Das Leben in Europa (1250 bis 1450)

Bis 1250 hatte sich die materielle Grundlage Europas, so wie wir es heute kennen, herausgebildet, viele Städte und Dörfer, die heute noch existieren, boten damals schon eine Bleibe. Wenn auch die Wälder noch größeres Rächen als heute bildeten, so wurden doch die Anbauflächen von nun an nicht mehr in dem schnellen Tempo wie bisher vergrößert. Die nächsten 200 Jahre standen im Zeichen von Bevölkerungsanstieg und von Produktionskrisen, neu war die Entwicklung der Techniken im Finanzwesen, im Handels- und Geschäftsleben. Hauptproblem war die hohe Bevölkerungszahl. Aus Steuerunterlagen geht hervor, dass sich im Laufe des 13. Jahrhunderts in Südengland und in der Provence die Zahl der Einwohner verdoppelt hatte. Ältere Städte wie beispielsweise Florenz dehnten sich über die alten Stadtmauern aus und bauten zahlreiche neue Kirchen. Überall in Europa wurden neue Städte gegründet.

Die Zunahme der städtischen Bevölkerung
Im Jahr 1250 hatte die Bevölkerung Europas etwa 70 Millionen erreicht, sie stieg im Jahr etwa um ein Prozent. Die Lebensmittelversorgung wurde allmählich schwierig. Die Bevölkerungsbewegung aus Deutschland nach Osteuropa erreichte im 13. Jahrhundert ihren Höhepunkt, gleichzeitig wurden die Grenzböden in den Randgebieten der Alpen und im Apennin zum ersten Mal unter den Pflug genommen. Höhere Lebenserwartungen zusammen mit höheren Geburtenziffern erzeugten in Europa eine schleichende demographische Krise.

Dieser Prozess führte zu neuen sozialen Erscheinungsformen, vor allem zu Großstädten, die das Bild Europas von Grund auf veränderten. Seit dem Untergang Westroms hatte es wahrscheinlich keine Stadt gegeben, die niemals 40 000 Einwohner zählte, jetzt gingen die Einwohnerzahlen von Venedig, Neapel, Barcelona, Brügge, Paris und einigen anderen weit über diese Grenzen hinaus. Einwanderer aus oft weit entfernten Gegenden strömten in die Städte, sie suchten Arbeit in den Webereien von Brügge oder Florenz oder in den aufstrebenden Gewerben von London und Paris. Über zwei große Häfen, Venedig und Genua, erhielt Europa Erzeugnisse des Orients, zu den ersten Europäern, die bis nach China gelangten, gehörte der Kaufmann Marco Polo (1254-1323) aus Venedig. Das Monopol für den Handel im Ostseeraum besaß die Hanse - ein mächtiger Städtebund.

In den Städten entwickelte sich ein vielfältiges Leben. Neue Buchführungs- und Banktechniken (die zuerst in Pisa und Florenz ausgebildet wurden) und das Aufkommen von Schifffahrtsversicherungen (in Venedig) machten internationale Handelsgesellschaften möglich, die Bardi in Florenz waren über ihre Niederlassungen in London und Brügge die größten Geldgeber der englischen Krone. Höflinge, bürgerliche Förderer der Künste und Männer von Welt setzten sich deutlich von einer neu entstehenden Schicht städtischer Armer ab. Die Mönche predigten für die städtischen Massen, Krankheit und Armut wurden durch zahlreiche Wohlfahrtseinrichtungen gemildert. Trotz aller Krisen vergrößerten sich die Großstädte ständig.

Ein Jahrhundert der Katastrophen
Durch Unterernährung fielen im 13. Jahrhundert immer mehr Menschen dem Hunger und den Seuchen zum Opfer. Ab 1309 häuften sich Missernten, die in ganz Nordeuropa eine Hungersnot auslösten. Die hohen Preise und das blühende Geschäftsleben des letzten Jahrhunderts gerieten ins Wanken, die Wirtschaft hatte sich zu stürmisch entwickelt. Der Unternehmensgeist der italienischen Banken wurde am schwersten getroffen, im Jahr 1343 löste die Zahlungsunfähigkeit der britischen Krone einen Bankenkrach aus, dem das Haus Bardi und viele andere zum Opfer fielen.

In den Jahren 1343-50 kam der schreckliche »Schwarze Tod«, die erste mehrerer Pestepidemien, die Europa in unregelmäßigen Abständen bis in das 18. Jahrhundert heimsuchten. Von Schiffen aus dem Orient eingeschleppt, breitete sich die Pest schnell vom Mittelmeer bis nach Nordeuropa aus. Ihre Auswirkungen waren verheerend: etwa die Hälfte der gesamten Bevölkerung starb. Einige Städte in der Provence verloren vier Fünftel ihrer Einwohner: zahlreiche Dörfer starben vollends aus. In Deutschland ging die Zahl der Siedlungen von 170 000 (1340) auf 130 000 (1380) zurück. Ein Teil Europas erholte sich wieder, aber die Pest forderte auch in den Jahren 1361, 1369 und 1379 weitere Opfer, um das Jahr 1400 war die Bevölkerung gegenüber dem Jahrhundert zuvor um wenigstens ein Drittel zurückgegangen. Der Tod nahm als Thema in der Kunst des ausgehenden Mittelalters eine herausragende Stellung ein. Eine Folge dieser Katastrophen waren soziale Unruhen in Stadt und Land. Zum ersten Mal erhoben sich Bauern und Städter gegen unfähige Regierungen. Es kam zu Bauernaufständen in Nordfrankreich (Jacquerie, 1358), in England (1381) und in Katalonien (1409-13). Bauern, Pächter oder Handwerker, die sich durch die geltenden Gesetze geknebelt fühlten, führten diese Aufstände.

Der Lebensstandard
Durch den allgemeinen Bevölkerungsrückgang hatten sich in England zwischen 1350 und 1415 die Löhne in Stadt und Land verdoppelt, während die Preise stabil geblieben waren, jetzt erreichten auch die unteren Klassen einen höheren Lebensstandard. Das zeigt sich etwa am Fleischverbrauch, der im 15. Jahrhundert einen zuweilen unglaublichen Umfang erreicht haben muss. Nach einem Jahrhundert der Katastrophen gelangte im 15. Jahrhundert auch der Bauer zu einem gewissen Wohlstand.
 
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