In den riesigen, gegen Ende des 11. Jahrhunderts erbauten Kirchen ist der Ostteil mit dem Hochaltar und den Reliquien immer reicher ausgebildet. Die gegliederten Außenfassaden und die Dächer der Chorkapellen, des Chorumganges, der Lichtgaden und der Galerien wurden von mächtigen Türmen überragt. Großplastiken mit streng gebundenen Gebärden und geometrischer Linienrhythmik akzentuieren die zentrale Stellung des Altars. Beim Eintritt ? im allgemeinen durch das Westportal ? sah der Pilger über sich auf dem Giebelfeld (Tympanon) eine Christusgestalt, umgeben von den Himmlischen Heerscharen oder Szenen aus dem Jüngsten Gericht.
Die Innenausstattung
Bruchstein wurde immer häufiger verwendet, er ließ sich auch besser bearbeiten. Durch die Unterteilung der Wände mit Bogen und Pfeilern übernahmen plastisch gestaltete Kapitelle und Portale (die zusätzlich bemalt wurden), in einigen Regionen auch farbige Glasfenster, die gliedernde und dekorative Funktion der großflächigen Wandmalerei. Während die Ausgestaltung der Kapitelle immer auf die Funktion als Bauglied Rücksicht nehmen musste, hatte ein Tympanon über einer Tür oder als Wandfüllung keine Funktion für die Statik, nur die Form war durch architektonische Faktoren bestimmt. Um die neuen Platz- und die Maßverhältnisse plastisch nutzen zu können, mussten daher die Tier- und Menschendarstellung anders interpretiert und die traditionelle Ikonographie geändert werden. Motive fand der Bildhauer bei den älteren Künsten der Metallbearbeitung und der Buchmalerei, die ihm einen unendlichen ikonographischen Formenvorrat lieferten. Im Gegensatz zur Architektur hatte die römische Kunst kaum Bedeutung oder Einfluss auf die romanische Plastik.
Diese durch die architektonischen Gegebenheiten erzwungene Abweichung vom Vorbild und die unterschiedlichen Techniken der Steinbearbeitung erklären die vielen Stile, die regional oft nicht einzugrenzen sind. Man muss bedenken, dass sich die Bauhütten aus wandernden Baumeistern, Steinmetzen, Bildhauern und Malern und nicht aus ortsansässigen Mönchen oder Arbeitern zusammensetzten, diese Handwerker wurden jeweils von den kirchlichen Bauherren verpflichtet. Einige der Meister signierten sogar ihre Arbeiten wie die Bildhauer Gislebertus in Autun oder Wiligelmus in Modena.
Gegen die Prachtentfaltung Immer mehr Kirchen entstanden und mussten ausgestattet werden. Deshalb siedelten sich Handwerker an den Orten an, an denen Aufträge und Rohstoffe leicht erhältlich waren. Zentren wie Köln und Lüttich (Metallarbeiten) oder Limoges (Emailarbeiten) schickten ihre Erzeugnisse ? und manchmal auch die Meister selbst ? überall hin in Europa. Ähnliches gilt wohl auch für die Bücher, insbesondere die luxuriösen Gebetbücher für den persönlichen Gebrauch der Äbte und Bischöfe. Eine derartige liturgische Prachtentfaltung führte zu Gegenreaktionen. Vor allem der Zisterzienserorden unter Führung von Bernhard von Clairvaux (1091-1153), Gründer der Abtei Clairvaux, kehrte zu den mönchischen Grundsätzen der Armut und Einfachheit zurück, die sich nach ihrem Empfinden mit bemalten Skulpturen und der großzügigen Verwendung von Edelmetallen und Juwelen nicht in Einklang bringen ließen.
Gegen Ende des 11. Jahrhunderts war es in Europa überall Mode geworden, die Kirchen einzuwölben, mit dieser Konstruktion musste die Notwendigkeit in Einklang gebracht werden, Licht ins Kircheninnere zu führen, damit die Kirchenschätze wirkungsvoll zur Schau gestellt werden konnten. Der dunkle mystische Innenraum machte allmählich dem offenen, weit gewölbten Raum Platz, in den Tageslicht direkt eindrang, manchmal durch farbige Fenster gefiltert. In tonnenüberwölbten Kirchen übt der langgestreckte steinerne Halbzylinder, der das Dach bildet, einen gleichmäßigen Druck nach außen aus, er erfordert eine durchlaufende Stützung. Der Einbau von Fenstern gefährdete daher die Stabilität des Gewölbes.
In Poitou ruht das Tonnengewölbe unmittelbar auf einer Reihe eng gestellter, sehr hoher Säulen. Große Fenster in den Mauern des Schiffes überfluten den Mittelraum mit Licht. Das war jedoch nur in schmalen, einschiffigen Bauten sinnvoll, denn die obere Hälfte der Kirche blieb dunkel. Große, lichte, weite Räume ließen nur solche Konstruktionen zu, die auf durchlaufende Stützung des Gewölbes verzichteten.
Neue Gewölbeformen
In Westfrankreich wurden um 1100 durchlaufende Gewölbe durch Gurtbögen unterteilt. Diese Konstruktion konzentrierte den Schub auf die vier Auflager der Gurtbogen, die besonders abgestützt werden mussten. Das zwischenliegende Mauerwerk hatte keine statische Funktion mehr und konnte jetzt durch Fenster ersetzt werden. Diese Lösung war für die herkömmlich seitenschifflosen Kirchen geeignet. Anderswo hielt man Seitenschiffe für notwendig. Über Seitenschiffen und Chorumgängen benützte man Kreuzgewölbe (gebildet durch zwei sich rechtwinklig kreuzende einfache Tonnengewölbe). Auch hier übernahmen die vier Auflager den Druck des Gewölbes, so dass die Zwischenwände Fenster aufnehmen konnten.
In Nordfrankreich entwickelte sich aus diesen Konstruktionsprinzipien etwa ab 1140 ein Baustil, der später Gotik genannt wurde, er verzichtete weitgehend auf die nun funktionslose Wandfläche. In Deutschland wurde aber noch bis ins 13. Jahrhundert »romanisch« weitergebaut, erst dann setzte sich die neue, die »gotische« Konstruktion durch.
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