die Provence und von dort weiter auf dem Landweg, wurde durch einen neuen über die Alpen abgelöst. Italienische Häfen wie Amalfi und Gaeta betrieben einen etwas gefahrvollen Handel mit dem östlichen Mittelmeer. Der Aufstieg Venedigs im 10. Jahrhundert leitete eine neue Ära des Handels im Mittelmeerraum ein.

Karl der Große versuchte ein stabiles Münzsystem zu schaffen, denn er hatte erkannt, dass ein Münzsystem für den Warenaustausch wesentlich vorteilhafter war als der Naturalaustausch. Er konnte das königliche Münzmonopol jedoch nicht durchsetzen. Sein Silberdinar oder der Pfennig wurden Standardmünzen des mittelalterlichen Westens. Allerdings versorgte das karolingische Münzsystem den Westen nur mit kleinem Wechselgeld, zur internationalen Handelswährung wurden byzantinische Goldmünzen und der arabische Golddinar. Die Bevölkerung Westeuropas wuchs nach der Zeit der Völkerwanderung nur sehr langsam Die stagnierende Wirtschaft konnte große Städte mit 50 000 bis 100 000 Einwohnern nicht unterhalten, das war nur in der arabischen Welt (Kairo und Antiochia) und im maurischen Cördoba, Spanien, möglich.

Gewerbe und Landwirtschaft
Gewerbe, wie z. B. der Bergbau und die Weberei, steckten im 9. Jahrhundert noch in den Anfängen.

Die von den Römern übernommene Technik und Organisation der Landwirtschaft wandelte sich grundlegend: Der schwere Pflug mit Kolter und Streichbrett, das Schultergeschirr der Zugtiere wurden üblich, die Zwei- oder auch die Dreifelderwirtschaft entstand im frühen Mittelalter. Zwar ist deren Existenz auch schon im römischen Gallien belegt, wurde aber bestenfalls vereinzelt angewendet - nun jedoch wurde sie allgemein angewandtes System, weil es wohl den Bedürfnissen der Zeit und der Notwendigkeit entsprach, die Lehmebenen urbar zu machen.
 
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